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Zerreissprobe für die Sozialdemokraten

Nationalrätin Ada Marra will in den Ständerat. Eine Frau solls für die SP-Waadt sein, fordert auch ein Schwergewicht. Nun tritt Roger Nordmann auf den Plan. Das wird heiss.

Sie stellt sich dem parteiinternen Duell mit Roger Nordmann: Ada Marra.
Sie stellt sich dem parteiinternen Duell mit Roger Nordmann: Ada Marra.
Keystone

Von solchen Gesten träumen Politikerinnen. Pierre-Yves Maillard, abtretender Waadtländer Staatsrat (SP) und designierter Präsident des Schweizerischen Gewerkschaftsbundes, kandidiert im Herbst für einen Sitz im Bundesparlament. Die Wahl in den Ständerat wäre dem populären Maillard garantiert. Doch schon vor Monaten gab er bekannt, er wolle erstens in den Nationalrat und fordere zweitens eine Frauenkandidatur, um SP-Ständerätin Géraldine Savary zu ersetzen. Savary tritt ab, weil sie vor Jahren eine Wahlkampfspende akzeptierte, die über dem von ihrer Partei festgelegten Limit lag.

Morgen kommt die SP Waadt in Moudon zur Nominationsversammlung zusammen. Die von Maillard geforderte Frauenkandidatur füllt nun Nationalrätin Ada Marra aus. Doch auch ein Mann will in den Ständerat: Nationalrat und SP-Fraktionspräsident Roger Nordmann. Wen die Genossinnen und Genossen nominieren, ist völlig offen.

Sicher ist: Der Entscheid wird emotional. Fällt die Wahl auf Nordmann, werden viele SP-Frauen enttäuscht sein. Es käme zu Diskussionen, ob es sich die SP mit ihrem Bekenntnis zur Frauenförderung leisten kann, dass ein Mann eine Frau verhindert. Ähnlich wie im Fall des Aargauer SP-Nationalrats Cédric Wermuth, der sich zur Gleichstellung bekennt, bei der Nomination für die Ständeratswahl aber SP-Frau Yvonne Feri ausstach. Schafft Ada Marra die Nomination hingegen, hat sie sich gegen ein Schwergewicht der SP Schweiz durchgesetzt.

Charakterfrau gegen Kopfmensch

Die Profile der beiden unterscheiden sich deutlich – nicht nur wegen des Geschlechts. Ada Marra stammt aus einer Arbeiterfamilie und politisiert am linken Parteiflügel. Seit 2007 ist sie Nationalrätin. Die 46-jährige Politologin pflegt ihre italienischen Wurzeln mit Stolz und hat über ihre Erfahrungen als Seconda ein autobiografisches Buch geschrieben, das unter dem Titel «Ab wann ist man von hier» in diesem Jahr auch auf Deutsch erschienen ist. Als Bundesparlamentarierin hat sie sich auf die Themen Ausländer- und Migrationspolitik spezialisiert. Ihr grösster Erfolg ist das Ja zur erleichterten Einbürgerung von Ausländern dritter Generation. Die Schweizer Stimmberechtigten nahmen die Vorlage, die Ada Marra initiiert hatte, 2016 an der Urne an.

Ada Marra ist eine eigenständige Politikerin, temperamentvoll, impulsiv und selbstbewusst. Dass sie von der bürgerlichen Rechten zuweilen angegriffen wird, ermutigt sie in ihrem Bestreben, die Rechte von Menschen mit ausländischem Pass zu stärken. Was auffällt, ist: Politiker legen ihre herzliche Weiblichkeit rasch und reflexartig als Inkompetenz aus.

Der Vorwurf der Inkompetenz würde Roger Nordmann nie gemacht, selbst im Fall politischer Zerwürfnisse nicht. Der Fraktionspräsident gilt unter den Bundesparlamentariern als Kopfmensch und Technokrat und ist vor Wahlen oder Abstimmungen ein gefragter Arithmetiker und Taktiker. Der 46-Jährige ist Politologe wie Ada Marra, aber stammt aus einer Juristenfamilie. Seine Mutter war Bundesrichterin, sein Vater Anwalt. Seine Ehefrau ist Finanzchefin der Stadt Lausanne.

Nordmann spezialisierte sich auf die Themen Umwelt- und Energiepolitik. Weil er seit 2003 im Nationalrat ist, die SP Waadt die Mandate ihrer Bundesparlamentarier aber auf drei Legislaturen beschränkt, beantragte er bei seiner Partei frühzeitig eine Verlängerung. Die Zustimmung war derart gross, dass sein Antrag zu einer Formalie wurde.

Beide dürften gewählt werden

Helfen könnte Roger Nordmann an der morgigen Nominationsversammlung, dass die Waadtländer Grünen mit Nationalrätin Adèle Thorens bereits eine Kandidatin für den Ständerat nominierten. Deren Nomination mildert den Druck auf die SP, für die Nachfolge ihrer Ständerätin Géraldine Savary ebenfalls eine Frau zur Wahl vorzuschlagen. Die Wahlallianz von SP und Grünen hat Tradition. Andererseits scheinen die Wahlchancen von Adèle Thorens limitiert zu sein, weil der amtierende freisinnige Ständerat Olivier Français zur Wiederwahl antritt.

In einem Punkt kann die SP Waadt das Wahlgeschäft aber entspannt angehen. Aufgrund ihrer Resultate bei vergangenen Wahlen dürfte sowohl Ada Marra als auch Roger Nordmann im Herbst eine Beförderung in den Ständerat problemlos schaffen. Nach der morgigen Nomination sind für die SP Waadt Ständeratswahlen also so gut wie gelaufen. Einzig bei einer Kandidatur von SP-Tribun Pierre-Yves Maillard wäre die Ausgangslage noch klarer gewesen. Doch Maillard will nicht. Er will eine Kandidatin. Und dabei bleibts.

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