Auf der Bühne des Weltmeisters

Roman Bürki, Diego Benaglio, Yann Sommer, Marwin Hitz – 4 der 18 Schweizer Profis in der Bundesliga sind Torhüter.

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Peter M. Birrer@tagesanzeiger

Die Kolonie der Schweizer in der Bundesliga ist mit dem Wechsel von Steven Zuber zu Hoffenheim angewachsen, sie umfasst jetzt 18 Spieler. Allein 4 davon ­stehen im Tor: Roman Bürki in Freiburg, Diego Benaglio in Wolfsburg, Yann Sommer in Mönchengladbach und Marwin Hitz in Augsburg.

Die bemerkenswerte Quote führt Patrick Foletti auf die spezifische Förderung in den letzten Jahren zurück. Der Goalietrainer der Nationalmannschaft hat selber andere Zeiten erlebt. Als er Mitte der 90er-Jahre Torhüter bei GC war, kümmerte sich Chefcoach Christian Gross einmal wöchentlich ex­tra um ihn und seine Kollegen. ­Ansonsten waren sie ins normale Mannschaftstraining eingebunden.

Inzwischen gehört es zu den ­Lizenzauflagen, dass jeder Club in der Super League einen Goalie­trainer angestellt hat, der Module ­absolviert und am Ende der zweiwöchigen Schulung eine Diplomarbeit schreiben muss. «Unsere Ausbildung ist vorbildlich», sagt Foletti. Ihn überrascht es nicht, dass sich ausländische Vereine in der Schweiz umschauen, wenn sie ­einen Torhüter suchen.

Bürki: Einst wild, heute seriös – und beim SC Freiburg

Es gab die Option, bei GC zu bleiben. Oder nach Basel zu wechseln mit der Aussicht, Champions Lea­gue zu spielen. Aber Roman Bürki suchte bewusst das Neue, mit 23 Jahren hat er einen anderen Ehrgeiz, als viermal auf den gleichen Gegner zu treffen, und der trostlose Rahmen des Letzigrunds hält sowieso keinen in Zürich. «Ich war bereit für den nächsten Schritt», sagt Bürki. Und der nächste Schritt führte ihn über die Grenze ins nahe Freiburg im Breisgau. Nach den ersten ­Wochen fasst Bürki zusammen: «Gutes Team, gute Trainer, gute Infrastruktur, alles gut. Der Club passt zu mir. Und umgekehrt.»

Er sitzt in einem Sessel auf der Geschäftsstelle des Sportclubs und wirkt zufrieden. Zum kompletten Glück fehlt ihm nur noch eine ­eigene Wohnung – und dass Trainer Christian Streich ihm sagt, dass er auch wirklich seine Nummer 1 ist. Anfang Rückrunde kontaktierten die Freiburger den Schweizer, immer wieder schickten sie einen Scout zu GC-Spielen, und in den Gesprächen liessen sie keine Zweifel offen: Bürki wollten sie als Stammkraft. Er dachte: «Das ist die perfekte Chance.»

Als aber die Deutschen auch den Zuzug von Sebastian Mielitz vermeldeten, auch er ein Goalie mit Ambitionen, war die Rollenverteilung auf einmal nicht mehr klar. Streich will sich erst nächste ­Woche festlegen, wer in der Meisterschaft im Tor steht. «Diese Ungewissheit hatte ich nicht, als ich unterschrieb», sagt Bürki. Heute im Cup in Trier sitzt er auf der Bank. Aber er verlässt sich auf seine Qualität: «Ich setze mich durch.»

Dazu passt nur schon das Urteil von Freiburgs Sportdirektor Klemens Hartenbach, der Bürki als «kompletten Torhüter» beschreibt: «Viele sind auf der Linie stark. Roman beherrscht aber den ganzen Strafraum.» Festgestellt hat Hartenbach, wie Bürki sich in den letzten eineinhalb Jahren entwickelt hat. Als der Bundesligist anfing, ihn zu beobachten, fiel sein wilder Stil als Erstes auf. Inzwischen, findet der Freiburger Manager, sei er «sehr seriös». Sein Schweizer Goalietrainer Andreas Kronenberg fügt an: «Bürki hat an Reife gewonnen. Wir brauchen einen Torhüter wie ihn, der wach ist und das Spiel offensiv interpretiert.»

