Zum Hauptinhalt springen

Eselstiftung in GrasswilSie räumen mit dem Klischee auf

Edith und Wolfgang Müller setzen sich seit vielen Jahren für den Schutz von Eseln ein. Dafür haben sie eine Stiftung gegründet.

Edith und Wolfgang Müller kümmern sich mit viel Hingabe um ihre Langohren. Die aktuelle Hitze behagt den Eseln jedoch nicht sonderlich. Sie halten sich dann möglichst am Schatten auf.
Edith und Wolfgang Müller kümmern sich mit viel Hingabe um ihre Langohren. Die aktuelle Hitze behagt den Eseln jedoch nicht sonderlich. Sie halten sich dann möglichst am Schatten auf.
Foto: Adrian Moser

Mehrfach sind die Tiere während des Gesprächs zu hören: «Iiaahh, iiaahh», ertönt es dann aus dem nahen Stall. Vier Esel halten Edith und Wolfgang Müller auf ihrem Hof in Grasswil. Dazu besitzen sie auch zwei Pferde. Seit vielen Jahren setzt sich das Ehepaar für Esel ein und gibt sein Wissen über die Langohren weiter. Seit kurzem tut es das mit der Stiftung Eselmüller.

Esel gelten gemeinhin als störrisch, stur und dumm – was die beiden ärgert. Fast alle Besucher auf ihrem Hof stellen Fragen zu diesem Klischee. «Meine Frau hat da jeweils mehr Geduld als ich», sagt Wolfgang Müller und lacht. Er mag die Fragen schon gar nicht mehr hören.

Deshalb bleiben sie stehen

Für Edith und Wolfgang Müller ist nämlich klar: Diese Attribute tragen die Esel völlig zu Unrecht. Die Erklärung sei einfach, sagt die 63-jährige Eselkennerin: «Wenn ein Esel eine Gefahr sieht, bleibt er wie angewurzelt stehen.» Ein Pferd hingegen ergreife sofort die Flucht. Das hat aber unter anderem damit zu tun, dass die beiden Tiere unterschiedliche Voraussetzungen mit sich bringen. Pferde sind ursprünglich Steppenbewohner und zudem schnell, eine Flucht ist also durchaus erfolgversprechend.

Bei Eseln sieht das anders aus: Sie lebten ursprünglich in schroffem Ödland und felsigem Gebirge. Anders als beim Pferd würden sich die Tiere mit einer Flucht im steilen oder steinigen Gelände in grosse Gefahr begeben. «Das Klischee des sturen Esels kommt also daher, dass er einfach stehen bleibt und damit das Jagdtier zu täuschen versucht», erklärt Edith Müller. Ihr Mann ergänzt, dass viele Menschen sowieso viel zu stark dazu neigen würden, Tiere zu «vermenschlichen».

«Ein Esel will psychisch und physisch gefordert werden.»

Edith Müller, Eselmüller-Stiftung

Der Mensch habe oft das Gefühl, das Tier sei ihm Untertan und müsse alles so machen, wie er es erwarte, so Wolfgang Müller. Seine Frau sagt: «Die Tiere sollen doch selbst entscheiden können, was sie wollen. Darum kommt es zu Bissverletzungen, weil sich Tiere so wehren.» Die beiden vertreten klar die Meinung, dass man Tieren etwas beibringen und sie trainieren muss, wenn man etwas von ihnen will. Aber Edith Müller betont: «Im Tierschutzgesetz steht ein wichtiger Satz: Dem Tier darf keinen Schmerz zugefügt werden.»

In ihrer Arbeit mit der Stiftung geht es Edith und Wolfgang Müller um den Schutz der Esel, eine artgerechte Haltung und einen verantwortungsbewussten Umgang. Zur korrekten Haltung gehöre, dass die Tiere beschäftigt werden. «Ein Esel will psychisch und physisch gefordert werden», sagt sie. Es gebe nichts Schlimmeres als unterbeschäftigte Pferde oder Esel, sagt Wolfgang Müller. Das sei bei beiden Arten gleich. Schliesslich sorge der Mensch ohnehin schon dafür, dass die Tiere keine natürlichen Feinde hätten und sich nicht mehr um die Nahrungssuche kümmern müssten.

