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Wie ich schreibe

Schreiben lässt sich überall und jederzeit. Eine Kolumne von Milo Rau.

Mochte die Stille: Patricia Highsmith. Foto: Getty
Mochte die Stille: Patricia Highsmith. Foto: Getty

Ich schreibe diese kleine zweiwöchentliche Kolumne seit über drei Jahren. Die 50. Ausgabe ist durch, und in einem Jahr werde ich mich so langsam der 100 nähern. Vielleicht ist es bald an der Zeit, den Stab weiterzugeben. Denn wenn ein Kolumnist übers Kolumnenschreiben zu schreiben beginnt, dann ist das meistens ein klares Signal für eine Pause.

Aber wie dem auch sei: Ich finde wenig so interessant, wie von den Schreibritualen anderer Autoren zu erfahren. Jean-Paul Sartre schrieb zweimal täglich je 3 Stunden, mit Amphetaminen aufgeputscht, die er zärtlich «meine innere Sonne» nannte.

«Andere schrieben in Cafés oder, wie Brecht, nach der Probe»

Marguerite Duras mochte, wie auch meine Lieblingsautorin Patricia Highsmith, die absolute Stille. Andere schrieben in Cafés oder, wie Brecht, nach der Probe, im Dialog mit seinen Koautorinnen. Was mich angeht, so schreibe ich eigentlich überall und in der Gesellschaft von jedermann. Diese Kolumnen zum Beispiel entstanden unter anderem auf einem schrottigen Linienschiff auf dem Kivu-See im Ostkongo, auf Linienflügen, in Probenpausen oder – wie diese – auf dem Schulfest meiner beiden Töchter.

Vor einer halben Stunde spielte meine ältere Tochter in einem Tierschutz-Stück eine Elefantenretterin. «Es gibt schönere Jobs!», rief sie streng nach Skript, als sie sich auf der Bühne todesmutig einem Elefantenjäger in den Weg stellte, welcher seinerseits auf eine Gruppe mit Rüsseln dekortierter Primarschüler zielte. «Das stimmt, es gibt bessere Jobs», sagte die Lehrerin, die neben mir sass. Nicht blosses Shaming, sondern das Aufzeigen erfüllenderer Job-Optionen für die Bösewichte dieser Welt – da kann sogar ich mir noch was abschauen.

Nun sitze ich auf einem Fensterbrett am Rand des Pausenplatzes, und um mich herum toben 100 Kinder. Carolin Emcke erzählte mir beim letzten «Literaturclub», dass sie gern zu Musik schreibt. Ich mag alle Arten Lärm: Die Kolumne vor zwei Wochen schrieb ich in Paris, im Kinder-Technikmuseum, wo ein infernalisches Geheul herrscht.

«Nichts aber fördert mein Schreiben so sehr wie Premierendruck»

Nichts aber fördert mein Schreiben – und ich fürchte, das ist kein Beweis grosser geistiger Reife – so sehr wie Premierendruck. Erst 5 Minuten vor 12 komme ich so richtig in Fahrt, und nimmt man den Druck von mir, dann verpuffen meine Ideen wie Wasserdampf. Die Schauspieler hassen mich für meine Kürzungen und Umschriften wenige Minuten vor Aufführungen.

Um zu lachen, braucht man ein Gesicht, schrieb der russische Dichter Majakowski. Und um zu schreiben, braucht man ein Gegenüber, eine Situation. Auch wenn es nur das Tuckern eines kongolesischen Schiffsmotors oder das Geschrei von Kindern ist.

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