Als Junior schwärmte Bürki für die Bayern, er besass ein Trikot von Mario Basler. Noch grösser war aber seine Liebe zu Manchester United von Ryan Giggs, David Beckham und Peter Schmeichel. Er wusste Bescheid über die grossen Namen in den grossen Ligen ­Europas, und eines Tages, sagte er sich, wollte auch er diese Bühne betreten. Freiburg bietet ihm nun diese Chance, ein Club, der zwar nicht die Ausstrahlung von Bayern oder Manchester hat, aber seit 2009 hartnäckig seinen Platz in der Liga des Weltmeisters verteidigt.

Bürki ist lernwillig und lerngierig, er orientiert sich an Manuel Neuer, «es gibt derzeit weltweit keinen besseren Goalie als ihn». Dass der Berner seinen Aufstieg in Freiburg fortsetzt, davon ist Patrick Foletti überzeugt: «Drei Komponenten zeichnen Roman besonders aus: Athletik, Technik und gesunde Aggressivität.» Überholt hat Bürki in der Hirarchie der Besten des Landes Marco Wölfli, einst noch sein Vorbild bei YB. Nur beim Thema Nationalgoalie bleibt er vorsichtig. Er durfte mit an die WM nach Brasilien, «eine Riesensache», aber das hat für ihn die Reihen­folge nicht geändert: Benaglio ist der Chef, «er war einer der stärksten Goalies an der WM». Sommer kommt dahinter. Und mit beiden pflegt er ein kollegiales Verhältnis.

In Freiburg will er «kein Gschtürm» mit Mielitz, aber die Chancen, dass eine Freundschaft entsteht wie im Nationalteam, ist gering: «Nach dem Training gehen wir getrennte Wege.»

Benaglio: Das Gesicht des VfL Wolfsburg

Kein Schweizer Goalie kennt die Bundesliga besser als Diego Benaglio. Im Januar 2008 fand der bald 31-Jährige nach Wolfsburg, wurde 2009 mit dem VfL Deutscher Meister und vor zwei Jahren auch Captain. Er wertet das als Vertrauensbeweis und Hinweis darauf, «dass ich meine Arbeit offensichtlich ganz gut mache». Es gab Zeiten, da war er neben dem Tschechen Jaroslav Drobny der einzige ausländische Goalie in Deutschland. Jetzt zählen nur schon drei Vereine neben Wolfsburg auf Schweizer Dienste: «Wir dürfen stolz sein, das in einem Land mit einer reichen Torhütertradition geschafft zu haben.»

In der Autostadt besitzt Benaglio einen Vertrag bis 2016 mit ­Option auf Verlängerung. Er hat seine zweite Heimat gefunden und sagt: «Ich schliesse es nicht aus, meine Karriere hier zu beenden.» Er sieht keinen Anlass, einen Transfer zu erzwingen und das Risiko einzugehen, einen Status zu verlieren, den er sich über Jahre aufgebaut hat. Benaglio ist zu ­einer unantastbaren Grösse gereift, er gibt dem Verein ein Gesicht, so ­erwähnt es Manager Klaus Allofs gern. Allein in der Bundesliga hat Benaglio 193 Spiele bestritten, in der Champions League war er auch. «Er kann mit Druck nicht nur gut umgehen», sagt Patrick ­Foletti, «er ist fähig, unter besonderem Druck viel zu leisten.»

Hinter sich hat Benaglio seine zweite WM mit der Schweiz, eine mit tränenreichem Ende. Das schmerzhafte Aus im Achtelfinal sass tief, aber er verarbeitete es in den ersten Ferientagen so gut, dass der 51-fache Nationalspieler nun sagen kann: «Das ist ein abgeschlossenes Kapitel, ich bin ­bestens erholt.» Und bereit, um mit seinen Kollegen den 5. Rang der Vor­saison zu bestätigen, also: «Einen Europacupplatz erreichen.»

