Die offene Derbyfrage

Das Resultat liess keine zwei Meinungen zu: Rotweiss Thun bezwang Herzogenbuchsee deutlich 31:22. Aber war das Duell der Berner Teams im Frauenhandball nun ein Derby oder nicht?

Für Herzogenbuchsees Teamleaderin Sarah Baumgartner ist das Duell gegen Rotweiss Thun ein Derby.
Video: Peter Berger

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Seit dem Aufstieg des HV Her­zogenbuchsee im vergangenen Frühsommer gibt es in der acht Equipen umfassenden höchsten Spielklasse wieder zwei Berner Teams. Die Rollen sind indes klar verteilt. Herzogenbuchsee wird im Februar die Abstiegsrunde bestreiten müssen, Thun spielt in der Finalrunde der Top 4 um den Titel.

Doch ganz so klar verlief das Duell der Kantonsrivalen am Mittwoch nicht: Die Oberaargauerinnen agierten hartnäckig, liessen sich bis zur Pause (10:11) nicht distanzieren. «Wir hatten eine strenge Woche, das merkte man uns an», begründete Rotweiss-Trainer Peter Bachmann die Schwierigkeiten des Favoriten.

Fünf Minuten nach dem Seitenwechsel lag Herzogenbuchsee sogar mit 14:12 in Führung. «Wir agierten in dieser Phase zu überhastet und hatten mit Pfostenschüssen auch etwas Pech», meinte Laura Berger. Die Rotweiss-Akteurin mit HVH-Vergangenheit lobte aber auch die Gegner: «Man muss gestehen, dass es Buchsi auch gut machte.»

Doch dann riss bei den Oberaargauerinnen der Faden. «Wir haben Mühe, einem Vorsprung zu verwalten», weiss Sarah Baumgartner. «Daran müssen wir arbeiten.» Die HVH-Teamleaderin erzielte zehn Tore, steht nun nach zwölf Partien schon bei 76 Meisterschaftstreffern und ist die Nummer 2 der Liga. Die 28-jährige Topskorerin haderte aber nicht nur mit den eigenen Unzulänglichkeiten, sondern auch mit den Schiedsrichterentscheidungen.

Auch für Michelle Schmied von Rotweiss Thun ist ein Spiel gegen Herzogenbuchsee ein Derby. Video: Peter Berger

Auch Trainer Beat Flury ärgerte sich über die «einseitige ­Regelauslegung» der Schiedsrichter. «Wir hätten die Partie nicht gewonnen. Thun ist eindeutig das bessere Team.» Sein Team habe gut mitgespielt, sagte Flury, was man von den beiden Spielleitern nicht sagen könne.

Den Favoritinnen war der Ärger bei den Gastgebern egal. Vor allem die Slowakin Lucia Wei­belova und Céline Oberson erhöhten Tempo und Präzision bei den Gegenstössen. Neun Minuten später stand es 18:14 für die Oberländerinnen. Danach liessen die routinierten Gäste nichts mehr anbrennen.

Einseitige Bilanz

Der 31:22-Erfolg war der elfte Sieg für Rotweiss im elften Duell gegen Herzogenbuchsee. Diese Begegnung auf höchstem Niveau gab es erstmals 2007. Damals stieg der HVH nach einer Saison ohne Sieg gleich wieder ab. Jetzt stehen die Oberaargauerinnen in ihrer zweiten NLA-Saison immerhin schon mit einem Sieg und einem Unentschieden (beide gegen Yellow Winterthur) da.

Gegen die Thunerinnen, auf die sie 2012 noch in der Auf-/Abstiegsrunde getroffen waren, gab es bisher nichts zu holen. Das erste Saisonduell im Oktober ging gar 16:33 verloren. «Wir haben Fortschritte erzielt», meinte Sarah Baumgartner nun am Mittwoch. Die HVH-Leaderin ist zuversichtlich: «Das nächste Mal sind es vielleicht nur noch zwei Tore Differenz, und nächstes Jahr bezwingen wir die Thunerinnen dann.»

Zwei Meinungen

Doch vorerst sind sich über die Kräfteverhältnisse alle einig. Rotweiss verfügt in der Offensive über viel mehr Durchschlagskraft, physisch sind die Oberländerinnen dem jungen Team aus dem Oberaargau überlegen. Dagegen gehen die Meinungen über die Bezeichnung der Affiche auseinander. Ist eine Begegnung der beiden Teams nun ein Derby oder nicht?

Gemäss Definition ist ein Derby «eine Austragung im Mannschaftssport, bei der zwei meist rivalisierende Sportvereine einer Region aufeinandertreffen». Einig sind sich die beiden Trainer. «Nein, für mich ist es ­keines. Ich verspüre höchstens etwas mehr Emotionen, wenn ich nach Thun komme», sagt Flury, der früher rund zehn Jahre für die ­Thunerinnen tätig gewesen war.

Der jetzige Rotweiss-Coach Bachmann will von einem Derby ebenfalls nichts wissen: «Ich sagte meinen Spielerinnen vor dem Match: Für mich ist es kein Derby, aber Herzogenbuchsee will natürlich eines daraus machen, das wollen wir verhindern.»

Widerspruch erhielten die Trainer von den Spielerinnen. Thuns Michelle Schmied betonte: «Für mich ist das auf jeden Fall ein Derby, auch wenn es unser Trainer nicht so sieht.» Als frühere HVH-Juniorin kennt die junge Nationalspielerin die Gegenpartei bestens: «Von Buchsi-Seite wird schon mehr gefightet als gegen andere Mannschaften. Ich hoffe sehr, dass es noch weitere Derbys gibt. Ich möchte es Buchsi von Herzen gönnen und drücke dem Team für die bevorstehende Abstiegsrunde die Daumen.»

Auch für die erfahrene HVH-Regisseurin Baumgartner bestehen keine Zweifel: «Es ist ein Derby. Zwei Berner Teams sind wichtig für die Region. Es muss und wird weitere Derbys geben. Ich bin überzeugt, dass wir nicht absteigen werden.» (Berner Zeitung)

Erstellt: 11.01.2018, 16:17 Uhr

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