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Über der Stadt St. Gallen

Die Regierung erinnert an einen antisowjetischen Propaganda-Film der 80er-Jahre.

MeinungMilo Rau

Vorletzte Woche war ich mit meinen Töchtern im Alpstein wandern. Von der Ebenalp stiegen wir zum Schäfler hoch, mit einem kleinen Schlenker über den Äscher: jenes fast in eine Felswand gebaute Restaurant, das seit seiner Erwähnung im «National Geographic» als die Hauptsensation der Ostschweiz gilt. Zum Glück hatten weder die Schweizer noch die japanischen Kinder Pfingstferien, was meinen in Köln eingeschulten Töchtern – und damit meiner Frau und mir – einen grandiosen Vorteil verschaffte. Fast allein sassen wir auf der Terrasse des Äscher und schlürften Minz-Tee, während kühle Nebel aus den Tiefen stiegen. Und nach einer Nacht im Berghotel Schäfler ging es dann runter zum Seealpsee, wo wir zwei friedliche Tage vertrödelten.

Eine Nacht konnte ich, viel zu früh ins Bett gegangen, nicht schlafen. Ich schnappte mir ein paar Bücher aus der Hotel-Bibliothek – die Biografie einer Trogener Frauenrechtlerin und das unvermeidliche Appenzeller Witzebuch – und stieg hinter dem Seealpsee die Hügel hoch. Nach einer Stunde, als die Sonne aufzugehen begann, setzte ich mich hin und las. Bald aber schon klappte ich das Buch zu: Die Landschaft war einfach zu schön.

Meine Familie gehört seit vielen Generationen zu den St. Galler Bürgern, mein Grossvater hat die Märchen der Ostschweiz aufgeschrieben, die man bei uns in der Schule liest. Und vielleicht weil ich viel Zeit im Ausland verbracht habe, war ich immer etwas verliebt in die Menschen hier: ihr zurückhaltender, freundlicher Stolz, das langmütige Elefantengedächtnis der Region. Der Wirt auf dem Schäfler erinnerte sich noch an die Nachbarin meiner Eltern, die vor über 40 Jahren dort serviert hatte. Und die Trogener Frauenrechtlerin, von der ich las, hatte sich nicht aufgrund ideologischer Überlegungen, sondern aus einem Gefühl des Unrechts gegen ihre dumme Regierung aufgelehnt. Dass die eine Hälfte der Menschen keine Rechte hatte, war so offensichtlich falsch, dass es geändert werden musste. Und es wurde auch geändert.

Als wir nach einer Woche wieder in die Stadt hinunterstiegen, hörte ich Seltsames: Gerade war die halbe St. Galler Kulturkommission zurückgetreten, denn die Regierung hatte ihre Entscheidung, den Kulturpreis freundlicherweise an mich zu vergeben, ohne irgendwelche Gründe einkassiert. Als dem St. Galler Stadtpräsidenten, den die lokale Zeitung ironisch «Kultur­minister» nannte, in einer parlamentarischen Fragestunde die Gelegenheit zur Erklärung dieser offensichtlichen Missachtung der Gewaltenteilung ­gegeben wurde, nutzte er sie, um die zurückgetretene Kommission auch noch als Querulanten zu verspotten.

Denn das ist der Nachteil an der Ostschweiz: Wir haben eine Landschaft und Menschen wie aus einem Märchen, aber eine Regierung wie aus einem antisowjetischen Propaganda-Film der 80er-Jahre.

Es ist Zeit, dass sich das endlich ändert.

Milo Rau ist Theaterintendant in Gent und Essayist

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