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Nach Germanwings-Unglück: Swiss vor Abschaffung der 2-Personen-Regel

Pilotenverband hält Regelung für eine Alibilösung. Die Firmenkultur der Airline habe sich seit dem Absturz nicht verändert.

Änderung: Künftig dürfen Piloten wohl wieder alleine im Cockpit sitzen. Foto: Keystone
Änderung: Künftig dürfen Piloten wohl wieder alleine im Cockpit sitzen. Foto: Keystone

Vor zwei Jahren sperrte der deutsche Pilot Andreas Lubitz in Selbstmordabsicht seinen Kollegen aus dem Cockpit aus und brachte eine Maschine der Lufthansa-Tochter Germanwings in den französischen Alpen zum Absturz, so das Fazit der Unfallermittler. Die Tragödie brachte es diese Woche erneut in die Schlagzeilen, nicht nur wegen der Gedenkfeier für die 150 Opfer, sondern weil der Vater des Piloten an der Schuld seines Sohnes zweifelt und den Be­hörden in einer Pressekonferenz Fehler bei den Ermittlungen vorwarf.

Der Absturz der Maschine auf dem Weg von Barcelona nach Düsseldorf hatte Folgen für die Abläufe an Bord: Die Europäische Luftsicherheitsbehörde (Easa) empfahl Airlines, die 2-Personen-­Regel einzuführen. Gemäss der Regel betritt ein Flugbegleiter das Cockpit, sobald es einer der zwei Piloten verlässt. Der Flugbegleiter übt eine gewisse Kontrolle aus oder kann im Notfall die Türe ­öffnen, so die Logik.

Abschaffung beschlossene Sache?

Das Prinzip wird seitdem von der Lufthansa und ihrer Tochter Swiss praktiziert. Zwei Jahre nach dem Unglück krebsen die Airlines nun zurück: Die Lufthansa erwäge die Abschaffung der Sicherheitsmassnahme, schreibt das deutsche Nachrichtenmagazin «Focus». Das gilt auch für die Swiss. Das Verfahren werde auf Empfehlung der Easa derzeit einer Risikobewertung unterzogen, sagt Sprecherin Meike Fuhlrott. Ein Entscheid sei ­allerdings noch nicht gefallen, heisst es unisono bei Swiss und Lufthansa. In ­Pilotenkreisen ist hingegen zu hören, die Abschaffung sei bereits beschlossene ­Sache und gelte ab Mai.

Piloten und Flugbegleiter der Swiss gehen vom Ende der Regel aus. «Es ist aus unserer Sicht logisch, dass sie aufgehoben werden muss», sagt Henning Hoffmann vom Pilotenverband Aeropers. «Die Regel war in erster Linie eine Alibiübung zur Beruhigung der Öffentlichkeit.»

Neue Sicherheitslücken, ­unterbrochene Abläufe

Hoffmann hegt Zweifel an der Wirksamkeit. Der Personalwechsel bringe es mit sich, dass Türen im Cockpit länger geöffnet seien als nötig. Somit erleichtere das Prinzip das Eindringen von möglichen Angreifern. Dies galt seit den Flugzeugentführungen vom 11. September 2001 als grösste Gefahr. Seitdem müssen Cockpit-Türen während des Flugs geschlossen bleiben, Passagiere haben keinen Zutritt. Kritiker bemängelten seit der Einführung der 2-Personen-Regel zudem, dass auch über das Kabinenpersonal An­greifer ins Cockpit geschleust würden könnten, wenn es gelänge, den Auswahlprozess und die relativ kurze Ausbildungszeit hinter sich zu bringen.

Die Flugbegleiter fühlen sich durch das System auch in den Abläufen gestört. «Es ist mühsam, wenn man in der Arbeit unterbrochen wird, weil ein Pilot auf die Toilette muss», sagt der Präsident des Kabinenpersonal-Verbands Kapers, Denny Manimanakis. Schulungen, wie im Notfall zu handeln sei, habe es nicht gegeben. «Flugbegleiter können im Cockpit nicht einschätzen, warum der Pilot gerade diesen oder jenen Knopf drückt.» Während sich das Personal schon auf das Ende der 2-Personen-Regel freut, ist man ernüchtert, was sonstige Konsequenzen aus dem Germanwings-Absturz betrifft. «In der Firmenkultur hat sich bislang im Grunde genommen nichts getan», bemängelt Hoffmann vom Pilotenverband. «Entscheidend wären präventive ­Massnahmen, etwa zur Früherkennung von Depressionen oder Hilfestellung für gefährdete Personen.» Die Swiss verweist darauf, sämtliche Sicherheitsbedingungen der Easa zu erfüllen und beim Auswahlverfahren für Piloten die Kandidaten umfangreich psychologisch und medizinisch abzuchecken. Auch beim jährlichen Medical Check müssten sich Mitarbeiter zum allgemeinen Befinden äussern. Zudem hätten die Crew-Mitglieder die Möglichkeit, sich jederzeit an eine unabhängige und unentgeltliche psychologische Beratungsstelle zu wenden. Aeropers stellt die Unabhängigkeit der Beratungsstelle allerdings infrage, da es sich um eine interne Stelle handelt.

Der Verband fordert den Aufbau sogenannter Peer-.Support-Gruppen, wie es sie in anderen Ländern für Flugpersonal gibt. Es handelt sich dabei um geschulte Ansprechpartner ausserhalb des Unternehmens, an die sich Piloten in Notfällen wenden können und die absolute Anonymität gewährleisten. Für den Aufbau des Beratungsnetzwerks hofft der Verband auf Unterstützung der Swiss. «Die Einführung eines solchen Systems ist in Projektierung», bestätigt Sprecherin Fuhlrott. Mängel sollen nun auch bei einem Fehler-Meldesystem behoben werden, das unter Crew-Mitgliedern als umstritten gilt. Derartige Systeme gelten als eines der wichtigsten Werkzeuge zur Erhöhung der Sicherheit und sind Standard in der Industrie. Der Mutterkonzern Luft­hansa wendet bereits seit zwei Jahrzehnten anonyme Meldesysteme an. Nach Angaben eines Sprechers sind die Anforderungen der EU und der Easa mehr als erfüllt. Das Prinzip: Flugpersonal kann Beobachtungen oder eigene Fehler anonym melden, beispielsweise eine Fehlkalkulation des Flugbenzins. Die Daten über die Vorfälle werden gesammelt, ausgewertet und haben Konsequenzen, etwa für die Ausbildung oder die Abläufe an Bord. Es geht um stetige Verbesserungen und um mehr Sicherheit.

Fehlermeldungen landen häufig beim Vorgesetzten

Die Anonymität ist dabei entscheidend, denn nur so trauen sich Mitarbeiter auch, eigene Fehler zu melden. Bei der Swiss sind anonyme Meldungen bislang nicht auf elektronischem Weg möglich, sondern nur schriftlich auf Papier.

Zwar hat die Swiss auch ein ­Meldesystem auf elektronischer Basis. Es leitet die Berichte aber dem direkten Vorgesetzten weiter – was Mitarbeiter von Kabine und Cockpit abhält, Fehler zu melden. Swiss-Sprecherin Fuhlrott ­zufolge werden die Systeme in ­diesem Jahr zusammengeführt. Das neue, rein elektronische ­System soll komplette Anonymität ermöglichen und den Industriestandard erfüllen. «Wir sind hier auf einem guten Weg», sagt auch Hoffmann von Aeropers.

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