Heikle Deals im Asset-Management

Welche Geschäfte die Ermittler in der Affäre um Ex-Raiffeisen-Chef Pierin Vincenz derzeit scannen.

Wollte viel mehr als grüne Anlagen: Ex-Raiffeisen-Chef Pierin Vincenz. Foto: Esther Michel

Arthur Rutishauser@rutishau

Plötzlich muss es sehr schnell gehen. Ein Bericht zur Aufarbeitung der Ära Vincenz soll bis zur Generalversammlung der Genossenschafter am 16. Juni 2018 vorliegen. Dafür scannen die von Chefermittler ­Bruno Gehrig beaufsichtigten ­Anwälte der Zürcher Kanzlei Homburger massenweise E-Mails. Die Stichworte sind Pierin Vincenz und Beat Stocker: das Duo, das seit bald drei Monaten in U-Haft sitzt, weil es sich angeblich beim Kauf der Firmen Comtrain und Investnet privat Millionen zuschanzte.

Fündig werden müssten die Fahnder eigentlich beim Versuch Vincenz’, mit der Hypotheken-Bank Raiffeisen auch in die institutionelle Vermögensverwaltung einzusteigen. Das geschah gleich mehrgleisig. Einerseits über den Kauf der Bank Wegelin, die dann in Notenstein umgetauft wurde. Sie besass eine kleine Tochtergesellschaft, die 1741 Asset Management, welche Vermögensverwaltung betrieb.

Ihr damaliger Chef Adrian Künzli warb bei der Bank Sarasin ein Team für nachhaltige Anlagen ab. Rund 40 Personen wechselten vom Basler Bankhaus zur St. Galler Privatbank – so auch der Leiter Institutionelle Kunden und der ­Asset-Management-Chef. Doch Pierin Vincenz mochte nicht auf grüne Anlagen für Schweizer Pensionskassen setzen. Er wollte viel mehr.


400 Prozent Rendite in einem JahrDer damalige Raiffeisen-Chef Pierin Vincenz verdiente Millionen – gedeckt durch ein Gutachten von Starjurist Forstmoser. (Abo+)


Bereits zwei Jahre vorher ­investierte Raiffeisen in die 12-Mann-Gesellschaft Dynapartners von Beat Wittmann. 1200 Aktien zu je 1000 Franken kaufte Raiffeisen und zahlte so Wittmann und seinen Partnern über 1,2 Millionen Franken. Das war zehnmal der Nennwert der Aktien und zehnmal so viel, wie die Gründer zwei Jahre zuvor gezahlt hatten.

Bei Dynapartners war Vincenz in guter Gesellschaft. Der bekannteste deutsche Unternehmensberater Roland Berger war mit dabei, im Gespann mit Rumen Hranov, der in der Affäre Swissfirst und im Skandal um die Kantonalzürcher Pensionskasse BVK für Schlagzeilen gesorgt hatte.

Wittmann zahlte die beiden Investoren aus

Berger und Hranov investierten je knapp eine Million Franken und erhielten je 950 Aktien. So ist es beurkundet. Doch schon bald gab es Krach. Wittmann wollte die beiden Investoren zum Spottpreis loswerden und mit Raiffeisen zusammengehen. Gemäss einem Insider wollte die Raiffeisen nochmals viel mehr für die Aktien bezahlen, obwohl das Geschäft überhaupt nicht lief. Die Bewertung gemacht hat laut dieser Quelle Beat Stocker –der Mann, der mit Vincenz seit drei Monaten in Untersuchungshaft sitzt und der auch im Fall von Investnet und Comtrain die Bewertungen gemacht haben soll.

Doch Wittmann hatte nicht mit Berger gerechnet, einem Mann, der in Deutschland Zugang zu Bundeskanzlerin Angela Merkel hat. Berger drohte mit dem Richter. Wittmann gab schliesslich nach und zahlte Berger und Hranov mit Zins und Zinseszinsen aus. Was dann geschah, ist nicht mehr so klar dokumentiert, vor allem nicht, wie viel genau die Raiffeisen Wittmann zahlte. Ganz ähnlich, wie das in den Fällen Comtrain und Investnet war.


Video – Die Affäre Vincenz kurz erklärt

Tamedia-Chefredaktor Arthur Rutishauser zur Untersuchung im Fall Pierin Vincenz. (Video: Lea Koch, Patrick Kühnis)


Am Ende hat die Raiffeisen die Dynapartners ganz übernommen und mit anderen kleinen gekauften Gesellschaften sowie mit der 1741 Asset Management zuerst zur TCMG AM fusioniert. Mit mehreren Kapitalerhöhungen wurde das Aktienkapital auf 43 Millionen aufgeblasen. Vincenz wurde an der GV 2014 zum Präsidenten der TCMG gewählt, aber schon im Januar 2015 trat er wieder zurück. Und mit ihm flog auch Wittmann raus. Schliesslich wurde alles in eine andere Raiffeisen-Tochter namens Vescore eingebracht und 2016 für 64 Millionen Franken an die Bank Vontobel verkauft.

Wie viel Verlust die Vehikel verursacht haben, ist nicht ganz klar. Alleine 2015 und 2016 waren es laut langenthalertagblatt.ch/Newsnetz 84 Millionen Franken. Heikel an den Deals sind aber nicht nur die Verluste, sondern das enge Verhältnis von Wittmann und Vincenz. Damit hat Wittmann immer geprahlt. Fragt sich, ob es auch in diesem Fall versteckte private Beteiligungen gab. Das muss die Untersuchung zeigen. Wittmann reagierte nicht auf eine Anfrage, ebenso wenig Vincenz’ Pressesprecher.

Die Zusammenhänge hinter dem Raiffeisen-Fall:

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