Der FCZ will sein wahres Ich zeigen

Im Rückspiel in Neapel müssen die Zürcher ein 1:3 aufholen – Ancillo Canepa will mindestens ein Unentschieden.

Vor der grossen Herausforderung im Stadio San Paolo: Der FCZ beim Abschlusstraining. (Bild: Melanie Duchene/Keystone)

Vor der grossen Herausforderung im Stadio San Paolo: Der FCZ beim Abschlusstraining. (Bild: Melanie Duchene/Keystone)

Christian Zürcher@suertscher

Vor einer Woche fand sich auch Ludovic Magnins Ehefrau im Letzigrund ein. Sie schaute das Spiel gegen die SSC Napoli und berichtete danach ihrem Ehegatten: Es habe von der Tribüne aus nicht allzu gut ausgesehen. Es war Fazit und Kritik zugleich. Magnin musste ihr recht geben, und es scheint, als hadere er noch immer ein bisschen damit. Nicht damit, dass er ihr recht geben musste, sondern vielmehr mit der Art und Weise, wie seine Mannschaft gegen Neapel 1:3 verloren hatte. Auch Ancillo Canepa hat der lustlose Auftritt getroffen, so stark, dass er die Mannschaft danach eine Woche lang nicht sehen mochte. So ist das Rückspiel in Neapel vor allem eines: ein Akt der Wiedergutmachung.

Die Frage 1: Was ist möglich

Köbi Kuhn spaziert durch den Flughafen Kloten und muss kurz stoppen. Die Frage hat ihn aus dem Tritt gebracht. Kann der FCZ weiterkommen? «Es wird sehr schwierig. Doch ein bisschen hoffen darf man», sagt der 75-Jährige. Sportchef Thomas Bickel will eine Reaktion sehen. Heliane Canepa wäre auch mit einem 0:2 und einer guten Leistung zufrieden. «Nein, nein, nein», ruft ihr Mann, ein positives Resultat soll es sein, mindestens also ein Unentschieden.

Bleibt der Trainer. Hätte er 1000 Franken, wie viel würde er auf ein Weiterkommen des FCZ setzen? Ludovic Magnin denkt nach – und fragt dann: «Habe ich eine Million und kann davon 1000 setzen?» Nein, es sind die letzten 1000 Franken, die ihm bleiben. «Dann kann ich nicht alles setzen.» Einen Teil brauche er noch für das Essen von Frau und Kindern. Heisst übersetzt: Magnin ist Realist.

Die Frage 2: Worum geht es?

Die Spieler wollen weiterkommen, gleichwohl sind auch sie Realisten und wissen um die Schwere der Aufgabe. Das Spiel ist darum eine Werbeplattform, für den Club, aber auch für sich selbst. So will auch Magnin der Fussballwelt das wahre Ich seines Fussballs zeigen: mutig, kreativ, organisiert. Doch er hat noch etwas anderes im Kopf. Das Uefa-Ranking. Holt der FCZ einen Punkt, behält die Fussball-Schweiz in der Saison 2020/21 fünf Europacup-Startplätze. «Ich habe den Schweizer Stolz in mir», sagt Magnin. Es rege ihn auf, fürchterlich sogar, wenn die Italiener, die Deutschen, die Franzosen von den «kleinen Schweizern» sprechen. Er will etwas dagegen tun. Und diesen Punkt holen. «Dann können die anderen Schweizer Clubs dem FCZ Danke sagen», sagt er. Das dann schon.

Im Fokus: Kololli, der Jubler

Benjamin Kololli gehört zu den wichtigsten Spielern des FCZ. Er tritt starke Standards, kann wunderbar dribbeln und vermag den Unterschied zu machen. Er weiss das. «Ich bin nicht mehr 20, ich will ein Vorbild für die Jüngeren sein», sagt er. Doch das Vorbild Kololli muss sich offenbar noch an die Aussenwirkung von Gesten und Handlungen gewöhnen. Als er im Hinspiel seinen 1:3-Anschlusstreffer mit einem Luftsprung und einer unübersehbaren Faustgeste abschloss (und die Szene auf Instagram teilte), dachte sich Sportchef Bickel: «Typisch. Passt zum ganzen Auftritt.» Im Sinn von: Eher nicht so mannschaftsdienlich. Die Szene wurde folglich am Tag darauf angesprochen.

