Wie Aarau der Verdichtung den Schrecken nimmt

Aarau ist ein verkannter Kantonshauptort. Zu Unrecht, zeigt die Vergabe des Wakkerpreises. Denn Aarau ist mehr als der Kern einer gesichtslosen Agglomeration. Es macht vor, wie man verdichtet, ohne leblos zu werden.

  • loading indicator
Stefan von Bergen@StefanvonBergen

Wer mit dem Zug vorbeifährt, übersieht Aarau fast. Der Blick kann sich an der spiegelnden Glasfront des neuen Bahnhofs nicht festhalten. Sich gleichende Büro- und Industriegebäude drängen sich an die Geleise und formen einen Korridor aus Glas, Metall und Beton, der Aarau mitten entzweischneidet. Diese Schneise der Moderne, in der die Hauptverkehrsader des Mittellands pulsiert, trägt zu Aaraus Image als gesichtslose Kantonshauptstadt bei.

Verkanntes Aarau

Vielleicht färbt das Image des ganzen Kantons auf den Hauptort ab: Der Aargau gilt als eine einzige wuchernde Agglomeration ohne Kern und Seele. Das jedenfalls ist das Bild aus der Durchfahrtsperspektive von Pendlern, die den Aargau auf dem Weg nach Zürich möglichst schnell hinter sich lassen wollen.

Natürlich ist das ein Klischee. Doch jetzt gibt es einen Grund, im Aargauer Hauptort haltzumachen und dieses Klischee zu korrigieren: Am 28.Juni verleiht der Schweizer Heimatschutz Aarau den Wakkerpreis 2014. Ausgerechnet Aarau? Wo hat der Heimatschutz denn hier preiswürdige Bauten gefunden? «Ich zeige sie Ihnen», sagt Sabrina Németh, beim Heimatschutz Projektverantwortliche für den Preis, und dreht dem Bahnhofareal den Rücken zu.

Sie schreitet voran auf die Terrasse eines weit geschwungenen Bürobaus südlich der Bahngeleise. Durch eine tunnelartige Passage gelangen wir auf die andere Seite des Gebäudes – und in eine andere Welt, grün und entschleunigt. Man hört Vögel zwitschern, ein Jogger kommt uns entgegen. Wie eine Lärmschutzwand schirmt der Bau den idyllischen Park ab. Das Gebäude betone den Übergang von der Innenstadt zur begrünten Wohnstadt, erklärt Németh. Dessen Rückseite sei der Stadt und der Bahn zugewandt wie eine harte Mauer, die Südseite zum Park mit den langen Balkonen und Glasfronten aber sei «weich, einladend, transparent». Die Anlage ist für sie ein gelungenes Beispiel einer Verdichtung mit Qualität.

Schlagwort Verdichtung

Der Wakkerpreis, einst für den Schutz historischer Zentren und Dorfkerne mit Nostalgiepotenzial vergeben, ist heute die national Auszeichnung für Orte, die eine zukunftsorientierte Ortsbild- und Siedlungsentwicklung realisieren. Der Preis widerspiegelt die raumplanerischen Herausforderungen der Zeit. 2012 erhielt ihn das bernische Köniz für seine klare Trennung von Siedlungsgebiet und Kulturland. Nun kürt der Heimatschutz Aarau zum Schweizer Meister der massvollen und klugen Verdichtung.

Der Zeitpunkt ist nicht zufällig. Seit das Schweizervolk im März 2013 das nun auf den 1.Mai in Kraft getretene Raumplanungsgesetz des Bundes gutgeheissen hat, gilt die Verdichtung als Allheilmittel gegen die Zersiedelung der Landschaft. Das neue Gesetz schreibt den Kantonen vor, ungenutzte und übergrosse Bauzonen zu verkleinern. Gebaut werden soll künftig dort, wo schon gebaut ist. Es muss also dichter und höher gebaut werden.

