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Männer und ihre Muskeln

Der durchtrainierte Körper ist für Männer über 40 zu einem Statussymbol geworden. Das gelingt aber nur mit Hormonen.

Die starken, reifen Männer: Jason Statham, Sylvester Stallone, Hugh Jackman und Arnold Schwarzenegger. Fotos: Alamy Stock
Die starken, reifen Männer: Jason Statham, Sylvester Stallone, Hugh Jackman und Arnold Schwarzenegger. Fotos: Alamy Stock

Der Mann steht unter Druck. Nicht nur die Superstars des Muskel­kinos wie Sylvester Stallone oder Arnold Schwarzenegger sehen mit über siebzig noch aus, als könnten sie Wal­nüsse zwischen Mittel- und Ringfinger knacken. Auch Politiker versuchen heute, fit und kräftig zu wirken. Emmanuel Macron betreibt Kickboxen, Nicolas Sarkozy joggt zumindest so intensiv, dass er bei Abendevents mit Carla Bruni den Bauch nicht einziehen muss, und Wladimir Putin liess sich noch vor wenigen Jahren regelmässig mit nacktem Oberkörper ablichten.

Aber wer braucht heute überhaupt noch Muskeln, wo die harte Arbeit in der westlichen Welt vorwiegend von Maschinen erledigt wird? Dennoch sind Muskeln sehr in Mode. Ein ausgeprägter Bizeps oder eine definierte Rückenmuskulatur gelten nicht mehr als Kastenzeichen von Hafenarbeitern und Schmieden – sie sind Accessoire geworden, Nachweis der Selbstoptimierung und im Grunde ein Statussymbol, vor allem natürlich für Männer. Gerade weil sie nicht gebraucht, sondern begehrt werden.

Man kann noch erhalten, was da ist. Aber wenig aufbauen

Früher haben sich Männer damit getröstet, dass sie im Alter die Kraft gegen Erfolg, Klugheit oder zumindest Lebenserfahrung eintauschen. Das hat sich geändert. Sogar das US-Männermagazin «Esquire», das sich sonst an der Politik des US-Präsidenten abarbeitet oder neue Sneaker empfiehlt, preist inzwischen das «beste Work-out für Männer über 40» an. Gemeinsam mit der Zeitschrift «Men’s Health» wurde ein Trainingsprogramm entwickelt, für «ältere Jungs, die es lieben, sich fit und stark zu fühlen, aber merken, dass ihr Körper nicht mehr so reagiert wie früher».

Michael Schmidt-Kulbe, der in Berlin eine luxuriöse Praxis für ästhetische Medizin betreibt, sagt: «Seit es Assessment-Center gibt, kommen immer mehr reifere Männer zu mir, die stark und fit wirken wollen. Denn kein 50-Jähriger mit Papa-Bäuchlein will bei einer Bewerbung gegen einen 30-Jährigen den Kürzeren ziehen, der sechsmal die Woche zum Functional Fitness geht.» Schmidt-Kulbes Kunden sind Firmenbosse, Wohlhabende, Menschen, die sonst keine Sorgen mehr haben und sich mal wieder so richtig um sich selbst kümmern wollen.

Hugh Jackman: Für den Auftritt als Wolverine trainierte er ein halbes Jahr. Foto: Alamy
Hugh Jackman: Für den Auftritt als Wolverine trainierte er ein halbes Jahr. Foto: Alamy

Das Problem: Muskeln entstehen, grob gesagt, indem man sie überanstrengt, indem Fasern reissen und sich neu und stärker nachbilden. Das setzt einen guten Stoffwechsel voraus und funktioniert nicht ewig. Hormonell sind Männer mit etwa 25 auf dem Höhepunkt ihrer Leistungsfähigkeit, ab 40 fällt die Kurve jäh ab, mit 60 haben sie um rund ein Drittel weniger Testosteron im Körper als mit 25. Frauen erreichen den hormonellen Peak mit 30. «Da kann man auch zwei Stunden aufs Laufband, der Hüftspeck bleibt. Und Muskeln wachsen keine neuen mehr», sagt Schmidt-Kulbe. Man kann noch erhalten, was da ist. Aber wenig aufbauen.