Sommer: Der Sänger von Mönchengladbach

Die gleiche Ambition verfolgen sie auch in Mönchengladbach, und auch sie vertrauen auf einen Schweizer Rückhalt. Als Marc-André ter Stegens Abgang zum FC Barcelona feststand, fanden sie ihren neuen Goalie in der Schweiz: Yann Sommer unterschrieb einen Fünfjahresvertrag.

Zumindest der Einstieg wurde ihm einfach gemacht. Familiär sei der Club, «ähnlich geführt wie Basel», sagt der 25-Jährige. Darum hielt sich die Nervosität in Grenzen. Erhöhten Puls hatte er höchstens, als er vor versammelter Mannschaft und dem Trainerstab als Neuling singen musste, so verlangt es das Aufnahmeritual von den Neuen. Sommer wählte «No Diggity» von Blackstreet, brachte das wacker hinter sich und bemerkte später mit einem Schmunzeln: «Wenn diese zwei, drei Minuten die einzigen sind, in denen ich mich blamierte, kann ich damit gut leben.»

In Düsseldorf hat Sommer eine Wohnung gefunden, in einer knappen halben Stunde erreicht er im Auto das Stadion. Überall spürt er, dass der Stellenwert des Fussballs ein völlig anderer ist als in der Schweiz. Die mediale Aufmerksamkeit ist grösser, im Training schauen mehr Leute zu, als er es aus der Heimat gewohnt ist, aber sein Kerngeschäft bleibt dasselbe: «Ich muss schauen, dass ich möglichst wenig Tore zulasse.»

Vor einer Woche lief es nicht besonders gut, als Athletic Bilbao bei der offiziellen Saisoneröffnung der Gegner war und in nur elf Minuten drei Treffer erzielte – alle drei nach Corner. Das sorgte für Kritik, auch an Sommer. «Das ist mir noch nie passiert», sagt er zwar, aber dramatisieren will er es nicht: «Es ist eine Frage der Abstimmung.»

Hitz: Der erstaunliche Weg zur Nummer 1 in Augsburg

Komplettiert wird das Quartett von Marwin Hitz, der den erstaunlichsten Weg zurückgelegt hat. Aus der Challenge League bei Winterthur wechselte er 2008 nach Wolfsburg, wurde Stellvertreter von Diego Benaglio, aber an ihm vorbei kam er nicht. In den fünf Jahren durfte er seinen Landsmann 13 Mal in der Bundesliga vertreten.

Im Sommer 2013 zog Hitz weiter nach Augsburg. Die Aussichten, spielen zu dürfen, waren wesentlich besser. Der St. Galler, der am 18. September 27 wird, fand nicht nur sein sportliches Glück mit dem Durchbruch zur Nummer 1, sondern auch sein privates. «Augsburg ist ein wichtiger Teil meines Lebens geworden», sagt er. In der Stadt heiratete er, sein Sohn kam hier zur Welt – «das verbindet».

Hitz leistete seinen Beitrag zu einer bemerkenswerten Saison 2013/14. Abstiegsängste gingen nie um in Augsburg, mit Platz 8 sorgte der Verein für eine der gros­sen Überraschungen. Als grosse Qualität der Mannschaft hebt Hitz die Solidarität hervor: «Der Teamgeist zeichnet uns speziell aus.» Er spürt das Vertrauen seines Trainers Markus Weinzierl, gilt aber nicht als Lautsprecher. Bei allem Ehrgeiz verzichtet er darauf, sich als Anwärter für ein Nationalmannschafts-Aufgebot in den Vordergrund zu drängen. Unter Beobachtung ist er aber alleweil. Der Schweizer Goalietrainer Foletti stellt Hitz jedenfalls ein gutes Zeugnis aus: «Er bringt Ruhe mit und kann mit den Einflüssen von aussen sehr gut umgehen.»

SonntagsZeitung

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