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Ehrliche und mutige Politik

Verdichtung bringt viel weniger, als die meisten denken.

MeinungReiner Eichenberger

In Politik und Medien sind folgende Themen aktuell: weniger Zersiedelung durch Einzonungsstopp und Raumplanung; Energiewende und Senkung des Energieverbrauchs ohne Mehrimporte; Landwirtschaftspolitik und Bewahrung des Selbstversorgungsgrads mit Nahrungsmitteln; die Zukunft der Beziehung Schweiz - EU unter Erhalt der Personenfreizügigkeit. Viele reden über diese Themen, wie wenn sie nicht zusammenhängen würden. Das sollte sich endlich ändern.

Zersiedelung hat viel mit Bevölkerungswachstum und dieses mit Zuwanderung zu tun. Die stereotype Behauptung, der Wohnflächenverbrauch wachse vor allem, weil der Verbrauch pro Kopf zunehme, ist falsch. Es galt nur bis etwa 2005. Seither aber wächst die Wohnfläche pro Kopf praktisch nicht mehr.

Die bestehenden Bauzonen reichen auf dem Papier noch etwa für 1,5 Millionen Einwohner oder beim heutigen Bevölkerungswachstum etwa 20 Jahre. Ein grosser Teil dieses Bodens wurde bisher nicht erschlossen, weil er in unattraktiven Regionen und Lagen für Käufer und Mieter liegt. Mit der Nutzung solch weniger attraktiver Lagen sinkt die durchschnittliche Wohn- und damit Lebensqualität in der Schweiz. Zudem ist die 20-Jahre-Prognose ­Augenwischerei. Denn in 20 Jahren wäre die Baulandreserve ja vollständig aufgebraucht. Dann müsste schlagartig und überstürzt massiv eingezont oder die Zuwanderung total gestoppt werden. Wenn das nicht geschehen soll, muss die Neueinzonung rechtzeitig und sorgfältig geplant werden. Da solche Planung sehr viel Zeit braucht, müsste sofort damit begonnen werden. Offensichtlich fehlt der Mut, das offen auszusprechen.

Der Einwand, durch bauliche Verdichtung könne leicht viel Wohnraum gewonnen werden, ist falsch. Verdichtung bringt viel weniger, als die meisten denken. So bringt die Erhöhung der ­Geschosszahl bei weitem keine proportionale Zunahme des Wohnraums. Vielmehr wächst der Platzbedarf für die innere Erschliessung durch Lifte, Treppen und Leitungen überproportional. Zudem wachsen die Baukosten massiv, und die Wohnqualität in den unteren Geschossen nimmt ab. Insgesamt bringt deshalb langfristig Bevölkerungswachstum bei knappen Bauzonen und zunehmender Verdichtung einen Lebensqualitätsverlust.

In der Landwirtschafts- und Energiepolitik ­wirken ähnliche Mechanismen. Die Kosten von politisch erwünschten Selbstversorgungs­zielen steigen mit dem Bevölkerungswachstum überproportional. Eine wachsende Energie- und Landwirtschaftsproduktion, erst recht, wenn die Landwirtschaftsflächen infolge Bau­aktivität sinken, ist nur um den Preis inten­siverer und damit umweltbelastenderer Pro­duktion ­möglich.

Aus all dem Gesagten folgt: Es ist höchste Zeit, dass unsere Politiker endlich offen und ehrlich darüber sprechen, dass die Ziele freie ­Zuwanderung, weniger Zersiedlung sowie sichere Versorgung mit Lebensmitteln und Energie ohne zunehmende Importabhängigkeit in einer scharfen Zielkonkurrenz stehen. Der Bundesrat muss die damit zusammenhängenden Kosten endlich ernsthaft untersuchen lassen.

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