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Kunsthaus ZürichSo wild waren die Zwanzigerjahre

Viel Party, viel Verunsicherung: Die grosse Sommerausstellung im Kunsthaus Zürich «Schall und Rauch» zeigt Parallelen auf zwischen den 1920er-Jahren und heute.

Wechselwirkung zwischen Frau und Maschine: Man Ray, «Erotique voilée» mit Meret Oppenheim, 1933.
Wechselwirkung zwischen Frau und Maschine: Man Ray, «Erotique voilée» mit Meret Oppenheim, 1933.
Privatsammlung, Zürich, © Man Ray Trust 2015 / 2020 Pro Litteris, Zurich

Das Kunsthaus Zürich lässt die Zeit zwischen dem Ende des Ersten Weltkriegs und Hitlers Machtübernahme mit viel Kunst, aber auch mit zahlreichen Filmen und Fotografien in einer grossen Schau Revue passieren. Der Blick auf die Zwanzigerjahre des 20. Jahrhunderts aus der Distanz von jetzt hundert Jahren ist ein internationaler mit besonderer Berücksichtigung Zürichs, aber eben auch mit vielen Leihgaben aus Paris, Berlin und Wien. Die wichtigsten Erkenntnisse der Schau lassen sich so zusammenfassen:

Tanzfreudig waren die Menschen sowohl in den Zwanzigerjahren des 20. Jahrhunderts wie in der heutigen Zeit – zumindest bis vor Corona. Josephine Baker, die schwarze Tänzerin, war und ist der Inbegriff der «wilden» Zeit vor hundert Jahren, und sie rückte die Black-Lives-Matter-Thematik in den Fokus, bevor man sie mit diesen Worten benannte. Wo Baker auftrat, auch in Zürich, wurde ihr erotisch aufgeladener Ausdruckstanz mit frenetischem Applaus gefeiert.

Die Königin der Revue: Josephine Baker (1906–1975) im Film «La Revue des revues», Regie Joé Francys, 1927.
Die Königin der Revue: Josephine Baker (1906–1975) im Film «La Revue des revues», Regie Joé Francys, 1927.
Foto: Absolut Klassik/Arte Edition

Berlin, für viele die Partystadt par excellence, war, wie das die Fernsehserie «Babylon Berlin» eindrücklich in Erinnerung rief, wohl noch bewegter als heute. Während man 1930 in Berlin 899 Clubs zählte, waren es vor der Corona-Krise bloss 200. Eine Erklärung der Kulturhistoriker dafür: Man tauchte in den Rausch der Nacht, um die schweren Zeiten des Ersten Weltkriegs zu vergessen.

Im Bereich von Möbeldesign und Architektur entwickelte sich in den Zwanzigerjahren eine radikal reduzierte Formensprache, die nichts von ihrer Aktualität eingebüsst hat. Noch heute gelten Möbelentwürfe von Bauhaus-Designern und von Vertretern des International Style als zeitlos modern, während sich ein Möbelriese wie Ikea zum Ziel gesetzt hat, jeden Winkel der Welt mit funktionalen und industriell hergestellten Kopien von Bauhaus-Möbeln zu überschwemmen.

Beschleunigung und Fragmentierung

Der Erste Weltkrieg brachte eine allgemeine Beschleunigung der gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und kulturellen Umstände und Verkehrsflüsse mit sich, die charakteristisch für die Zwanzigerjahre war. In den Fabriken und Unternehmen setzte sich damals die Fliessbandarbeit durch. Die allgemeine Beschleunigung führte zu einer Fragmentierung der Wahrnehmung, was wiederum zu neuartigen Darstellungsformen in Film, Literatur, Kunst, Theater oder Musik führte, die auch noch heute modern wirken.

Fluides Identitätsverständnis: Johannes Baargeld, «Typische Vertikalklitterung als Darstellung des Dada Baargeld», 1920
Fluides Identitätsverständnis: Johannes Baargeld, «Typische Vertikalklitterung als Darstellung des Dada Baargeld», 1920
Kunsthaus Zürich, 1980

Schon in den 1920ern kann man in den Künsten Anfänge der heute sehr virulenten Debatte über ein neues, fluides Identitätsverständnis beobachten. Ein hervorragendes Beispiel ist Johannes Baargeld, der 1920 seine Collage «Typische Vertikalklitterung als Darstellung des Dada Baargeld» schuf. Er thematisierte damit die Krise des männlichen Selbstverständnisses.

