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Was Männer in den Detailhandel drängt

Seit 2010 nimmt der Anteil an männlichen Lehrlingen in Detailhandelsberufen kontinuierlich zu – ein Symptom für den Struktur- und Imagewandel einer Branche.

Sven Cornehls
Durch neue Branchenzweige wird die Lehre als vielfältiger wahrgenommen: Lidl-Mitarbeiter an der Kasse. Foto: Christian Beutler (Keystone)
Durch neue Branchenzweige wird die Lehre als vielfältiger wahrgenommen: Lidl-Mitarbeiter an der Kasse. Foto: Christian Beutler (Keystone)

In keinem anderen Berufsfeld war die Veränderung in der Geschlechterverteilung über die letzte Dekade grösser als in den Lehren des Detailhandels. Das offenbart ein Blick in die Zahlen des Bundesamts für Statistik (BFS): Unter den zehn Grundausbildungen mit den stärksten Verschiebungen im Männer- und Frauenanteil finden sich drei Lehren im Bereich des Detailhandels: die zweijährige Lehre als Detailhandelsassistent/in sowie die beiden Ausbildungen zum Detailhandelsfachmann beziehungsweise zur Detailhandelsfachfrau – mit den unterschiedlichen Schwerpunkten Bewirtschaftung und Beratung.

In den Detailhandelsausbildungen stieg zwischen 2010 und 2018 der Männeranteil um bis zu 14 Prozent. Weshalb kommt es bei den Lehrstellen des Detailhandels zu diesem Ausgleich der Geschlechter? André Monhart, der Leiter des Fachbereichs Berufs-, Studien- und Laufbahnberatung im Kanton Zürich, sagt: «Wir sehen hier das Resultat einer Überlagerung vieler Phänomene.»

Da ist zum einen die Digitalisierung. Sie ändert die Strukturen im Detailhandel nachhaltig. Onlineshops und Selfscanning bedrohen die Fachgeschäfte. Laut BFS verschwanden im Detailhandel in den letzten zehn Jahren rund 30’000 Stellen. Der bestehende Fachhandel ist gezwungen, sich an die neuen Entwicklungen anzupassen. Die Digitalisierung ändert so die Arbeitsrealitäten.

André Monhart sagt, dass durch den digitalen Wandel die Anforderungen in vielen Berufen gestiegen seien. Neben der anspruchsvoller werdenden KV-Lehre etabliere sich die Ausbildung im Detailhandel als alternativer Weg ins Berufsleben. «Im Detailhandel existieren heute mehr Stellen, die als inhaltlich anspruchsvoll und technisch gelten», so Monhart weiter. Durch neue Branchenzweige wird die Lehre bei Schülern als vielfältiger wahrgenommen. Die Möglichkeit, eine Detailhandelsausbildung bei einem jungen E-Commerce-Unternehmen zu absolvieren, wirkt heute nicht nur für junge Frauen, sondern auch für viele junge Männer attraktiv.

Doch nicht nur die Digitalisierung treibt die Veränderung voran. Das tut auch die Zuwanderung. «Bei jungen, zugezogenen Männern geniesst der Verkauf eine höhere Wertschätzung», stellt André Monhart fest. Dieser höhere Stellenwert schlage sich im hohen Anteil ausländisch-stämmiger Lernenden im Detailhandel nieder. Auch Sven Sievi, Geschäftsführer von Bildung Detailhandel Schweiz, konstatiert: «Im Detailhandel stellen wir eine gewisse Tendenz zu mehr jungen Männern mit Migrationshintergrund fest.»

Ein Angestellter des SportXX Outdoor in Zürich berät eine Kundin über den Kauf eines Velohelms. Foto: Alessandro Della Bella (Keystone)
Ein Angestellter des SportXX Outdoor in Zürich berät eine Kundin über den Kauf eines Velohelms. Foto: Alessandro Della Bella (Keystone)

Ein letzter Grund dürfte wohl die steigende Konkurrenz sein. Denn der Stellenschwund im Detailhandel, bedingt durch die Digitalisierung, wirkt sich auch auf die Anzahl Lehrstellen aus. Während 2010 noch 7173 junge Menschen eine Lehre in dieser Branche gestartet haben, wurden 2018 nur noch 5941 Eintritte verzeichnet. Im Verhältnis machen bei der Lehrstellenbewerbung also immer mehr die Männer das Rennen. Und das, obwohl sich auch stetig mehr Frauen für technische Berufe interessieren.

Unter den Lehrstellen mit den stärksten Wachstumsraten bei jungen Frauen finden sich auf den vorderen Plätzen auch technische Berufe. Insbesondere Landwirtinnen, Mediamatikerinnen und Informatikerinnen weisen höhere Wachstumsraten auf als ihre männlichen Berufskollegen. «Auch in diesen Berufen findet ein Wandel statt. Die Entwicklung ist jedoch weniger stark, und der Prozess dauert länger als bei den Männern», sagt Helena Trachsel, die Leiterin der Fachstelle Gleichstellung des Kantons Zürich.

Bei den fünfzehn Berufen mit den stärksten Verschiebungen im Geschlechteranteil finden sich nur vier, bei denen der Frauenanteil gestiegen ist. Geschlechterparität scheint in weiblich dominierten Berufen schneller erreicht zu werden. Helena Trachsel ist nicht überrascht: «Junge Frauen haben ein stärker verfestigtes Rollenbild.» Im Gegensatz dazu seien die jungen Männer offener. Sie entschieden sich eher für Berufe, die ihnen Freude bereiten, statt auf klassische Rollenbilder zu achten.

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