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Holocaust für Anfänger

Eine deutsche Journalistin der ARD nörgelte am Gedenktag der Shoah herum. Absolut daneben, findet Markus Somm.

MeinungMarkus Somm
Der deutsche Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier verneigt sich vor einem Kranz, der den Opfern des Holocausts gewidmet ist (23. Januar). Foto: Ronen Zvulun (AP)
Der deutsche Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier verneigt sich vor einem Kranz, der den Opfern des Holocausts gewidmet ist (23. Januar). Foto: Ronen Zvulun (AP)

Sabine Müller, eine Journalistin des deutschen Fernsehsenders ARD, hat in einem Kommentar zum Holocaust­gedenktag, der diese Woche in Jerusalem abgehalten wurde, die Israelis und Russen bzw. deren Regierungen kritisiert: «Unwürdig» sei es gewesen, wie sie den Tag «kaperten» und vor dem offiziellen Teil eine «eigene politische und erinnerungspolitische Privatparty feierten». Diese bestand anscheinend aus «Verbalattacken» gegen Polen, «überlangen» Gesprächen zwischen dem israelischen Premierminister Netan­yahu und dem russischen Präsidenten Putin und einer ebenfalls «gnadenlos überzogenen» Einweihung eines Denkmals, das der Belagerung Leningrads durch die Deutschen gedenken soll. Es dauerte alles viel zu lang nach dem Geschmack der Journalistin, wenn auch weniger lang als die Belagerung von Leningrad (über zwei Jahre, eine Million Tote). Jedenfalls mussten die übrigen Teilnehmer, darunter der deutsche Bundespräsident Steinmeier, warten, bis die «Privatparty» der Russen und Israelis vorbei war. Vielleicht stand auch sie herum und war deshalb so verärgert, wir wollen nicht zu streng sein. Doch in ihrem Zorn über das unvollkommene Zeit­management der Israelis hat sie einen Kommentar der ­Nachwelt hinter­lassen, wie er grotesker nicht hätte ausfallen können. Seither versinkt sie in einem Shitstorm.

Reicht es denn nicht, dass die Deutschen sechs Millionen Juden umgebracht haben, müssen sie den Juden nun auch noch erklären, wie man sich an dieses Verbrechen «würdig» erinnert? Als ob Mörder schon immer die besten Trauerreden auf ihre Opfer gehalten hätten. Meinte sie dies? Denn Steinmeier, so merkte sie mit Genugtuung an, zeigte, wie man es macht, indem er eine «einfühlsame und klare Rede» hielt, sogar auf Englisch, «wohlgemerkt», was sie ihm hoch anrechnete – tatsächlich hatten sich ihre Landsleute zu anderen Zeiten weit weniger um den Erwerb fremder Sprachen gekümmert. Man erinnert sich an das böse Bonmot von Gerhard Polt, dem bayerischen Kabarettisten, der einen deutschen Soldaten über dessen Erfahrungen an der Ostfront sinngemäss sagen liess: «Ich selber bin des Russischen ja kaum mehr mächtig. Nur wenige Worte sind mir geblieben. Zum Beispiel ‹Hände hoch!›.»

Vermutlich hatte Müller gespürt, dass sie sich als offiziöse Vertreterin des «Landes der Täter», wie sie das verstohlen beschrieb, in eine unmögliche Position gebracht hatte. Umso mehr versuchte sie ihrer Überheblichkeit einen höheren Sinn zu geben. Wenn sie die «Privatparty» der beiden Politiker irritierte, dann nicht einfach, weil sie warten musste oder die beiden ohnehin nicht mochte. In der ARD tendiert man nach links, sodass eine solche Abneigung niemanden erstaunt ­hätte. Nein, vielmehr sah sie im Verhalten der beiden, das den deutschen erinnerungspolitischen Standards nicht genügte, ein Zeichen dafür, dass uns die «internationale Einheit» abhandengekommen sei. Und dann folgte ein unheimlicher Satz: «Wie damals», sie sprach vom Ende des Krieges, «bräuchte es auch heute eine konzertierte, gemeinsame ­Anstrengung gegen einen neuen Antisemitismus, gegen neues ­völkisches Denken.»

Seinerzeit hatte sich ja vor allem ein Volk dieser gemeinsamen Anstrengung ziemlich lange entzogen, die Deutschen, sodass man sich fragt, wen Müller jetzt im Auge hatte, wem sie heute den Mangel an Einheit anlastete: den Russen oder gar den Israelis? Waren sie am Ende dafür verantwortlich, wenn der Antisemitismus wieder zunimmt, weil sie sich dieser «internationalen Einheit» zu wenig bereitwillig unterwerfen und ihr eine «Privatparty» vorziehen? Früher sagte man, die Juden seien selber schuld, dass man sie hasse. Heute formuliert man das etwas müllerhafter, aber immer noch deutlich genug.

Angela Merkel, die deutsche Bundeskanzlerin, hat in Davos nicht über den Holocaust gesprochen, aber ebenfalls den Niedergang des Multilateralismus beklagt. Alles, was derzeit in die Binsen geht, ist offenbar darauf zurückzuführen: dass nationale Alleingänge zunehmen, was meistens eine Kritik ist, die auf Donald Trump zielt, den Werwolf unserer Zeit. Ironischerweise ist gerade Merkel kein Vorbild: Allein – gegen die EU – hat sie 2015 die deutschen Grenzen für Millionen von Migranten geöffnet; allein – an der EU vorbei – hat sie eine Energiewende umgesetzt, allein steckt sie viel weniger Geld in ihre Armee, als Deutschland in der alten multilateralen Organisation Nato zu leisten hätte.

Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein, heisst es im Neuen Testament, einem Text, für den auch ein Jude verantwortlich ist.

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