Im Krieg entwickelte sich nicht nur ein neues Selbstbewusstsein und Rollenverständnis der Frauen, was wiederum die männliche Vorherrschaft infrage stellte. Der Krieg hinterliess Europa auch Millionen von Kriegsinvaliden und traumatisierten Veteranen, die mit Prothesen und Medikamenten mehr schlecht als recht funktionsfähig gemacht wurden. Maschinenmenschen aus lauter Prothesen, aber auch erste Versuche in der Schönheitschirurgie wurden zu beliebten Themen der Künste und sind es noch heute.

Analytisch und trocken

Die Ausstellung ist etwas analytisch und trocken geraten, sodass man als Besucher die Atmosphäre der «wilden» Zwanzigerjahre nicht wirklich zu spüren vermag. Zudem hat es unter den unzähligen Werken zu wenig, das wirklich Spitzenklasse ist. Der thematische Ansatz – man befindet sich mit solchen Ausstellungen immer in den sehr grossen Fussstapfen des grossen Ausstellungsmachers Harald Szeemann – verleitete das Museum offenbar dazu, sich bei der Auswahl auch mit eher durchschnittlicher Kunst zufriedenzugeben. Schliesslich ist zu bemängeln, dass der Gegenwartsbezug, der in jeder Sektion der Ausstellung mit Werken zeitgenössischer Künstler versucht wird, oft zufällig erscheint. Vielleicht ist das Assoziationsprinzip dann doch etwas willkürlich, um im letztlich doch eher pädagogischen oder didaktischen Duktus einer solchen Schau wirklich Sinn zu machen.

Christian Schad, Maika, 1929

Grossstädtischer Frauentypus: Christian Schad, «Maika», 1929.
Grossstädtischer Frauentypus: Christian Schad, «Maika», 1929.
© Christian-Schad-Stiftung Aschaffenburg / 2020 Pro Litteris, Zurich

Mit nicht weniger als sieben Werken ist der Maler Christian Schad in der Ausstellung vertreten. An seinen gestochen scharfen Porträts, die man zur Stilrichtung des Verismus zählt, lässt sich wunderbar das neue Rollenverständnis von Männern und Frauen ablesen, das nicht zuletzt in Haartracht und Kleidern zum Ausdruck kam. Bei Männern war in den 1920er-Jahren nicht mehr Bart, Zylinder und steifer Frack angesagt, sondern Nassrasur, pomadisiertes Haar, Melone und der lässig geschnittene Anzug mit eleganter Krawatte. Bei Frauen der Bubikopf und kniekurze, taillenlose Kleider. Exemplarisch dafür sei hier Schads Porträt seiner Freundin Maika vorgestellt, die diesen neuen grossstädtischen Frauentypus verkörpert.

Hatte der Erste Weltkrieg den Männern als Soldaten eine geradezu heldenhafte Bedeutung im gesellschaftlichen Leben zugewiesen, gewannen die Frauen durch die Abwesenheit der Männer im Arbeits- und Zivilleben ein gewisses Mass an Autonomie, für das die «schrittweise Einführung des Frauenstimmrechts vielerorts in Europa das symbolträchtigste Zeichen abgab», wie die Kuratorin der Ausstellung, Catherine Hug, in ihrem Katalogbeitrag festhält. So wurde etwa im Mai 1919 in Zürich der 2. Kongress der Internationalen Frauenliga für Frieden und Freiheit ausgerichtet, in dessen Sitzungsprotokollen das Fazit gezogen wurde: «Noch nie ist uns so klar geworden, wie in Zürich, dass die Frau wirklich etwas Neues in die Politik hineintragen kann, nicht nur etwas Verbindendes, Versöhnendes, sondern tatsächlich eine neue Art des politischen Denkens.»

