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«Die erste Sprache waren die Schläge»

Udo Lindenberg über seinen Kampf gegen rechts, bessere Drogen als Alkohol und Schweizer Geschmeidigkeit.

Udo Lindenberg erscheint in seiner Panik-Rocker-Uniform – dem Hut, der Sonnenbrille, den grünen Socken. Der 72-Jährige ist bestens aufgelegt, wenn er zur Begrüssung die Worte «Chuchichäschtli» und «Züri brännt» in seinen nasalen Udo-Singsang übersetzt. Während dem Gespräch in seinem Dauerwohnsitz – dem Hamburger Hotel Atlantic – spielt er mit der Zigarre rum, sie bleibt unangezündet. Und Lindenberg, den alle nur Udo nennen, legt zuweilen gar die Sonnenbrille ab.

Sie stehen als Person und mit Ihren Songs für die «Bunte Republik Deutschland», wie eine Ihrer Platten heisst. Besteht Grund zur Panik, wenn Sie die gegenwärtige Lage des Landes und den Aufstieg der AfD betrachten?

Ich bin Optimist. Ich sehe mit grosser Freude, dass im Herbst Hunderttausende zusammengekommen sind, um für die Weltoffenheit in Deutschland zu demonstrieren. Für die Freiheit, in der wir leben, und die Menschenrechte. Denn dafür müssen wir fighten, wir müssen optimistisch bleiben.

Gelingt Ihnen das immer?

Nun, die Welt ist schon sehr am Arsch, durch diese Schwachmaten, diese Kriminellen. Trump und Putin, total kriminell. Die Aufrüstung ist ein tägliches Verbrechen, ein täglicher Krieg.

Die Aufrüstung?

Ja, dieser Aufrüstungsexzess ist einfach kriminell und pervers in einer Welt, in der Tag für Tag so viele Menschen sterben. Das Wort Abrüstung habe ich jedenfalls schon lange nicht mehr gehört.

Singen Sie deshalb auf Ihrem neuen Unplugged-Album eine Friedenshymne, die an Ihr 80er-Motto «Gitarren statt Knarren» erinnert?

Genau. Ich singe in «Wir ziehen in den Frieden»: Lass uns auf die Strasse gehen, für den Frieden und so, und die Leute gehen ja wieder auf die Strasse. Seit den 80ern hat es das nicht wieder gegeben. Auch neulich in Hamburg, wo sich 50000 Leute gegen 2000 Rechtsradikale gestellt haben, Leute, die einstehen gegen Nationalismus. Macron sagte ja den guten Spruch: «Nationalismus ist Verrat am Patriotismus.» (Geht zum Buffet, wo eine Kaffeekanne steht.) Möchtest einen Kaffee?

Ja, gerne.

Bei mir ist es ja noch früh am Tag.

Es ist nach 17 Uhr . . .

Ich gehe um sechs, halb sieben Uhr morgens ins Bett, stehe dann so um zwei Uhr Nachmittags wieder auf. Von dem her: Früh am Morgen! Weil ich bin der Nachtvogel.

Der Nachtvogel, der im Luxushotel haust?

Hier in diesem Hotel ist ja alles, ich nenne es meine Hippiebude. Ich wohne hier auch gerne als Proll – ausser Baumschule war bei mir ja nicht viel. Auch die Punker und die Rebellen sollen im Atlantic bitte schön ein und aus gehen. Quasi: Das Proletariat holt sich die Paläste zurück.

Gehen Sie denn überhaupt in die Stadt raus?

Wenn ich durch die Gegend gehe, ziehe ich mir eine Tarnmütze über. (steht auf) Ich gehe gebückt, mit krummem Rücken und nicht so sexy, nicht so dancend (er macht seinen klassischen Tanzschritt). Manche erkennen mich natürlich doch, sagen: «Hei, Udooo, ich hab eine grüne Socke gesehen!» Aber ich gehe lustig damit um, die bauen ja Denkmäler wie in meinem Geburtsort Gronau, und dann gehe ich immer hin und frage, ob das nach Stein riecht oder nach frischer Lindenblüte, ne.

Udo, das lebende Denkmal?

Ich hab mich inzwischen ein bisschen daran gewöhnt – es ist auch ganz toll, ich freu mich da jeden Tag. Seit zehn Jahren erlebe ich die Wunderjahre.

Damals erschien Ihr Album «Stark wie zwei», nach Jahren des Misserfolgs.

Ich war Alkoholwissenschaftler, war ziemlich unten. Ich fragte mich, wie geht das nun alles weiter, und wie gehe ich auf die Bühne mit sechzig, mit siebzig, und so. Ich habe lange rumgesucht, bin rumgekrochen in den Kneipen und unter dem Tisch. Dann hatte ich Glück, auf die richtigen Leute zu treffen. Schnell ging das derartig ab. Ich musste mich kneifen und fragen: Ist das wirklich wahr?