Durch Kolollis Penaltytor verkürzt der FCZ gegen Napoli auf 1:3. (Video: SRF)

Kololli sagt nun, dass seine Handlungen nach dem Tor kein Jubel gewesen seien, sondern vor allem Ausdrücke von Wut und Frust. «Das musste raus.» Dass ihn dann Kollegen in den sozialen Medien markieren, dafür könne er doch nichts. Darum verstehe er die Kritik an seiner Person nur beschränkt: «Ich habe ja keinen Mist gebaut.»

Mit seinem Potenzial kann er eine Gefahr sein: Benjamin Kololli.

Der Gegner: Die Saison retten

Viele Saisonziele der SSC Napoli sind havariert. Meisterschaft: unrealistisch. Cup: ausgeschieden. Champions League: ebenfalls. Bleibt noch die Europa League, der Trostpreis aller Clubs mit Ambitionen. Doch weil der SSC die Ziele ausgegangen sind, kann der FCZ nicht darauf hoffen, dass er unterschätzt wird. Kololli erzählt den italienischen Journalisten, wen er am meisten von Neapel fürchtet: «Insigne und Callejon.» Dieser Insigne übrigens gestand vor einer Woche, dass er keinen Spieler des FCZ kenne (und darum wohl auch keinen fürchtet).

Die Abwesenden: Es fehlen Unzufriedene

Die Liste der Abwesenden ist gewachsen. Hekuran Kryeziu fehlt gesperrt. Marchesano (Muskelfaserriss) und Untersee (Lendenwirbelfraktur) haben sich am Wochenende verletzt, weiterhin rekonvaleszent sind Rüegg und Pa Modou. Damit fehlen Spieler, die wohl gegen Neapel auf dem Platz stünden. «Das ist auch eine Chance für die Unzufriedenen», sagt Magnin, «sie können sich nun zeigen.»

Doch so richtig viele Unzufriedene scheint es beim FCZ gar nicht zu geben. Magnin erzählt, dass er während seines Ersatzbanklebens als Spieler manchmal dem Trainer kaum in die Augen schaute oder die Hand beim Gruss besonders kräftig drückte. Aus Unmut und Zorn. All diese Dinge spürt er bei seinen Spielern nicht, obwohl er sie sich ­insgeheim wünscht. Einen Stinkstiefel auf dem Platz, einer, der unbequem ist – der FCZ sucht ihn noch.

Der Neue: Florent Malouda

Im Jahre 2005 spielte Werder Bremen gegen Lyon. 7:2 gewannen die Franzosen, am nächsten Tag wurde die Bremer Abwehr in der Zeitung als eine Reihe von Flaschen bezeichnet. Eine dieser Flaschen: Ludovic Magnin. Ein Mitgrund für den desaströsen Absturz: Florent Malouda. Die beiden haben sich später mit ihren Nationalteams immer wieder getroffen, nun werden sie zusammenarbeiten.

Der Franzose beginnt am 1. März beim FCZ als Stürmertrainer, aber auch als Kontaktperson nach aussen. Er soll mit seinem grossen Namen für offene Türen in der oftmals verschlossenen Fussballwelt sorgen. Der 38-Jährige hat zwar keine Trainerdiplome, dafür Kontakte nach Spanien, er kennt viele Leute in der Premier League, und er soll die Interessen des FCZ beim Partnerclub Bournemouth besser durchsetzen. Wie die Zusammenarbeit genau aussehen wird, ist noch unklar. Sie wird sich laut Sportchef Bickel ergeben.

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