Vier Esel leben auf dem Hof von Edith und Wolfgang Müller in Grasswil. Seit bald 30 Jahren haben sie sich deren Schutz verschrieben.
Vier Esel leben auf dem Hof von Edith und Wolfgang Müller in Grasswil. Seit bald 30 Jahren haben sie sich deren Schutz verschrieben.
Foto: Adrian Moser

Auch über den Tod der Esel macht sich das Ehepaar Gedanken. Der Verlust eines ihrer Tiere sei sowieso schon hart für sie, sagt der bald 65-Jährige. Deshalb ist ihnen wichtig, dass die Esel vorher nicht leiden müssen und keinen Stress erleben. In erster Linie geht es den Müllers aber nicht um das Abschiednehmen von Eseln, sondern um deren Rettung. Schon früher waren sie in einer Stiftung mit diesem Ziel aktiv.

Diesen Frühling entschieden sich die beiden, eine eigene Stiftung zu gründen. Das taten sie zusammen mit drei weiteren Personen, die nun den fünfköpfigen Stiftungsrat bilden. Müllers wollen ihr langjähriges Netzwerk zugunsten der Esel nutzen – und vor allem langfristig erhalten. «Wir haben in der Stiftung Leute, die sich auch Gedanken machen, was nach uns kommt», sagt Wolfgang Müller. Der Schutz der Esel müsse auch dann weitergehen.

Die Stiftung ist auf Spenden angewiesen. Diesbezüglich sei der Start aber holprig verlaufen. Denn kurz nach der Gründung kam das Coronavirus. Nun sitzt bei vielen Leuten und vor allem Firmen das Geld nicht mehr so locker wie vorher, vielerorts ist Sparen angesagt. Das Ehepaar hofft, dass sich die Lage nächstes Jahr bessert.

Eine Übernahme kostet

Eine wichtige Aufgabe der Stiftung ist die Vermittlung von Eseln. In erschreckender Regelmässigkeit werden die Müllers kontaktiert, weil irgendwo ein oder mehrere Esel schlecht gehalten werden und dringend neue Plätze für die Tiere gesucht werden müssen. Zusammen mit der zuständigen Stiftungsrätin schauen sie sich die Situation vor Ort an und schreiben die Tiere dann aus.

Ziel müsse immer sein, die Tiere am bisherigen Ort belassen zu können, bis ein neuer Platz gefunden sei, sagt Edith Müller. Doch manchmal müssten die Esel sofort umplatziert werden. Dann suchen sie einen Pflegeplatz. Derzeit hat die Stiftung vier Orte, wo sie schlecht gehaltene Tiere vorübergehend unterbringen kann.

Findet die Stiftung Eselmüller dann einen geeigneten neuen Halter – dabei wird genau geprüft, ob die Bedingungen für eine artgerechte Haltung erfüllt sind –, wird ein Übergabevertrag aufgesetzt. Edith und Wolfgang Müller stellen klar: Wer einen Esel übernimmt, muss dafür etwas bezahlen.

«Wir wollen nicht noch unterstützen, dass gewisse Leute die Tiere falsch halten.»

Edith Müller

Was im ersten Moment vielleicht etwas seltsam klingt, hat durchaus seinen Grund: Durch die Vermittlung entstehen der Stiftung Kosten, vor allem aufgrund medizinischer Behandlungen. «Wir wollen damit kein Geld verdienen, aber die Vermittlung muss kostendeckend sein. Ein Hund kann man auch nicht einfach irgendwo gratis holen, wenn man einen will», sagt Edith Müller. Die Stiftung zahlt dem bisherigen Halter ebenfalls nichts für die Esel. Das wäre aus Sicht der 63-Jährigen ein völlig falsches Zeichen: «Wir wollen nicht noch unterstützen, dass gewisse Leute die Tiere falsch halten.»

Laut Statistik der Plattform Identitas gibt es in der Schweiz knapp 11’000 registrierte Exemplare. Und obwohl Esel einen zweifelhaften Ruf haben, merkt das Ehepaar immer wieder, dass die Tiere bei Kindern und Erwachsenen einen «Jö-Effekt» auslösen. «Viele Leute finden Esel sympathische Tiere – aber kaum jemand weiss etwas über sie.» Um das zu ändern, werden sich Edith und Wolfgang Müller auch in Zukunft Tag für Tag einsetzen.