Sie haben den Alkohol mit dem Comeback 2008 hinter sich gelassen?

Wir haben ja früher nach der Mengenlehre getrunken. Das wurde dann too much. Aber natürlich hat nicht jeder eine bessere Droge als Alkohol im Angebot, ich hatte aber: die grossen Bühnen, die grosse Musik, die grossen Begegnungen. Und ich wollte nicht wie die Schlagersänger in den Möbelhäusern enden.

Das war Ihre grosse Furcht.

Ja, dass ich dort verende. Ich dachte mir: Wenn ich mit der Sauferei aufhöre und wieder schmal und schnell auf die Bühne raufgehe, ist das eigentlich die bessere Droge.

Sie sind in dem Sinne ein Überlebender.

Stimmt ja auch. Viele sind ja bereits tot. Aber keine Panik, ich habe noch keine Lust, denen nachzureisen. Und wir halten uns jetzt fit, mit gezielten Einnahmen von Wirkstoffen . . .

Was für Wirkstoffe?

Das sind fernöstliche und ein paar geheimere Sachen. Sachen, die uns besser bekommen als die Sauferei. Ich kann es schon noch eine Weile machen.

Dennoch schauen Sie nun mit Ihrem Unplugged-Album erst einmal zurück.

Es geht mir ja auch darum, diese Schätze aus den 70ern und 80ern wieder zu heben, diese Songs mit wunderbaren Leuten wie Jan Delay oder Marteria wieder zu singen. Aber diese Lieder sind ja auch immer noch aktuell und zeitlos.

So, wie «Ich träume oft davon, ein Segelboot zu klaun», eine Ihrer Sehnsuchtshymnen aus den 70ern. Für was steht diese Sehnsucht heute?

Es ist noch immer diese Fantasie, dass ich losfahre, als Abenteurer, der dieses Boot geklaut hat. Und das ist ja auch ein Synonym für die Entdecker, von Vasco da Gama, James Cook bis Daniel Düsentrieb, dem Erfinder aus Entenhausen – das waren immer meine Idole.

Nicht gerade die handelsüblichen.

Normalität hat mich noch nie gejuckt. Stucki-Barre (Autor Benjamin von Stuckrad-Barre) sagt so schön: «Wir schlagen eine Schneise der Verwüstung in die Normalität.» Ein sehr guter Spruch von ihm. Normales Formatradio und so, diese ganze Scheisse, die interessiert mich überhaupt gar nicht.

Auch «Hoch im Norden» singen Sie wieder. Sie haben 1972 mit dieser Nummer die deutsche Sprache für den Rock ’n’ Roll singbar gemacht.

Ich war ja Trommler. 12 Jahre habe ich getrommelt, in Jazz- und Fusion-Bands, und dann habe ich die Worte in die Rhythmen eingesetzt.

Wie genau?

(beginnt zu swingen) «Ge-dong-ge-dong-do-dong.» Dann die Texte: «Hoch im Norden – do-dong-do-dong-do –, hinter den Deichen, bin ich geboren, do-dong-do-dong-do», so, na. Wie ein Trommler halt.

In Ihrer neuen Biografie steht der Satz: «Er hat sich die Welt ertrommelt.»

Die erste Sprache waren die Schläge. «Ge-dong-ge-dong». Laut. Fordernd. Gegen das Schweigen.

Welches Schweigen?

Ich hab meinen Vater gesehen, wie er nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs geschwiegen hat. Und ich spürte: Das ist nicht richtig, dass sie schweigen.

Sie sind 1946 geboren . . .

Es war eine schreckliche Zeit, ich bin ja noch in den Trümmern und den Kriegsruinen rumgekrabbelt. Aber ich war schon dabei – die Gnade der frühen Geburt, na – als der erste Rock ’n’ Roll kam. Der war laut, rebellisch, die Sprache haben wir aber nicht richtig verstanden. Aber ich habe gespürt: Gegen dieses Schweigen, diese Verlogenheit, dieses Tun, als ob keine Nazikatastrophe gewesen wäre, dagegen musste ich antrommeln. Und später dagegen ansingen. Das ist ja dann dein Auftrag.

Sie sind ein Veteran der «Rock gegen rechts»-Konzerte. Aber in Chemnitz, als im Herbst Bands wie Die Toten Hosen auftraten, fehlten Sie.

Ich war im Studio, aber wir haben telefoniert, die haben das auf die Schnelle gemacht, Campino von den Toten Hosen und Bands wie Feine Sahne Fischfilet. Selbst Rapper wie Marteria, der sich zum ersten Mal politisch ganz klar exponiert hat, waren da. Auch Grönemeyer singt in einem seiner neuen Songs «keinen Millimeter nach rechts». Es ist nicht mehr so wie früher, wo es immer eine Art Rivalität, immer so eine Disserei gab. Sondern wir sehen uns heute als Familie mit unserer Haltung, die Rock ’n’ Roller, die Rapper.

