Die Götter sind gelandet

In Moskau eröffnet der Gastgeber morgen die WM gegen Saudiarabien. Die Einheimischen sind zurückhaltend bis kritisch, dafür bringen sich die Gäste in Stimmung. Ein Augenschein.

Fans feiern friedlich zwischen dem russischem Parlament und dem Roten Platz. Bild: Samuel Schalch

Fans feiern friedlich zwischen dem russischem Parlament und dem Roten Platz. Bild: Samuel Schalch

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WM! Endlich! WM? Wo nur?

Die Reise fängt im Norden der Stadt an, dort, wo über dem Kosmonauten­museum ein Denkmal mit einer Rakete in den Himmel ragt. Dort, wo sich das mächtige Monument erhebt, auf dem der Arbeiter und die Kolchosebäuerin ihre Werkzeuge nach oben halten, ­Hammer und Sichel. Dort auch, wo ­Alexander Beresin hinter dem Tresen der Killfish Bar auf Kundschaft wartet, gut versteckt im ersten Stock eines ­Einkaufszentrums.

Es ist Nachmittag und das charmefreie Lokal noch leer. Auf den Bildschirmen an den Wänden läuft Fussball, Österreich - Brasilien, man könnte meinen: Das sind erste Anzeichen von Vorfreude auf das bevorstehende Grossereignis. Beresin schaut hin, weil er das Spiel mag, eigentlich. Früher war er Anhänger von Lokomotive Moskau und ­deshalb regelmässig im Stadion. Aber sein ­Interesse am Fussball hat stark abgenommen, «weil ich so oft enttäuscht worden bin». Er bezieht das vor allem auf die Nationalmannschaft. Und darum wird er das Turnier, an dem die Besten der Welt teilnehmen, höchstens beiläufig verfolgen. «Die Besten?», fragt er und lächelt gequält, «es ist zwar schön, dass unser Land Gastgeber ist. Allerdings ist unsere Mannschaft so schwach . . . Sie ­gehört nicht zu den Besten.»

Beresin erwartet also nichts von den russischen Fussballern, und er erwartet genauso wenig, dass sich dank der WM irgendetwas nachhaltig in seinem Alltag verändern wird. «Ich mache mir nichts vor: Das grosse Geschäft machen viele andere, bestimmt nicht wir in unserer Bar», sagt er. Wenn er in den nächsten Wochen ein paar Liter Bier mehr ausschenken darf, weil sich Touristen zu ihm verirren, ist er bereits zufrieden.

Werbung für Russland machen

Nikita Schilow schaut bei Beresin vorbei, der 19-jährige Ingenieur-Student lebt mit seiner Mutter in einem der vielen Wohnsilos in der Nachbarschaft. «Stony Flower» haben sie das Haus ­getauft, steinige Blume, die drei Türme nebenan heissen «Tricolor». Schilow kann sich kein Matchticket leisten, und er überlegt sich auch nicht, was er tun könnte, um selber von der WM zu profitieren. Dafür sieht er in den kommenden viereinhalb Wochen eine ideale ­Gelegenheit, um Werbung zu machen. Für Moskau, das er so liebt, für Russland, seine Heimat. «Im Ausland haben wir keinen besonders guten Ruf, ich ­bekomme das schon mit», sagt er, «ich habe oft gehört, wir seien unfreundlich, nicht hilfsbereit, und Englisch würden auch nur die wenigsten von uns sprechen. Jetzt erhalten wir die Möglichkeit, zu zeigen, dass vieles davon nicht stimmt. Wir sollten uns als gute Gast­geber präsentieren.» Er geht als gutes Beispiel voran.

Bloss: Leidet der Ruf nicht vor allem wegen der Politik? Wegen Präsident ­Wladimir Putin? Schilow richtet den Blick zu Boden. Und schweigt. Politik ist kein Thema, das er anschneiden möchte. Und über Putin reden, das lässt er ohnehin lieber sein. Er hält das für klüger. Als Erklärung liefert er zwei ­Wörter: «zu gefährlich».

Forscher ist da schon Maxim Parmyluk, im Gegensatz zum schmächtigen Schilow ein Hüne von 1,97 m, tätowiert am ganzen Körper, besonders auffällig ist der Rhombus, den er sich auf den Hinterkopf stechen liess. Der 42-Jährige sitzt mit seiner Freundin vor seinem Stammlokal Night Train, erzählt, wie er im Tschetschenienkrieg kämpfte, wie er nach Indien ging und dort dank Yoga zu sich fand. Ihn würden heute viele für verrückt halten, sagt der ­einstige Draufgänger: «Vielleicht bin ich verrückt. Verrückt nach Harmonie.» Aber das bedeutet nicht, dass er alles kommentarlos hinnimmt, was da ­passiert, wo er gross geworden ist. «Es hat viele Gauner in der Politik», sagt er. Und wie hält er es mit Fussball? Mit der WM? «Fussball ist Politik. Und die Machenschaften gefallen mir nicht.» Trotzdem: Wird er wenigstens zuschauen, wenn die eigene Mannschaft spielt? Mit einem leicht erhöhten Puls vielleicht? «Nein. Und ich wüsste auch nicht, ­warum mich das alles berühren sollte.»


Kühler Empfang: Die Schweizer Nationalmannschaft ist in Samara gelandet. (Video: SDA)


Weg aus dem Norden, quer durch eine Stadt, die viel mehr ist als das. Sie ist eine Verschmelzung von vielen Städten, ein Moloch mit mehr als zwölf Millionen Einwohnern, wohl deutlich mehr. Mit mehrspurigen Strassen und trotzdem Dauerstaus. Mit endlos langen, verwinkelten U-Bahnhöfen und gewaltigen Menschenmassen. Mit einem permanenten Geräuschpegel und ständiger ­Hektik. Aber mit kaum einem wahrnehmbaren Hinweis auf das Sportereignis von ­globaler Strahlkraft.

