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«Wir konnten keine Reue erkennen»

Im grössten je in der Schweiz geführten Prozess um Menschenhandel ist eine Thailänderin zu zehneinhalb Jahren Freiheitsstrafe verurteilt worden. Das Gericht fand deutliche Worte.

«Das Schicksal der Opfer hat sie nie interessiert», sagt Gerichtspräsident Hanspeter Kiener über P. P. Illustration: Robert Honegger
«Das Schicksal der Opfer hat sie nie interessiert», sagt Gerichtspräsident Hanspeter Kiener über P. P. Illustration: Robert Honegger

Was ist eine angemessene Strafe für eine Thailänderin, die 78 mittellose und ungebildete Landsleute zur Prostitution in die Schweiz schleuste und hier unter Zwang und menschenunwürdigen Bedingungen anschaffen liess? Sind achteinhalb Jahre genug, weil sie heute bedauert, was passiert ist, wie ihr Verteidiger behauptet? Oder wären zwölf Jahre angemessener, da es sich bei ihr um eine Drahtzieherin auf der obersten Hierarchiestufe eines Menschenhändlerrings handelt, wie die Staatsanwältin argumentiert?

Das Berner Obergericht findet, genau wie die Vorinstanz: Angemessen sind zehneinhalb Jahre Freiheitsstrafe. Es hat die 60-jährige P. P. – von allen in der Szene nur Mam genannt – gestern wegen Menschenhandel in drei zusätzlichen Fällen schuldig gesprochen. Damit steigt die Zahl ihrer Opfer auf 78. Das Regionalgericht Berner Jura-Seeland hatte die Thailänderin im Juli 2018 in 75 Fällen schuldig gesprochen. Ihr Verteidiger Philipp Kunz legte Berufung gegen das Urteil ein, genau wie Staatsanwältin Annatina Schultz – der Fall kam letzte Woche vor Obergericht.

«Man weiss, es gibt Rabatt, wenn man gesteht.»

Gerichtspräsident Hanspeter Kiener über das «taktische» Geständnis

Dort dann die überraschende Wende: P. P. akzeptierte alle Schuldsprüche. Einzig das Strafmass bestritt sie noch. Sie habe im Gefängnis viel nachgedacht und sehe, dass sie Fehler gemacht habe, gab sich die 60-Jährige reumütig. Um die Albträume und Suizidgedanken mancher Frauen und Transmenschen habe sie nicht gewusst. Es tue ihr leid. Zurück in der Heimat wolle sie ein neues Leben anfangen.

Das Berner Obergericht nahm ihr die Reue nicht ab. In der gestrigen Urteilsverkündung betonte Gerichtspräsident Hanspeter Kiener, dass es zwei verschiedene Geständnisse gebe – eines davon sei das taktische Geständnis. «Man weiss, es gibt Rabatt, wenn man gesteht», sagte er. «Wir konnten bei ihr keine Reue erkennen.» Offensichtlich sehe sich P. P. bis heute «als eine Art Wohltäterin». Mit Nachdruck fügte er an: «Das Schicksal der Opfer hat sie nie interessiert. Hopp, hopp!»

Gigantischer Aufwand

Mit dem Spruch «Hopp, hopp!» hatte Mam, die sich selber nie prostituiert hat, ihre Sexarbeiterinnen zur Arbeit angetrieben. Sie mussten der Chefin in der Heimat regelmässig via Chat berichten, wie viele Freier sie gehabt, wie viel Geld sie verdient hatten – Geld, das sie ihr sogleich abgeben mussten. Die Schulden für die gefälschten Visa und die Flugtickets, mit denen P. P. ihre Opfer in die Schweiz geschleust hatte, waren horrend. Oder wie Gerichtspräsident Kiener sagte: «Krasser Wucher.»

Mit der Akzeptanz der 75 Schuldsprüche hatte das Berner Obergericht nur noch über die Fälle zu urteilen, in denen die Vorinstanz die Menschenhändlerin wegen zu dünner Beweislage freigesprochen hatte. Ebenso hatte es gegebenenfalls das Strafmass anzupassen. Staatsanwältin Annatina Schultz plädierte auf eine Strafverschärfung, Verteidiger Philipp Kunz hingegen forderte, die Freisprüche als solche zu belassen und das Strafmass zu senken. In 10 der zusätzlichen 13 Fälle, urteilte das Obergericht gestern, sei die Beweislage «schlicht zu mager».

«Gigantischer» Aufwand der Untersuchung

Beim Strafmass beliess es das Obergericht bei zehneinhalb Jahren Freiheitsstrafe. Weiter sprach es eine bedingte Geldstrafe von 260 Tagessätzen à 30 Franken (total 7800 Franken) aus. Staatsanwältin Schultz zeigte sich mit dem noch nicht rechtskräftigen Urteil – es beinhaltet auch Schuldsprüche wegen Förderung der Prostitution, Widerhandlung gegen das Ausländergesetz und gewerbsmässiger Geldwäscherei – «sehr zufrieden». Es sei für die Opfer, aber auch für die Strafverfolgungsbehörden wichtig. «Das Urteil zeigt, dass es nicht nötig ist, für alle Vorwürfe eine Aussage des jeweiligen Opfers zu haben, wenn es genügend andere Beweismittel gibt», sagte Schultz, die mehrere Jahre ermittelt und den Gerichtsprozess so erst ermöglicht hatte. Kiener bezeichnete den Aufwand der Untersuchung als «gigantisch».

Und wie stellt sich P. P. ihr dereinstiges Leben zurück in Thailand vor? Sie wolle ihrer Tochter helfen, die ein Reisebüro eröffnet habe, hatte die zweifache Mutter letzte Woche gesagt und damit für Stirnrunzeln gesorgt. Auch sie selber, die seit Oktober 2016 im vorzeitigen Strafvollzug im Frauengefängnis Hindelbank sitzt, hatte in Thailand ein Reisebüro geführt – mit den bekannten Folgen. Sieht so ein neues Leben aus?

Klar ist: Ihre Opfer wünschen sich ebendies, ein neues Leben. Die Ausbeutung hat bei fast allen zu einem psychischen und physischen Trauma geführt. Dazu kommen Verzweiflung, Scham, Schuldgefühle und Angst – zum Teil bis heute.

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