Carlettos weiche Hand

Real Madrid verliert die Tabellenführung in der spanischen Meisterschaft. Und Trainer Carlo Ancelotti muss sich viel Kritik anhören für seinen antiautoritären Führungsstil.

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Oliver Meiler@tagesanzeiger

Der spanische Fussball verhandelt in diesen Tagen mit besonderer Leidenschaft die Fertigkeit einer Hand, jedoch nicht aus anatomischem Interesse. Es ist nämlich so, dass Carlo Ancelotti, dem Trainer von Real Madrid, der Ruf anhängt, er habe eine «mano floja» – eine weiche, sanfte, vielleicht sogar schlappe Hand im Umgang mit seinen Spielern. Das ist solange kein Problem, als die Mannschaft gewinnt, Titel in Serie, kollektive und individuelle Trophäen, ganz im Einklang mit den königlichen Ansprüchen. Und das gelang Real unter dem Italiener ja bisher mit Konstanz: Allein im Kalenderjahr 2014 gewann man die Champions League, die Copa del Rey, den europäischen Supercup und die Clubweltmeisterschaften.

Nun aber, im laufenden 2015, gewinnt man plötzlich nicht mehr so oft, spielt flach, auch etwas lustlos und charakterarm. Und schon ist der alte Vorwurf der fehlenden Autorität wieder zurück. Hat «Carletto» seine Stars nicht mehr in der Hand? Versagt sein Händchen? Die Hand, immer die Hand! Die Zeitung «Marca» wähnt Real Madrid im «freien Fall». An diesem Wochenende verloren die Madrilenen gegen Athletic Bilbao im Baskenland 0:1. Ein wuchtiger Kopfball von Aritz Aduriz, einem 34-jährigen Basken, der gerade seinen zweiten Frühling erlebt, reichte den Gastgebern für den Sieg. Bilbao hatte wohl einen stärkeren Gegner erwartet, einen, den die Kritik der letzten Wochen aufgeweckt hätte, der sich die nötige Laune anspielen wollen würde für das Rückspiel in der Champions League an diesem Dienstag in Madrid gegen Schalke 04.

«Wir sind ziemlich konfus»

Doch wieder war da nichts: kein Aufbäumen, kein stolzes Zucken. Real Madrid verlor die Tabellenführung in der Primera División mit schierer Nonchalance an den FC Barcelona, der am Sonntag Rayo Vallecano 6:1 schlug. Drei Tore gab es von Lionel Messi, zwei weitere von seinem zusehends gelösten Sturmpartner Luis Suárez.

Reals kuriose Apathie befällt mittlerweile alle Spieler, ohne Ausnahme. Cristiano Ronaldo hat nun schon in vier von acht Meisterschaftsspielen in diesem Jahr nicht ein einziges Mal gezielt aufs Tor geschossen. Seit er im Januar den Ballon d’Or gewann, wirkt er flau, wie gesättigt. Niemand springt in die Lücke. Diesmal gelang Reals Millionensturm, diesem Galatrio um Ronaldo, Gareth Bale und Karim Benzema, in der gesamten ersten Halbzeit gegen das mittelprächtige und erst noch ersatzgeschwächte Bilbao kein Torschuss. Sturm und Mittelfeld funktionieren autonom, ohne Verbindungskanäle. Die schnelle Schaltung, Reals Urstärke, ist weg. Auch Toni Kroos wird kritisiert, er sollte das Scharnier im Zentrum geben. Ancelotti sagte es nach dem Spiel so: «Unser Problem ist ein fussballerisches, ein technisches – vor allem vorn, in der Offensive. Wir sind langsam und ziemlich konfus.»

Eben, da fehlt eine klare Handschrift. Die Madrider Zeitung «El Mundo» fragt ihre Leser in einer Onlineumfrage: «Müsste Ancelotti die Spieler mit härterer Hand führen?» Und natürlich finden die, ja, sollte er. Aber kann er das auch? Der Bauernsohn aus der Emilia, einst selber ein eleganter Mittelfeldspieler, mag es, wenn der Tonfall in der Kabine gepflegt, der Umgang erwachsen gestaltet ist. Das war immer schon so, auch auf seinen früheren Stationen beim AC Milan, beim FC Chelsea, bei Paris Saint-Germain. «Ich habe meine Spieler gerne auf Augenhöhe», sagte er unlängst, «die autoritäre Pose entspricht mir nicht.» Und die Spieler lieben ihn dafür. Als Real im Hinspiel gegen Schalke 04 das 2:0 geschossen hatte, stürmten alle zur Seitenlinie, um «Carletto» mal ihre Wertschätzung zu offenbaren, möglichst öffentlich. Der Portugiese Pepe, sonst eher ein Freund des männlich dezidierten Kommunikationsstils, verbal und spielerisch, prägte den herzerwärmenden Satz: «Wir sind wie eine Familie, und Ancelotti ist unser Vater.»

Schwindende Dankbarkeit

Nur ganz oben, im Clubdirektorium, mögen sie diese Romantik nicht so sehr. Von Präsident Florentino Pérez heisst es, er lästere ständig über den zuckerbrotigen Ancelotti und trage befreundeten Journalisten auf, die Weichhand in ihren Berichten mit Fragezeichen zu überhäufen. Pérez fand mehr Gefallen an José Mourinho, Ancelottis Vorgänger. Der hatte das Publikum mit bizarren bis kindischen Machtspielchen unterhalten, seine Spieler öffentlich blossgestellt, seine Kritiker auf der Ersatzbank leiden lassen, wie das Lehrer tun, die ihre Schüler in eine Ecke stellen.

«Carletto» kam als «Friedensstifter». In eineinhalb Jahren gewann er mehr Titel als Mourinho in dreien, söhnte alle Akteure wieder miteinander aus, behandelte die Herrschaften wie Erwachsene. Auf die sanfte Tour, mit langen Einzelgesprächen. Als man Ancelotti letzte Woche bei einer Pressekonferenz auf seine «mano floja» ansprach, sagte er: «Mit dieser weichen Hand habe ich schon dreimal die Champions League gewonnen.» Laut wurde er zwar nicht dabei. Doch für seine Verhältnisse war der Satz ein bemerkenswerter Gefühlsausbruch, eine Faust auf den Tisch. Hören sollte man sie vor allem oben, in den Direktionsetagen, wo sie ein bisschen gar schnell alle Dankbarkeit verlieren.

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