Bei PSG hilft bald nur noch beten

Trotz des Gewinns der französischen Meisterschaft verblasst der Glanz von Paris Saint-Germain. Misstöne und Fehltritte häufen sich.

Nach oben orientiert: PSG-Stürmerstar richtet nach dem Gewinn des Meistertitels den Blick Richtung Himmel und geniesst den Moment – zuerst ganz allein.

Nach oben orientiert: PSG-Stürmerstar richtet nach dem Gewinn des Meistertitels den Blick Richtung Himmel und geniesst den Moment – zuerst ganz allein.

(Bild: Keystone Michel Euler)

Oliver Meiler@tagesanzeiger

Auf den ersten Blick mögen die Bilder nicht so gut zusammenpassen: «Autopsie eines Schiffbruchs», titelt «Le Parisien», als liesse sich der Kahn, von dem hier die Rede sein soll, so einfach auf ein Leichenbett legen und sezieren, Teil um Teil. Doch dann führt die französische Zeitung vor, wie das geht. Sogar einen Sportpsychiater zog sie bei, um das prominente und ziemlich spektakuläre Kentern von PSG, dem katarisch finanzierten Verein der Hauptstadt, zum Ende der Saison zu erklären, einigermassen. Die ungewohnt vielen Niederlagen in Meisterschaft und Pokal, das blamable Ausscheiden aus der Champions League, die Misstöne von Trainer und Spielern.

Eine Szene aus dem Stade de France, wo die Pariser gegen Rennes am Wochenende den Final in der Coupe de France verloren haben, steht nun stellvertretend für die üble Stimmung, die den Verein umweht. Einige Sekunden ist sie nur lang, sie ging schnell viral. Man sieht darauf Neymar Junior, den brasilianischen Weltstar des Clubs, wie er mit seinen Kameraden die Treppen hochsteigt, um die Trostmedaille für die Finalteilnahme entgegenzunehmen. Plötzlich bleibt er stehen, dreht sich um und schlägt einem Fan von Rennes, den die Welt bald als Edouard kennenlernen sollte, 28 Jahre alt, Kurier aus Nantes, mit der Faust ins Gesicht.

Edouard, so hört man, hat Neymar provoziert. «Hey, lern doch mal, Fussball zu spielen», soll er ihm zugeraunt haben. Kurz davor hatte Edouard schon Gianluigi Buffon, den zweiten Torwart der Pariser, als «bouffon» beschimpft, als Clown, als Hofnarr. Doch Buffon, mittlerweile 41, hat schon viel erlebt in seiner langen Karriere, er überhört so etwas mit eleganter Nonchalance.

Neymar ist nur auf sich fixiert

«Ney» nicht. «Ney» ist nervös. Nicht dass ihn das Schicksal des Vereins, der ihm jährlich 30 Millionen Euro netto überweist, sonderlich zu kümmern scheint. Aber seiner eigenen Karriere, der globalen Strahlkraft schadet ein Schmachgang samt Beleidigung hinauf zum Trostpreis. Sie lebt nun mal von Titeln, Trophäen, Auszeichnungen, Rekorden. In Paris sollten sie sich in industrieller Quantität mehren, wie von selbst sozusagen. Und nun also das.

Video: Neymar wird handgreiflich

Unschöne Szene: Der brasilianische Superstar in Diensten von PSG haut einem Rennes-Fan die Faust ins Gesicht. (Video: Twitter)

Seitdem der Emir aus Katar den Verein 2011 gekauft hat, um damit alles zu gewinnen, auch international, waren die Pariser erst einmal weniger erfolgreich als in diesem Jahr, nämlich im Jahr 2. Die laufende Saison beschliessen sie mit nur zwei Titeln: dem französischen Supercup aus dem vergangenen Sommer, der gar nichts zählt, und die Meisterschaft der Ligue 1, das absolute Minimalziel. Das Budget von PSG, etwa 560 Millionen Euro, ist grotesk viel höher als das der nationalen Konkurrenz.

