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Es schadet nie, wenn man in der Rolle stirbt

Was braucht es, um einen Oscar zu gewinnen? Eine Auswertung der letzten 20 Jahre zeigt es. Ab 1 Uhr heute Nacht tickern wir live von der Verleihung.

Wer wird dieses Jahr die goldenen Statuen nach Hause nehmen dürfen? Vier Gewinner präsentieren ihre Auszeichnungen. Foto: Make Blake (Reuters)
Wer wird dieses Jahr die goldenen Statuen nach Hause nehmen dürfen? Vier Gewinner präsentieren ihre Auszeichnungen. Foto: Make Blake (Reuters)

Billie Eilish wird singen, Elton John auch. Tom Hanks und Jane Fonda werden einen der 24 Oscars überreichen: In der Nacht auf Montag steigt im Dolby Theatre von Los Angeles die grösste TV-Show des Jahres. Die Wetten, wer gewinnen wird, sind gemacht – auch die der SonntagsZeitung auf dieser Seite. Aber was braucht es für einen Triumph? Eine Auswertung mit den besten Darstellerinnen und Darstellern der letzten 20 Jahre zeigt, dass gewisse Dinge schon helfen können.

Wer gewinnt? Die Prognosen von Filmredaktor Matthias Lerf. Video: Tamedia

Echt sein, wirklich echt

Mehr als die Hälfte aller Ausgezeichneten – 21 von 40 – verkörpern jemanden, den es wirklich gegeben hat. Die Bandbreite dabei ist riesig. Als Leonardo DiCaprio 2016 im fünften Anlauf endlich seinen ersten Oscar gewann, spielte er einen Mann namens Hugh Glass. Hierzulande kennt den kaum jemand, aber er soll einst im Wilden Westen tatsächlich die Attacke eines Bären überlebt haben, wie Leo in der eindrucksvollsten Szene von «The Revenant». Und doch wird die Interpretation des Schauspielers wenig mit dem echten Hugh Glass zu tun haben. Ganz anders dagegen die von Helen Mirren. Sie spielte in ihrer Oscarrolle von 2007 die britische Königin Elizabeth II. Und brachte die Herausforderung selber auf den Punkt: «Die Queen ist wie das Sofa deiner Eltern, es ist alles andere als neu, hat Weinflecken und Rauchlöcher, und genau deshalb ist es aus deinem Leben nicht mehr wegzudenken.» So gesehen: Ein Sofa zu spielen, ist förderlich (wenn man gut ist darin, selbstverständlich).

Was bedeutet das für 2020?Daumen hoch für Renée Zellweger in «Judy». Sie spielt die Hollywood-Ikone Judy Garland wunderbar. Präsentiert deren tragische Seiten. Und macht noch etwas, was nie schadet: Sie singt.

Renée Zellweger als Judy Garland. Foto: PD

Die schönen Künste

Singen. Der Gewinn des Oscars durch die Französin Marion Cottilard war 2008 eine der grössten Überraschungen. Aber sie spielte Edith Piaf, deren Chansons bilden das Gerüst des Films. Musik kann nie schaden, sie prägte noch sieben weitere Oscars. Aber auch Literatenrollen – Truman Capote, Virginia Woolf – werden gerne ausgezeichnet. Und manchmal feiert Hollywood sich am liebsten selber. Wie 2012 im oscarprämierten Stummfilm «The Artist».

Was bedeutet das für 2020? Auch in «Once Upon a Time in Hollywood» mit dem Favoriten Brad Pitt steht Hollywood selber im Zentrum. Und «1917» von Sam Mendes ist zwar thematisch kein Film über das Filmen. Aber das Kriegsdrama feiert indirekt doch die Kunst, weil es so tut, als bestehe es aus einer einzigen Einstellung – ein Fest für jeden Cineasten, ob alt oder jung.

