Der Trainer verdient 200 Franken, das Maskottchen erfand die Tochter

Winterthur erlebt mit der Faustball-WM die Festspiele einer Randsportart, in der die Schweiz zur Spitze gehört.

Faustball statt Fussball, Weltmeisterschaft statt Challenge League: Die Schweiz unterliegt auf der Schützenwiese Österreich 0:3.

Faustball statt Fussball, Weltmeisterschaft statt Challenge League: Die Schweiz unterliegt auf der Schützenwiese Österreich 0:3.

(Bild: Dominique Meienberg)

Thomas Schifferle@tagesanzeiger

Die Stimmung ist glänzend. Und die Schützenwiese in Winterthur mit über 4000 Zuschauern gut besetzt. Die Hymnen werden gespielt, weil es der Tag der Viertelfinals ist. Die Schweiz trifft auf Österreich. Sie verfolgt ein grosses Ziel an dieser WM, den Titel. «Es ist bescheiden», sagt Oliver Lang, «wir wollen uns gegenüber der letzten WM nur um einen Platz verbessern.» Lang lacht. Der Nationaltrainer der Schweiz sagt ernst: «Schon eine Bronzemedaille ist ein Riesenerfolg.»

Lang ist ein kräftiger Mann. Wenn es in der Schweiz einen Mister Faustball gibt, dann ist er das. Er ist Faustball, seine Familie ist Faustball.

Er kommt aus Elgg, ein paar Kilometer hinter Winterthur. Als er Bub war, hatte er drei Möglichkeiten: Jugendriege, Fussball, Faustball. Er entschied sich für Faustball: «Dieser Sport ist authentisch und ehrlich. Ein Spieler gibt einen Fehler zu, wenn der Schiedsrichter ihn nicht sieht.»

Elegant und überlegen: Die Österreicher spielen am Donnerstagnachmittag stark. (Bild: Dominique Meienberg)

Faustball ist der kleine Bruder des Volleyballs. Der Sport ist sehr dynamisch und technisch anspruchsvoll. In der Schweiz ist er in ländlichen Gebieten verbreitet. Diepoldsau, Wigoltingen oder Widnau sind die stärksten Vereine. Sie könnten sich selbst in der deutschen Bundesliga behaupten, denkt Lang.

Das ist deshalb eine Auszeichnung, weil Deutschland das Nonplusultra in diesem Sport ist. Es hat 11 von 14 Welt- und 14 von 21 Europameisterschaften gewonnen. Patrick Thomas ist der schlagkräftige Hüne des Teams und der Star des Sports, «der Messi des Faustballs», sagt Lang. Den Ball, kleiner und härter als ein Fussball, beschleunigt Thomas auf über 130 km/h.

Siebenmal in Folge in Finals

Es ist Donnerstagnachmittag, VIP-Zelt auf der Schützenwiese. Vier Stunden sind es noch, bis die Schweiz auf Österreich trifft. Das Zelt steht mitten auf dem Rasen, direkt vor Bier- und Sirupkurve des FCW. Der Rasen sieht ramponiert aus, grundlegend saniert wird er erst nächstes Jahr.

Lang kann auf dem Weg ins Zelt keinen Meter gehen, ohne eine Hand zu schütteln. Er war selbst Nationalspieler, seit 2011 ist er Nationaltrainer. Mit ihm hat die Schweiz siebenmal in Folge in Finals gestanden, an WM, EM und World Games, den Spielen der nichtolympischen Sportarten. 2012 gab es den EM-Titel.

Die WM-Kandidatur vertrat der Nationaltrainer, weil er beim letzten Turnier halt gerade da war. Das Budget betrug 2500 Franken.

Lang ist kein Petkovic. 200 Franken beträgt sein Taggeld in dieser WM-Woche, in der die Amateure für einmal wie Profis leben können. Als Gegenleistung gibt auch er eine Woche Ferien. Inzwischen ist er Verkaufsberater einer Baumaschinenfirma, nachdem er die Baufirma seines Vaters verkauft hat. Dass die WM in Winterthur stattfindet, hat auch mit ihm zu tun. Beim letzten Turnier in Argentinien vertrat er die Kandidatur der Schweiz, und das tat er, weil er als Nationaltrainer ohnehin gerade da war und das Budget für die Bewerbung gerade einmal 2500 Franken betrug.

An der WM ist eine St. Galler Brauerei der grosse Sponsor, um ein Budget von 1,3 Millionen finanzieren zu können. Der Leiter des Getränkehandels von Schützengarten-Bier heisst Edi Hagen, er ist bei dieser WM Trainer von Serbien, und im Alltag trainiert er die U-18-Juniorinnen von Elgg. Lang hilft ihm dabei, weil er überall hilft, wo im Faustball Arbeit anfällt.

Vater und Tochter und Maskottchen: Oliver und Adela und Üle. (Bild: Dominique Meienberg)

Das grösste Talent in diesem Team heisst Adela, ist erst 15 und die Tochter von Oliver Lang. Sie sei halt mit dem «Ball am Füdli» aufgewachsen, erklärt er ihre Leidenschaft. Adelas kleine Schwester spielt auch Faustball, der kleine Bruder ist als Ballkind an der WM im Einsatz. Da darf auch die Mutter der Familie nicht fehlen, Blanka betreut im Namen des OK die Deutschen.

Vor einem Jahr fragte Adela: «Papi, wieso gibt es im Faustball kein Maskottchen?» Sie kam mit einem Entwurf. «Wieso eine Eule?», fragte der Vater, «wegen Üle», antwortete Adela. Üle heisst richtig Ueli Rebsamen und ist Captain des Nationalteams. Lang setzte sich erfolgreich für die Idee seiner Tochter ein. Adela ist es nun, die das Maskottchen während der Spiele zu Leben erweckt. Inzwischen sind 500 kleine Stoffeulen verkauft worden.

Als die Schweizer am Mittwoch beim Tag der Kinder Autogramme verteilen, sind sie eine Dreiviertelstunde lang gefordert. «Diese WM ist gigantisch» sagt Lang. Jörn Verleger kommt an seinem Tisch vorbei, der Deutsche ist diese Woche zum neuen Präsidenten des internationalen Verbandes gewählt worden. Der nächste Bekannte ist der Vertreter von Axians, das IT-Unternehmen sponsert sämtliche Schweizer Nationalteams mit insgesamt 15 000 Franken im Jahr.

Mit Helm und Fahne: Ein Fan mit Herz. (Bild: Dominique Meienberg)

Es ist kurz nach 20 Uhr, als der Match der Schweiz beginnt. Die Hoffnungen ruhen nicht zuletzt auf Raphael Schlattinger. Der 26-Jährige verkörpert als Linkshänder am Netz Weltklasse. Er ist auch der einzige Schweizer, der im Ausland spielt, beim Bundesligisten Calw.

Schlattinger hat jedoch keinen guten Abend, so wenig wie seine Kollegen. «Wir haben zu viele technische Fehler gemacht», sagt Lang. Sie verlieren nach Sätzen 0:3. Am Freitag (12 Uhr) haben sie gegen Italien noch eine zweite Chance, die Halbfinals zu erreichen. Lang glaubt: «Das wird jetzt ein mentales Problem.»

langenthalertagblatt.ch/Newsnetz

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