In seiner Praxis betreibt Schmidt-Kulbe etwas, das er selber durchaus sarkastisch als Schattenmedizin bezeichnet, er behandelt Männer und Frauen mit Hormonen. Zum Beispiel mit HGH, dem «Human Growth Hormon», um die Fettverbrennung und den Muskelwuchs anzukurbeln. Als Schattenmedizin kann man diese Behandlungen deswegen bezeichnen, weil Schmidt-Kulbe seine Patienten im «Off-Label-Use» behandelt, das ist der Einsatz eines Medikaments ausserhalb der gesetzlichen Zulassung – und er weist ausdrücklich darauf hin, dass es keine medizinische Indikation dafür gibt. Aber «wenn man 20 Kilo Muskelmasse zunehmen will, um so auszusehen wie Brad Pitt in ‹Troja›, dann geht das nicht ohne HGH und zweimal Sport am Tag, zwei Stunden vormittags und zwei Stunden nachmittags».

Vierzig Stunden vor einer Szene trinkt er kein Wasser mehr

Ach ja, Brad Pitt. Der hat mit 55 auch wieder den Oberkörper freigemacht, für Quentin Tarantino in «Once Upon A Time in Hollywood», was Männer und Frauen im Kino ähnlich laut seufzen lässt, wie wenn Daniel Craig als James Bond aus dem Meer steigt. Aber: Craig kann sich diese Figur nach eigenem Bekunden auch nur für wenige Wochen antrainieren. Der 51-Jährige nimmt zur Vorbereitung eines neuen Bond quasi Astronautennahrung zu sich und trainiert zweimal am Tag. Hugh Jackman, 50, der als Wolverine mit freiem Oberkörper durch die «X-Men»-Filme wütet, berichtet, dass so ein Auftritt ein halbes Jahr Vorbereitung brauche; vierzig Stunden vor einer Szene trinkt er kein Wasser mehr, um die Muskelzeichnung zu betonen, «sehr ungesund», wie er sagt.

Man sollte nicht vergessen, dass es Craigs, Stallones, Pitts, Schwar­zeneggers und Jackmans Job ist, so auszusehen. Fulltime. Jeder, der sonst noch einen Beruf hat, findet die Zeit gar nicht, selbst wenn die Energie dafür da wäre. Aber das Gefühl, dass man mehr aus sich herausholen und wieder in die Lieblingsjacke passen könnte, wenn man nur etwas weniger essen und trinken würde und endlich mal wieder zum Sport ginge, das bleibt natürlich. Nur ist das für Männer vielleicht noch etwas ungewohnt.

Jason Statham: Der ehemalige Turmspringer verkörpert heute die Idealfigur. Foto: Alamy
Jason Statham: Der ehemalige Turmspringer verkörpert heute die Idealfigur. Foto: Alamy

Man könnte durchaus argumentieren, dass sich hier eine späte Geschlechtergerechtigkeit einstellt, in der nicht mehr nur die Frauen Körperstress haben, sondern eben auch die Männer. Der Körper kann auch als ästhetische Entsprechung der Persönlichkeit betrachtet werden, und Schlagworte wie Authentizität und Achtsamkeit prägen derzeit den allgemeinen Sprachgebrauch. Man kann also davon ausgehen, dass der gesamtgesellschaftliche Trend weiter zur Selbstbeschäftigung geht. Wer bin ich, und wie nehmen mich die anderen wahr? Man versucht, aussen und innen zusammenzubekommen, ganz man selbst oder manchmal auch ein anderer zu werden, schlanker, stärker, mächtiger.