Eine kaum verschweisste Gruppe

Der sonnige Leichtfuss aus Santos, er schaut plötzlich recht düster drein. Nach der Faustschlagszene schob Neymar auch noch eine Spitze gegen die jungen Spieler im Verein nach. Die hätten keinen Respekt, nicht einmal vor dem Trainer. «Sie reden zu viel und hören nie zu», sagte er. In Paris sind sie überzeugt, dass er damit auch Kylian Mbappé meinte, den 20-jährigen Pariser Vorstadtjungen mit dem Potential eines Überfliegers, seinen Sturmpartner und heimlichen Rivalen. Mbappé ist schon Weltmeister. Die Fans lieben ihn. Sein Marktwert übersteigt jenen Neymars. Real Madrid buhlt um beide, noch lieber wäre den Spaniern aber Mbappé. Und wer hat wohl mehr Aussicht auf den Ballon d’ Or? Mbappé würde ganz gerne bald gleich viel verdienen wie Neymar, warum auch nicht: Real klopft.

Risse ziehen sich durch das Team. Die Franzosen darin ärgern sich, dass man den Brasilianern, vor allem Neymar und Dani Alves, alle Extrawürste und Unpünktlichkeiten durchlässt, während sie selbst wie Schülerbuben behandelt würden. Mbappé kam mal fünf Minuten zu spät zum Training und wurde dafür bestraft. Neymar aber darf sich in Rio von seiner Verletzung erholen, während des Karnevals. Der Sportpsychiater im «Parisien» sagt, die Gruppe sei nicht verschweisst, und das ist wohl eine Untertreibung.

Die Spieler werden verhätschelt

Dafür gerät nun auch Trainer Thomas Tuchel in die Kritik. Er sei überfordert von der Situation, heisst es. Die erst kürzlich beschlossene Vertragsverlängerung sollte ihn nicht in einer falschen Gewissheit wiegen: Die Katarer bewiesen in der Vergangenheit, dass sie sich nicht scheuen, richtig viel Geld in die Hand zu nehmen, um einen Angestellten aus einem laufenden Vertrag zu entlassen. Einer von Tuchels Vorgängern, der Franzose Laurent Blanc, erhielt eine Entschädigung von 22 Millionen Euro, als der Emir seine Freude an ihm verlor. Die Entschädigungsklausel war keine Bremse. Tuchel galt während drei Vierteln der Saison als glückliche Wahl, als innovativer Trainer, der sein Personal auch revolutionär umschulte, wenn das seinen Zielen dienten.

Nun sagt er selbst, die Mannschaft sei «mental fragil», es fehle ihr an Intensität, sie mute wie abgeschaltet an, das alles sei unerklärlich. Es ist, als erreiche Tuchel seine Spieler nicht mehr. Das ist auch deshalb erstaunlich, weil gerade die Nähe des Trainers zu seinem Starensemble als vorbildlich gegolten hatte, ja gar als übertrieben körperlich. Nun fragt man sich in Paris, ob nicht etwas mehr Strenge gut täte. Auch der Sportdirektor und vereinsinterne Kontrahent Tuchels, der Portugiese Antero Henrique, gilt als umgänglicher Spielerversteher. Und Nasser al-Khelaifi, der Präsident aus Doha, hätschelt seine Lieblinge im Team wie ein Fan, der sich den Traum seines Lebens erfüllt.

Neuerdings sieht man ihn nur noch selten in Paris. Al-Khelaifi hätte dem Emir ja schon längst die europäische Krone besorgen sollen, den Sieg in der Champions League. Fünf Jahre waren dafür ausgemacht gewesen, für die Glorie Katars. Nun sind schon acht Jahre vorbei – und mehr als 1,5 Milliarden Euro verpufft.

Redaktion Tamedia

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