Le Corbusier, Fauteuil grand confort, 1928

Zeitlos modern: Le Corbusier, Pierre Jeanneret, Charlotte Perriand, Fauteuil grand confort, petit modèle, Exemplar vom Salon d’Automne 1929.
Zeitlos modern: Le Corbusier, Pierre Jeanneret, Charlotte Perriand, Fauteuil grand confort, petit modèle, Exemplar vom Salon d’Automne 1929.
Sammlung Arthur Rüegg. Le Corbusier: © F.L.C/2020 Pro Litteris, Zurich; Pierre Jeanneret und Charlotte Perriand: © 2020 Pro Litteris, Zurich

Dieses originale Möbel stammt aus der Sammlung des Zürcher Architekturhistorikers Arthur Rüegg und wurde 1929 auf dem Salon d’Automne in Paris ausgestellt. In nahezu identischer Form, meist mit Chromstahlgestell und schwarzem Lederbezug, steht es noch heute in unzähligen Wohnungen und Büros. Es wirkt, als ob es erst gestern entworfen worden wäre und kann stellvertretend für die Aktualität der 1920er-Jahre stehen, für all die Designobjekte, Gebäude, Kleider und modischen Extravaganzen, die es aus jener Zeit in das dritte Jahrzehnt des neuen 21. Jahrhunderts geschafft haben und unserem Leben weiterhin Form geben.

Die Sessel, der übrigens mit voller Bezeichnung «Fauteuil grand confort, petit modèle» heisst, ist, wie erst durch die Forschungen von Arthur Rüegg einer breiteren Öffentlichkeit bekannt wurde, nicht das alleinige Werk des Architekten Le Corbusier, sondern entstand in Zusammenarbeit mit Pierre Jeanneret und Charlotte Perrigand, deren bahnbrechendes Werk als Designerin im letzten Jahr eine aufsehenerregende Ausstellung in der Fondation Louis Vuitton in Paris erhielt. Le Corbusier schrieb 1937, rückblickend auf den Salon d’Automne: «Ein neuer Begriff hat das alte Wort Möbel ersetzt. Der neue Begriff ist Ausrüstung, was die logische Klassifizierung der verschiedenen Elemente impliziert, die für den Betrieb eines Hauses erforderlich sind, die sich aus ihrer praktischen Analyse ergeben.»

Theodore Lux Feininger, Sprung über das Bauhaus, um 1927

Schwerkraft ausser Kraft gesetzt: Theodore Lux Feininger, Xanti Schawinsky, Ohne Titel, um 1927.
Schwerkraft ausser Kraft gesetzt: Theodore Lux Feininger, Xanti Schawinsky, Ohne Titel, um 1927.
Privatbesitz, © Nachlass Theodore Lux Feininger, The Xanti Schawinsky Estate

Das Bild dieser in der Luft zusammenprallenden Fussballer zeigt Xanti Schawinsky und Erich Consemüller vor der Kulisse des Bauhauses in Dessau. Beide waren dort Studenten. Im Schnappschuss, der Feininger hier mit seiner Plattenkamera gelang, scheint die Schwerkraft ausser Kraft gesetzt zu sein, es ist ein Moment, der einen äusserst lebendigen Eindruck vom Leben am Bauhaus und viel von der Lebensfreude dieser Jahre vermittelt.

Xanti Schawinsky ist in der Ausstellung mit über einem Dutzend Werken vertreten. Es handelt sich um malerische Skizzen für Theateraufführungen, um Architekturdetails, abstrakte Farbétuden und um collagierte Gruppenfotos, die einen reichen Einblick in das Schaffen des 1904 in Basel geborenen Künstlers geben, der in Zürich aufgewachsen war, am Bauhaus unter anderem bei Oskar Schlemmer studierte, dann in die USA auswanderte und 1979 in Lugano verstarb. Bereits am Bauhaus begann Schawinsky das «Spectodrama» – eine frühe Idee des Totaltheaters – zu entwickeln. Diese Happenings und der Performances, wie man heute wohl sagen würde, stellten eine abstrakte Form des Theaters dar, in dem die elementaren Mittel der Bühne wie Licht, Raum oder Bewegung unabhängig zum Einsatz kommen und in multimedialen Szenen analysiert werden.

In der Ausstellung bekommt die Auseinandersetzung mit Körperkunst, Bewegung und Tanz, die in den Zwanzigerjahren in den städtischen Clubs, Variétés sowie in der Fotografie und der Kunst eine grosse Rolle spielten, viel Raum.

Die Ausstellung «Schall und Rauch» im Kunsthaus Zürich dauert bis zum 11. Oktober.