Landwirtschaft Ja, Initiativen Nein

Warum Fern­transporte der Umwelt weniger schaden als lokale Biomärkte.

Reiner Eichenberger@sonntagszeitung

Bald stimmen wir über die zwei Initiativen «Für Ernährungssouveränität» und «Fair-Food» ab. Erstere will «eine Versorgung mit überwiegend einheimischen Lebens- und Futtermitteln», «dass bei deren Produktion die natürlichen Ressourcen geschont werden», «die Erhöhung der Zahl der in der Landwirtschaft tätigen Personen», «dass in allen Produktionszweigen und -ketten gerechte Preise festgelegt werden» und dass die Arbeitsbedingungen der Landwirtschaftsangestellten «schweizweit einheitlich sind». Die zweite will unter anderem in die Verfassung schreiben, dass die importierten Lebensmittel «grundsätzlich mindestens den Anforderungen … an die Produktion und Verarbeitung» in der Schweiz entsprechen und «die Auswirkungen des Transports … auf Umwelt und Klima reduziert werden».

Das ist planwirtschaftlich, zentralistisch, isolationistisch, diskriminierend, unökologisch, chauvinistisch und nationalistisch. Was als «fair» bezeichnet wird, ist eine total unfaire Behandlung von Importen aus Ländern, die dringend auf Exporte angewiesen sind und wo die natürlichen Produktionsbedingungen weit besser als in der Schweiz sind.

«Die Initiativen würden diese Kosten der heutigen Schweizer Landwirtschaftspolitik noch stark steigern.»

Die Kosten der heutigen Schweizer Landwirtschaftspolitik wurden von Avenir Suisse gerade auf 20 Milliarden Franken jährlich geschätzt. Die Initiativen würden diese Kosten noch stark steigern. Geschädigt würden die Schweizer Konsumenten und Steuerzahler, die Einwohner der Exportländer sowie die Umwelt. Die Schweiz leidet heute schon an viel zu intensiver landwirtschaftlicher Produktion mit schwerwiegender Umweltbelastung. Mit mehr «Souveränität» und Pseudo-Fairness würde die Produktion noch intensiver, gerade auch angesichts des starken Bevölkerungswachstums.

Weshalb machen intelligente Menschen solche Initiativen? Neben Regulierungswut und Eigennutz spielen Denkfallen eine wichtige Rolle. Dazu zwei Beispiele: Viele Menschen verurteilen lange Transportwege. Tatsächlich aber braucht ein Standard­lastwagen mit 27 Tonnen Ladekapazität für die 1000 Kilometer aus Süditalien etwa 350 Liter Diesel. Inklusive leerer Rückfahrt macht das pro 5 Kilogramm Gemüse 0,13 Liter Diesel. Hingegen braucht ein Konsument, der für 5 Kilo Gemüse mit dem Auto 5 Kilometer auf den Biomarkt oder zu einem Bauernhof und zurück fährt, durchschnittlich etwa 0,8 Liter Benzin. Zudem fahren auch viele Verkäufer weit auf Biomärkte. Ökologisch bedenklich sind deshalb weniger Ferntransporte als Biomärkte und der Direkt­verkauf ab Hof.

Manche meinen, durch die Initiativen würden die Konsumentenpreise nicht steigen, weil durch Kontroll- und Transparenzmassnahmen die Margen der Detailhändler gesenkt werden könnten. Dabei verkennen sie einen besonders wichtigen Aspekt, der leider auch in der Analyse von Avenir Suisse fehlt. Schon die heutige Landwirtschaftspolitik erschwert es ausländischen Detailhandelsketten, in der Schweiz als starke Wettbewerber aufzutreten. Dadurch ist sie eine wichtige Ursache der «Preisinsel Schweiz», die die Konsumenten sehr viele Milliarden Franken kostet und den Bauern nichts bringt. Die beiden Initiativen würden diese Situation stark verschlimmern.

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt