«Dann wäre die Meisterschaft für die Bayern völlig wertlos»

Hintergrund

Die Schweizer Champions-League-Sieger Stéphane Chapuisat und Ciriaco Sforza sagen, was sie vom deutschen Final zwischen Dortmund und Bayern erwarten und wie gross die Angst vor einer Eskalation ist.

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Thomas Niggl@tagesanzeiger

Stéphane Chapuisat holte 1997 im Endspiel von München gegen Juventus Turin den Titel. Ciriaco Sforza gelang dies 2001 mit den Bayern im Final von Mailand gegen Valencia. Der Siegertrainer hiess damals Ottmar Hitzfeld, der Schweizer Nationalcoach, der mit beiden deutschen Clubs die Königsklasse gewann. «Natürlich schlägt mein Herz am Samstag ganz fest für die Bayern», sagt Ciriaco Sforza gegenüber langenthalertagblatt.ch/Newsnetz. Trotzdem schaut der Aargauer der Partie mit einiger Skepsis und Sorgen entgegen. «Die Bayern übten in Deutschland in dieser Saison die totale Dominanz aus. Sie holten von Dortmund die deutsche Meisterschaft zurück und distanzierten den Erzrivalen in der Tabelle gleich um 25 Zähler, was einer kleinen Demütigung gleichkommt. Auch im Pokal waren die Münchner Endstation für Dortmund.»

«Ein Champions-League-Sieg ist das höchste aller Gefühle»

Doch das sei gerade das Gefährliche an der Sache. Sforza, der das Innenleben und die Siegermentalität der Bayern aus eigener Erfahrung kennt, begründet: «Die Bayern können in London nur verlieren, die Dortmunder als Aussenseiter jedoch alles gewinnen.» Eine Niederlage wäre für die Bayern das reinste Horrorszenario. «Dann wären sie die Verlierer der Saison schlechthin. Dann wäre die deutsche Meisterschaft in der Psyche der Spieler und auch in den Köpfen der Verantwortlichen völlig wertlos. Denn für einen Fussballer ist der Gewinn der Champions League das höchste aller Gefühle.» Und der vermeintliche Machtwechsel habe dann in Deutschland auch nicht stattgefunden. «Diese Wunden könnten nicht einmal geheilt werden, sollten die Bayern eine Woche nach dem Champions-League-Final das Pokal-Endspiel gegen Stuttgart gewinnen und das Double holen.»

Sforza erwartet im Londoner Wembley ein kampfbetontes Spiel mit vielen Emotionen. Schon im Vorfeld hätten sich beide Clubs mit gegenseitigen Provokationen eingedeckt. «Wer Dortmunds Trainer Jürgen Klopp kennt, weiss, wie heiss er ein Team machen kann. Sein Team wird bis in die Haarspitzen motiviert sein.» Der Wechsel von Mario Götze zu den Bayern habe die Dortmunder tief in ihrem Stolz getroffen. «In dieser Partie steckt viel Zunder. Ich hoffe nur, dass die Beteiligten ihre Emotionen im Griff haben.»

«Götzes Abgang zu den Bayern trifft Dortmund in der Seele»

Borussia Dortmund hat die 97er-Champions-League-Sieger nach London zum Endspiel ins Wembley-Stadion eingeladen. «Ich freue mich unheimlich über diese Wertschätzung und auf das Spiel, das wird eine grossartige Sache, es ist für beide Clubs das Highlight der Saison», sagt Stéphane Chapuisat gegenüber langenthalertagblatt.ch/Newsnetz. Es werde ein Spiel der Emotionen. «Schon im Vorfeld ist einiges passiert. Der Wechsel von Mario Götze zu den Bayern traf die Dortmunder in ihrer Seele. Und Robert Lewandowski wird ja auch mit den Münchnern in Verbindung gebracht. Im letzten Meisterschaftsspiel sind zudem Dortmunds Coach Jürgen Klopp und Bayerns Sportdirektor Matthias Sammer aneinander geraten. Das ist nicht vergessen und in den Köpfen immer noch präsent.»

Der ehemalige Torjäger hofft aber auf die Vernunft aller Beteiligten und einen guten Schiedsrichter, der Ruhe und Autorität ausstrahlt. «Aber wenn sich Klopp und Sammer an der Linie wieder nicht im Griff haben sollten, kann sich diese giftige Atmosphäre durchaus auf das Spiel übertragen. Und schon droht eine Eskalation mit vielen Karten.»

«Der Druck auf den Bayern ist die grosse Chance für Dortmund»

Für den ehemaligen Internationalen sind die Bayern klarer Favorit. «Sie haben eine grandiose Saison gespielt, den Titel von Dortmund zurückerobert und stehen auch im Endspiel des deutschen Pokals. Doch es lastet in diesem Final ein enormer Druck auf den Bayern. Denn sie können in einem einzigen Spiel alles verlieren und Dortmund alles gewinnen. Bei einer Niederlage wäre die deutsche Meisterschaft für die Bayern fast nichts mehr wert. Es wäre eine Schmach und ein Riesenfrust. Gegen jede andere Mannschaft könnten die Bayern nach dem Gewinn der Meisterschaft eine Niederlage im Champions-League-Final vielleicht noch einigermassen verkraften, aber niemals gegen Dortmund.»

«Auch ohne Götze hat Dortmund eine Chance»

Und just dieser enorme Druck, der auf den Münchnern laste, sei die grosse Chance des Aussenseiters aus Dortmund. Zudem wisse Dortmund nur zu genau, wie man die Bayern besiegen könne. «Die Spiele in dieser Saison waren zwar immer sehr eng. In der Meisterschaft gab es zweimal ein 1:1, im Pokal konnten sich die Bayern knapp mit 1:0 durchsetzen. Aber man darf nicht vergessen, dass Dortmund in den letzten Jahren gegen die Bayern meistens gewonnen hat und deshalb auch zweimal den Titel holte.» Die beiden Mannschaften würden sich in- und auswendig kennen. «Die beiden Trainer können sich taktisch nicht mehr überraschen. Und in einem einzigen Endspiel ist alles möglich, auch wenn bei Dortmund mit dem verletzten Mario Götze ein Spieler fehlt, der eben ein Spiel alleine entscheiden kann.»

langenthalertagblatt.ch/Newsnetz

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