Dank jugendlicher Routine zum Erfolg

Frankreich gewinnt in EM-Qualifikations gegen Island 4:0. Bester Mann auf dem Platz ist der 20-jährige Kylian Mbappé, für den Real Madrid bereit ist, 280 Millionen Euro zu zahlen.

Trotz seiner erst 20 Jahre ist Kylian Mbappé bereits zur unverzichtbaren Stammkraft im französischen Nationalkader gereift.

Trotz seiner erst 20 Jahre ist Kylian Mbappé bereits zur unverzichtbaren Stammkraft im französischen Nationalkader gereift.

(Bild: Keystone Christophe Ena)

Oliver Meiler@tagesanzeiger

Von Didier Deschamps gibt es Sätze, die sind so elementar in ihrer Logik, dass sie für sich ewige Gültigkeit reklamieren. Als der französische Fernsehsender M6 zur Pause des Spiels Frankreich gegen Island, Qualifikationsgruppe H für die Europameisterschaften, den Coach der Bleus zu deren Leistung befragte, sagt der: «Unser Plan ist es, eine Spielaktion jeweils in einer Hälfte zu beginnen und in der anderen zu beenden.» Hat es jemals jemand schöner gesagt? Den Weltmeistern gelang dieses organische Hälftewechseln ganz gut, manchmal sogar fliegend.

«Neues ist immer nett»

Am Ende stand ein ausgeruhtes 4:0. «L’ Équipe» titelt: «La fête continue.» Die Party geht weiter. Vor einigen Tagen hatte man Moldawien 4:1 geschlagen, die Nr. 170 des Weltfussballs. «Groupe H» ist nun mal keine Hammergruppe, Andorra, Albanien und die Türkei stehen noch auf der Liste. Und so fragte man sich in Frankreich, warum DD nicht ein bisschen experimentieren mochte, eine Nuance Neues wagen, eine sanfte Renovation. War zwar noch nie sein Ding, aber diesmal, mit diesen Gegnern, wäre doch etwas möglich gewesen. Fanden die französischen Medien.

Er hätte zum Beispiel Clément Lenglet und Aymeric Laporte befördern können, respektive Stammverteidiger beim FC Barcelona und bei Manchester City. Sie wären ziemlich valable Alternativen zu Samuel Umtiti von Barça und Raphaël Varane von Real Madrid, dazu zweifellos in besserer Form. Doch Deschamps ist ein Wohlfühltrainer, einer, dem die soziale Kompatibilität unter den Spielern wichtiger ist als deren jeweiliger Formstand. Und wenn die in ihren Klubs nicht spielen? Tant pis, sei’s drum. «Ich verstehe euch ja,» sagte Deschamps unlängst zu den Journalisten, «Neues ist immer nett.»

Solange er Erfolg hat, ist die legendäre, schrullige Sturheit des Basken nur ein weit entferntes Nebengeräusch. Umtiti zum Beispiel fiel im Klub wegen einer Verletzung lange aus, Lenglet machte ihn beinahe vergessen. Doch gegen Island stand wieder Umtiti in der Startelf und traf dann auch noch mit dem Kopf zum 1:0. Auch Olivier Giroud, der Mittelstürmer, spielt nur noch selten in seinem Verein, dem FC Chelsea. In der Premier League bringt er es in dieser Saison auf nur sechs Volleinsätze. Bei der WM in Russland gelang ihm das recht unglaubliche Kunststück, in 546 Spielminuten nicht ein einziges Mal aufs Tor zu schiessen. Als Neuner.

Die personifizierte Zukunftsversicherung

Und was macht Deschamps? Behält ihn im Team, weil er dessen Rackerqualitäten schätzt, dieses konstante Pressing gegen die gegnerischen Abwehrreihen, die Turmfunktion auch fürs hohe Anspiel. Giroud, der Vielbelächelte, schafft Räume, wo es sonst keine gäbe. Und gegen Island erzielte er das 2:0, mit der Innenseite des Oberschenkels, irgendwie halt, wie sich das für einen richtigen Stürmer gehört. Auf der Allzeitrangliste französischer Topscorer steht Giroud nun an dritter Stelle, mit 35 Treffern. Nur Thierry Henry (51) und Michel Platini (41) trafen in ihrer Karriere öfter als «Olive», wie sie ihn nennen. Hinter Giroud rangieren mittlerweile David Trézeguet, Zinédine Zidane, Jean-Pierre Papin und Juste Fontaine – das vereinte Gotha des französischen Fussballs.

Räume schafft Giroud unter anderem für Kylian Mbappé, 20 Jahre alt, die personifizierte Zukunftsversicherung der Franzosen. Mbappé braucht gar nicht sehr viel davon, um allen Gegnern die Sinne zu verdrehen mit seinen schnellen, fintenreichen Läufen über rechts, links, auch mal durch die Mitte. Das Deschamp’sche Hälftewechseln wirkt dank Mbappé oftmals wie ein Kinderspiel. Der junge Mann war gegen Island wieder der Beste, er schoss das 3:0 im Straucheln, nachdem er schon den Ball auf den Kopf Umtitis serviert hatte, und er legte dann auch für Antoine Griezmanns 4:0 auf. So viel Routine, so früh – wann hat es das schon mal gegeben?

Der Vorstoss in neue Dimensionen

Mbappé könnte bald zur Hauptfigur eines langen und ziemlich verrückten Sommerfeuilletons werden. «France Football» schreibt, Real Madrid interessiere sich dermassen intensiv für den Spieler aus der Pariser Banlieue, dass es bereit sei, alle bisherigen Richt- und Rekordwerte in diesem Geschäft zu pulverisieren. 280 Millionen Euro sollen für den Transfer bereitstehen. Das wären fast sechzig Millionen mehr, als Paris St. Germain vor zwei Jahren für die Dienste von Neymar Junior nach Barcelona überwiesen hatte. Und hundert Millionen mehr, als PSG für die Verpflichtung von Mbappé investierte.

Ein Wahnsinn? Das kommt wohl auf die Perspektive an. Florentino Pérez, dem Präsidenten Reals, wirft man Fahrlässigkeit vor, weil er Cristiano Ronaldo ziehen liess, ohne ihn passend zu ersetzen. Mit einer Grossnummer des Sports, einem Galaktischen aus derselben sportlichen Kategorie und Marketingklasse wie CR7, oder eben knapp darunter. Eden Hazard zum Beispiel, oder Neymar. So die Wunschwahl tatsächlich auf Mbappé gefallen sein sollte, dann hat wohl Zidane nach ihm gefragt, der alte und neue Trainer des Vereins. Ohne eminente Personalzusagen liess er sich ja wohl kaum überzeugen, seine eigene, schier unverbesserbare Erfolgsära mit drei Siegen in der Champions League in Folge herauszufordern. Alle dementieren. Aber auch das gehört nun mal zu einem guten Feuilleton.

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