Brad Pitt in «Once Upon a Time in Hollywood». Foto: PD

Im besten Alter

Der älteste Oscargewinner in der Geschichte der Hauptdarsteller-Kategorie ist Henry Fonda mit 76 Jahren (1981 für «On Golden Pond»), die jüngste Siegerin die gehörlose Marlee Matlin mit 21 (1986 für Children of a Lesser God). In den letzten 20 Jahren hat sich das Alter eingemittet: Die Gewinnerinnen sind durchschnittlich 38 Jahre alt, die Älteste ist Meryl Streep, die 62 war, als sie den Oscar als Eiserne Lady Margaret Thatcher bekam. Jüngster Mann in diesem Zeitraum ist «Pianist» Adrien Brody mit 29. Bei den Männern ist der Altersdurchschnitt – wer wundert sich? – höher als bei den Frauen. Wer da gewinnen will, ist am besten 44 Jahre alt.

Was bedeutet das für 2020? Joaquin Phoenix ist 45, also auch so gesehen ein idealer Favorit. Sein «Joker» bietet zudem ein weiteres Element, das bei den Oscars geliebt wird: Ist er krank? Oder einfach ein Spinner?

Jaquin Phoenix als Joker. Foto: PD

Der normale Wahnsinn

Wer erinnert sich nicht an Dustin Hoffman als Autist in «Rain Man»? Oder an Daniel Day-Lewis als Schwerbehinderter in «My Left Foot»? Diese Rollen waren so prägend, dass man denken könnte, der sicherste Weg zum Oscar sei, einen Menschen mit einer Beeinträchtigung oder Krankheit zu spielen. Aber so einfach ist es nicht. Zwar gab es auch in den letzten Jahren typische Parts wie der von Colin Firth als stotternder König in «The King’s Speech». Oder der von Eddie Redmayne als unter einer Erkrankung des motorischen Nervensystems leidender Physiker Stephen Hawking. Allerdings: Nur etwas mehr als ein Viertel der Prämierten spielte in diesem Zeitraum einen Menschen mit Behinderung.

Was bedeutet das für 2020? Aber wo liegt die Grenze zum ganz normalen Wahnsinn? Diese Frage bringt der südkoreanische Regisseur Bong Joon-ho in «Parasite» auf den Punkt. Der Oscar für den besten internationalen Film – bis 2019 hiess die Kategorie «fremdsprachiger Film» – ist ihm so gut wie sicher. Vielleicht auch mehr.

Szene aus «Parasite». Foto: PD

Aus und Amen

«Meine Einstellung zum Tod hat sich nie verändert: Ich bin dagegen», hat Woody Allen einmal gesagt. Das mag einleuchten, bezüglich Oscar ist es aber nicht förderlich. Beinahe ein Drittel der prämierten Hauptdarstellerinnen und Hauptdarsteller stirbt am Ende des Films. Und bei weiteren – Matthew McConaughey im Aidsdrama «Dallas Buyers Club» – steht das Ende unmittelbar bevor. Der Tod verkauft sich gut an den Oscars, nicht nur, weil die Sequenz mit den realen Toten des Jahres oft die ergreifendste der Show ist.

Was bedeutet das für 2020?Der allgegenwärtige Tod in den Schützengräben ist ein weiterer Punkt, der «1917» von Sam Mendes in die Favoritenrolle bugsiert. Stimmt die Prognose, schliesst sich im untersuchten Zeitraum ein Kreis: Der britische Regisseur gewann vor 20 Jahren mit «American Beauty» bereits die Trophäe für den besten Regisseur und den besten Film.

Sam Mendes führt Regie in «1917». Foto: PD

Die Oscar-Show startet in der Nacht auf Montag um 2 Uhr bei SRF, ORF oder Pro 7. Vorher präsentieren alle Sender Bilder vom roten Teppich.

Live-Ticker auf dieser Website ab 1 Uhr.

Königinnen, Musiker, Margaret Thatcher – die besten Darstellerinnen und Darsteller der letzten 20 Jahre.

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