Auch die Gangsta-Rapper wie Kollegah?

Die sind eine andere Abteilung. Aber es sind viele, die sich gegen rechts aussprechen, deshalb bin ich nicht mehr pessimistisch.

Haben Sie denn wirklich immer noch das Gefühl, mit Musik können Sie die Welt verbessern?

Ja. Ich denke an Woodstock vor fünfzig Jahren – das war echt vor fünfzig Jahren im nächsten Sommer, Summer of 69. Und es gingen Millionen von Menschen auf die Strassen, mit Musik, gegen den Vietnamkrieg, gegen schmutzige Geschäfte. Sie haben auch richtig was bewirkt, haben die Leute angetörnt.

Wie sieht es denn in Deutschland aus?

Gerade hier können wir mehr bewirken als Politiker.

Warum?

Hier bewegen Politiker gar nichts mehr, weil sie nicht reden können. Sie berühren die Leute nicht emotional. Und es müssen von ihnen auch klare Argumente kommen. Es ist ja klar, dass man Schutzsuchenden Hilfe gewähren muss, jenen Leuten, die gerade dem Tod entronnen sind. Doch es sind auch ein paar andere reingekommen. Bei Kriminalität braucht es die volle Härte des Gesetzes und keine Larifari-Justiz. Darüber kann und muss man sprechen. Das können die aber nicht. Merkel kann es nicht, und Seehofer auch nicht. Und wenn es die Politiker nicht hinkriegen, dann müssen wir Musiker, Leute wie Campino oder wie Grönemeyer, übernehmen.

Ist das nur in Deutschland so?

Springsteen im Amiland wird sich die Scheisse auch nicht mehr lange angucken.

Vor dem Rock und dem Protestsong kam für Sie aber der Jazz. Sie spielten schon als Jugendlicher in Bands. Wie passierte das?

Weil ich ein Strassenvogel war, der auf Bierdeckeln trommelte. Ich war keiner, der mit der Schreibmaschine im stillen Kämmerlein sass. Aber dass ich später singen würde, war mir anfangs gar nicht so klar. Einer musste den Job ja machen, ne.

Sie setzen sich auf dem neuen Album für die legendäre «Tatort»-Melodie, die Sie damals im Studio einspielten, wieder hinter das Schlagzeug.

Auch wenn ich in Clubs gehe und eine geile Band sehe, setze ich mich gerne hinters Schlagzeug. Aber das filigrane Spiel, das könnte ich nicht mehr. Ich wollte auch damals, als das Schlagzeug wegen der Fusion-Drummer immer komplizierter wurde, nicht fünf Stunden lang pro Tag runter in den Keller zum Üben. I keep it simple and loud.

Warum ein Unplugged-Album, wenn Sie es doch laut und einfach mögen?

Wenn man Lieder wie «Kleiner Junge» und «Bananenrepublik», die immer noch aktuell sind, laut aufdreht, mit der Sinfonik, dann kommt das schon laut rüber. Und ich singe auch mit Alice Cooper . . .

. . . dem US-Schockrocker.

Mein Panik-Rock war für gewisse Leute auch Schockrock. Aber in den Arenen gibts ja dann wieder Rock und ordentlich Bambule.

Ein Schweizer Datum fehlt auf Ihrer kommenden Tour.

Müssen wir noch machen, ich rufe gleich meinem Impresario an, Hallenstadion und so. Da haben wir schon mal gespielt, 1980 oder so. Letztes Mal waren wir im Tessin.

Sie besuchten damals das Hermann-Hesse-Haus.

Ich besuche in Zürich jeweils auch den Keller des Baur au Lac, dort hat Hesse das «Theater für Verrückte» gesehen, das im «Steppenwolf» gelandet ist. Hat mir ein Nachtportier erzählt. Überhaupt konnte ich bei euch auch mal ein bisschen dancen, da ist alles ein bisschen dezenter, ein bisschen geschmeidiger als in Deutschland. Und das finde ich schon sehr sehr gut. Aber Exzess konnte man bei euch auch erleben. Das weiss ich von Stucki-Barre, der war lange Zeit in Zürich, na, und hat da ordentlich gewirbelt.

Am Schluss des Albums singen Sie den Song «Sternenreise», in dem Sie sich treu zeigen, so, als blieben Sie uns noch lange erhalten.

Es kommt nach mir keiner nach, es gibt keinen richtigen Pop- oder Rockstar. Und deswegen muss ich weitermachen.

Wie lange noch?

Ich will nun in den Club der 100-Jährigen. Ich habe neben der irdischen Zeitzählung ja noch eine andere, und die ist zeitlos. Ich bin der Spaceman.

Udo, der Astronaut?

Der Udonaut.

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