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Berner Seele

Der Fussball mag gerade seine Seele verkaufen. Nicht aber in der Schweizer Hauptstadt.

Das leere Berner Stadion und Pedro Lenz mit Christian Brantschen beim Feiern des Meistertitels.
Das leere Berner Stadion und Pedro Lenz mit Christian Brantschen beim Feiern des Meistertitels.

Es war halb vier am Morgen, beim Warten auf den ersten Zug, zurück aus der neuen Hauptstadt des Balls in die Hauptstadt des Pucks. Ein junger Mann, vielleicht 20, mit einer Dose Bier in der Hand kam im Unter­geschoss des HB Bern auf mich zu, fröhlich war er, sehr beschwingt, und er sagte: «Bisch o glücklech? Äs isch so huere schön.»

Er trug das gelbe Leibchen, das sich in dieser Nacht viele übergezogen hatten, «Meister» stand vorne drauf und eine «12» hinten, die Anzahl Titel seit ­diesem Abend, und er sagte, er sei bei jedem YB-Spiel dabei, er stehe in der Kurve der Treuen, aber heute hätten sie lange Zeit gar nicht so laut singen können, so nervös seien sie gewesen. Und jetzt müsse er nach Hause, mit dem Nachtbus nach Worb, und er müsse am Fernsehen nochmals alles anschauen, erst dann könne er glauben, dass er nicht träume.

Hoeness mit dem Hoeness-Schal

Es war die Woche, in der das ZDF eine Reportage brachte, «Kick & Cash», einen Film über die Totengräber der Fussballkultur, wie ein Sport seine Seele verkauft und der Ball aufgeblasen wird von den Millionen und Milliarden aus Katar und Russland, und die Frage, wann das Geld alles kaputt machen würde, und viele Fans aus der Kurve sich abwenden, weil sie genug haben von der immer grösseren Kommerzialisierung und dem Fussball ohne Herz.

Es war der Mittwoch in jener Woche, die Bayern spielten in der Allianz-Arena gegen Real. Uli Hoeness hatte wie immer seinen roten Wagen direkt vor dem Stadion parkiert, er nahm aus dem Kofferraum seinen rot-weissen Schal, den Uli-Hoeness-Schal, wie er im Fanshop verkauft wird, er begrüsste nachher Politiker, Schauspieler und grosse Namen aus dem Fussball von einst, und ein schwergewichtiger Russe, es soll einer der reichsten Männer der Welt sein, umarmte und herzte ihn innig auf der Rolltreppe hoch zur Loge und liess ihn fast nicht mehr los. Und dann sass Hoeness auf seinem Sitz, leidend, bangend, einmal jubelnd, mit der Faust zum Himmel.

Er hatte in der ZDF-Reportage gesagt, wenn das Spiel beginne, samstags um halb vier oder unter der Woche abends um Viertel vor neun, dann könne man für 90 Minuten noch Fussball-Fan sein, aber es mache ihm auch Sorgen, diese ganze Entwicklung.

Eine ganze Stadt umarmte sich

Es kam die Nacht in Bern. Diese Lieder, immer wieder von den Träumen, die nicht scharlachrot, sondern gäubschwarz sind, die Hosen mit den «Tagen wie diesen» schepperten durch die lange Nacht, aus den Lautsprechern im Stadion mit Zehntausenden von Menschen, die nur eines waren: überwältigt, glückselig.

Eine ganze Stadt oder ein ganzer Kanton umarmte sich, friedlich auch nach dem zehnten Bier, Pedro Lenz, der Poet, und Christian Brantschen, der Pianist, posteten ein Bild, beide schreiend vor Glück, es war weit nach Mitternacht. Und der junge Mann im Hauptbahnhof, er lief irgendwann weg, summte das Lied, das auch zur Nacht gehörte, vom Glück, das einem irgendwann und endlich doch noch findet. «Kennsch es?», sagte er. Und summte weiter.

In diesem Moment musste ich an den Film im ZDF denken. Eine Berner Seele hat der Fussball noch.

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