Sylvester Stallone wurde vor zehn Jahren vom australischen Zoll festgesetzt, weil er Ampullen mit chinesischem HGH mit sich führte. Er bekannte freimütig, dass er ohne Wachstumshormone nicht mehr der gleiche Mann wäre. An Stallone, der seine gesamte Karriere knallhartem Work-out verdankt, lässt sich auch am besten erklären, wie sich die Muskelmode verändert hat. Es geht heute nicht mehr so sehr um Muskelberge, wie sie in den Achtziger- und Neunzigerjahren in Mode waren. Die für diese Jahrzehnte typische Angeberei spiegelte sich im geölten Bizeps, der wie eine Kanonenkugel auf dem Oberarm sass. Damit demonstrierte man nicht nur einen eisernen Willen, sondern inszenierte auch eine sehr spezielle Attraktivität, die kein Geld und kein Geist aufwiegen können.

Arnold Schwarzenegger: Der ehemalige Mister Universe war der Inbegriff des muskelbepackten Haudegens. Foto: Alamy
Arnold Schwarzenegger: Der ehemalige Mister Universe war der Inbegriff des muskelbepackten Haudegens. Foto: Alamy

Stallone und Schwarzenegger haben mittlerweile abtrainiert, heute ist eher der «Shredded Look» angesagt, der nach Arbeit und Askese aussieht. Die Muskeln sollen, wie etwa beim ehemaligen Turmspringer und Actiondarsteller Jason Statham, aussehen wie die von Geheimagenten, die sich nur mit einem Stuhl und einer Zahnbürste monatelang in Foltergefängnissen fit halten können. Das passt zum aktuellen Slim-Fit-Look in der Mode. Die früheren Muskelmänner sahen in einem Anzug stets so aus, als hätte man ein zeltförmiges Jackett mit schweren Steinen befüllt. Wer in die kurzen, knappen Jacketts passen will, die Daniel Craig als James Bond trägt, braucht auch den Körper dazu und zeigt damit an, dass er Zeit und Geld hat für Personal Trainer, für Nahrungsergänzungsmittel, eventuell auch für Testosteronspritzen und HGH.

Muskeln verändern die Haltung und das Selbstbewusstsein

Auch deswegen läuft Schmidt-Kulbes Praxis von Jahr zu Jahr besser, genau wie die EMS-Studios, die überall aus dem Boden schiessen. Der Erfolg dieses Trainings mit Elektrostimulation, das die Muskeln exponentiell mit überschaubarem Aufwand anwachsen lässt, ist eine Folge dieser Mode. Bei EMS geht es nicht mehr darum, Sport zu treiben, sondern nur noch darum, Muskeln zu haben. Im Bereich des Personal Trainings liegt «Functional Training» uneinholbar vorn, also das kompakte Ableisten harter Übungen für maximalen Effekt in minimaler Zeit. Alles Spielerische oder Kompetitive fehlt, man ist allein mit seinem Wunsch und seinem Personal Trainer. Sport im eigentlichen Sinn ist auch das nicht mehr.

Verbunden ist damit die Hoffnung, sich im fortschreitenden Alter noch mal optisch zu verjüngen. Und Muskeln sind als Statussymbol der Jugend immer noch ungeschlagen. Sie verändern die Haltung und das Selbstbewusstsein. Wer es zu etwas bringen will oder zu etwas gebracht hat, bringt seinen Körper mit 50 noch mal in Form, auch um zu zeigen: Es geht. Jeff Bezos, 55, Amazon-Chef und das Pin-up moderner Manager, präsentierte sich vor einem Jahr erstmals runderneuert, in Slim-Fit-Kleidung und deutlicher Muskelzeichnung, nachdem er zuvor in Schlabberhemden und Bäuchlein zum reichsten Mann der Welt geworden war.

Für die durchschnittlichen Bauchträger, die sich jeden Morgen vornehmen, wieder mal laufen zu gehen, bleibt nur ein Trost: Spass macht das alles keinen. Nach Stundenplan essen, keinen Zucker zu sich zu nehmen, also auch keinen Alkohol, trainieren wie besessen, zur Not mit Elektroschocks und sich Hormone zu injizieren – damit sollte man dann schon Millionen verdienen wie Stallone oder Schwarzenegger. Vielleicht hilft es, zu wissen, dass die Männermode sich gerade wieder wegbewegt vom Superslim-Look, hin zu weiten und geradezu schlabberigen Klamotten, die den Körper etwas gnädiger präsentieren.

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