Im Arbat-Viertel mit vornehmen Hotels und einer hohen Dichte an teuren Karossen wehen Flaggen im Wind: «Welcome – Russia 2018». Viel mehr ist da nicht. Und dort, wo morgen das Spektakel beginnt und am 15. Juli mit dem Final endet, herrscht Ruhe. Handwerker sind vor dem Luschniki-Stadion mit letzten Vorbereitungsarbeiten beschäftigt, ­Reinigungsfahrzeuge drehen bedächtig Runden. Uniformierte schlendern über den Platz, Arbeit droht ihnen an diesem Nachmittag nicht.

WM? Wo nur? WM! Um die Ecke! ­Zwischen dem russischen Parlament und dem Roten Platz ist es laut und bunt, hier treffen sich Peruaner und Ägypter, Uruguayer und Brasilianer, ­Kolumbianer und Argentinier. Jedes Grüppchen verehrt seinen eigenen Gott, von Mohamed Salah über Neymar und Luis Suarez bis Lionel Messi, sie alle sind nun in Russland gelandet, um Grosses zu vollbringen. Und wer Fan ist, ist auch ­bereit, viel Geld zu investieren. Santiago Buenaventura und Abel Cerutti zum ­Beispiel waren 25 Stunden unterwegs, um von Buenos Aires via Madrid nach Moskau zu kommen. Für das Abenteuer haben sie je 5000 Franken zusammengekratzt. Sie glauben an Argentinien, sie glauben vor allem daran, dass die Zeit für Messis Krönung naht, weil Messi für sie ein Held ist wie kein anderer: «Er ist nie das Problem. Wenn wir eines haben, dann sind es meistens die anderen zehn auf dem Platz.»

Der leidende Pizzaiolo

Viele Nationen sind zur Einstimmung vertreten. Das schmerzt vor allem einen, der aus der Nähe zuschaut und dem es ob dieser Bilder entfährt: «Che tristezza!» Stefano Prosperini, 50-jährig und aus La Spezia in Ligurien, hat vor sechs Jahren in Moskau eine Stelle als Chef-Pizzaiolo gefunden, und wie hatte er es sich gewünscht, als Italiener triumphierend am Ofen stehen zu können, wenn seine Squadra azzurra von Erfolg zu Erfolg eilt. Aber nein, seine Mannschaft fehlt, erstmals seit 60 Jahren. «Eine WM ohne Italien – ist das eine WM?», fragt er und gibt die Antwort gleich selber: «Ja, natürlich ist es eine. Einfach keine schöne.»

Bilder: Die Schweizer Nationalmannschaft ist auf dem Weg

Prosperini schwelgt in Erinnerungen, in Zeiten, in denen ein solches Szenario undenkbar war wie 1982, als die Italiener als Weltmeister aus Spanien zurückkehrten: «Zoff, Scirea, Gentile, Collovati, Cabrini, Oriali, Bergomi, Tardelli, Conti, Rossi, Graziani, Altobelli, Causio – das war eine Mannschaft! Das war eine Grande Nazionale!» Bei allem Bedauern hält sich das Mitleid beim Inter-Anhänger dann doch in engen Grenzen: «Wir sind selber schuld. Unsere Spieler haben doch gedacht: Irgendwie wird das schon funktionieren. So geht das nicht! Hoffentlich erwachen sie nun.»

Die italienischen Farben fehlen, russische sind auch keine auszumachen am Abend, an dem sich Fans aus aller Welt begegnen. «Die sitzen zu Hause und schämen sich für unsere Mannschaft», höhnt eine Frau, «wir lieben zwar unser Land, aber nicht unsere Fussballer. Die sind einfach nicht gut.» Die Auftritte und Leistungen in den Tests waren ­besorgniserregend, die Zeitungen verpackten ihre Bedenken in Schlagzeilen wie: «Was soll das?»

Der Trainer bleibt cool

Trotzdem wird von der Mannschaft erwartet, dass sie Russland nicht blamiert, jetzt, da die ganze Welt auf sie schaut, das erste Mal morgen. Und wer, wenn nicht Saudiarabien soll überhaupt ­bezwungen werden? Die Spieler sollen gefälligst liefern, und der Trainer hat ­dafür zu sorgen, dass er das Team richtig auf- und einstellt. Aber Coach Stanislaw Tschertschessow tut so, als würde er es schaffen, all den Druck an sich ab­prallen zu lassen. «Es gibt keine Anspannung», meldet der frühere Bundesliga-Goalie von Dynamo Dresden am Telefon, «ich habe nicht die Emotionen eines Fans, ich bin cool, und ich muss cool bleiben, weil alles andere bei meiner Arbeit nicht hilft.» Und überhaupt: «Von uns kann niemand ernsthaft erwarten, dass wir Weltmeister werden.»

Tschertschessow freut sich, dass die zweijährige Zeit der Vorbereitung nun endet. Und sollte er mit seiner Mannschaft früh scheitern, heisst das für ihn noch lange nicht, dass die WM grundsätzlich ein Misserfolg für sein Land sein muss. «Wir wollen der Welt zeigen, dass wir fähig sind, etwas Grosses zu organisieren. Ich glaube, es werden viele überrascht sein von dem, was sie antreffen», sagt er und platziert den Aufruf: «Kommt alle zu uns, das wird ein Fest! Seid herzlich willkommen!» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 13.06.2018, 17:56 Uhr

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