Schrecken der Verdichtung

Im Park hinter dem Bürogebäude gesteht Aaraus Stadtbaumeister Felix Fuchs, dass ihm das Schlagwort «Verdichtung» nicht sympathisch sei: «Ich spreche lieber von Innenentwicklung und Ergänzung, von Erweiterung und Transformation.» Die Politik verwende den Begriff «inflationär», findet Sabrina Németh. Verdichtung werde mit einer Verminderung von Lebensqualität gleichgesetzt. Der Heimatschutz wolle mit dem Wakkerpreis 2014 «der Verdichtung den Schrecken nehmen», betont sie.

«Dichte bedeutet nicht, flächendeckend die Ausnutzung ganzer Quartiere zu maximieren», korrigiert Németh einen Irrtum. Tessiner Gemeinden wie Locarno oder Muralto haben das getan – und dadurch ihre Gartenstadtquartiere in architektonische Einöden verwandelt. Aarau aber demonstriert laut Németh, dass eine weitgehend überbaute Stadt wachsen kann, ohne ihre Grünräume und Architekturjuwele zu opfern.

Der Heimatschutz lobt insbesondere Aaraus «Räumliches Entwicklungsleitbild» von 2012/ 2013. Es hält fest, wo künftig nach welchen Regeln wie dicht gebaut werden darf. Die Vorgaben sind je nach dem gewachsenen Charakter eines Quartiers unterschiedlich. Sabrina Németh spricht von «differenzierter Verdichtung», die für sie Vorbildcharakter hat.

Die Entdeckung Aaraus

Erste Wakkerpreis-Touristen flanieren nun mit einem Faltplan durch Aarau und stellen fest, dass der Agglokanton Aargau ja doch eine Hauptstadt hat, und erst noch eine vielgesichtige. Felix Fuchs quittiert es mit einem Lächeln. Vielleicht ändere sich ja nun etwas daran, dass seine Stadt «unbekannt und verkannt» sei und «wenig Renommee» habe. Für Fuchs hat das auch mit dem Aarauer Hang zum Understatement zu tun, der wohl noch auf die Untertanenerfahrung in der Alten Stadtrepublik Bern vor 1798 zurückgehe.

Stolz präsentiert Fuchs, der seit einer halben Ewigkeit von 25 Jahren Stadtbaumeister ist, auf einem Rundgang seine Stadt. Wir sind am Morgen in Aaraus schmucker Altstadt gestartet, die immer noch das Quartier mit der höchsten baulichen Dichte ist. Der Heimatschutz rühmt ihre Aufwertung: Der Autoverkehr wurde aus den Gassen verbannt, man scheute auch vor Eingriffen in den mittelalterlichen Stadtkörper nicht zurück. Auf den Färberplatz stellte man kühn eine neue Markthalle hin, eine moderne Box aus Holz, die naturgemäss nicht allen Aarauern gefällt.

Grüne Details zählen

Zurück in der Gartenstadt. Baumeister Fuchs und Heimatschützerin Németh zeigen nun, dass bei der Verdichtung die Details zählen. Das Entwicklungsleitbild lässt in der idyllischen Gartenstadt bauliche Eingriffe zu, aber nur moderate. Anbauten und eine Aufstockung von drei auf vier Stockwerke sind erlaubt. An der Jurastrasse steht ein vierstöckiges neues Wohnhaus. Fuchs erklärt, warum es nicht unangenehm auffällt. «Vier Stockwerke entsprechen der Höhe des historisch gewachsenen, geschützten Baumbestandes, und der Baukörper lässt Platz für den schön wuchernden Garten.»

Sabrina Németh deutet auf einen Anbau, der in rankendes Efeu gehüllt ist, oder auf Grashalme, die durch die Latten der Gartenzäune spriessen. «Der Strassenraum wird in Grün getaucht», sagt sie. Sind die Heimatschützer Gartenfreunde geworden? Ohne gut konzipierte Grün- und Freiräume bleibe eine Verdichtung öde, erwidert Németh. Sie zeigt es kurz darauf in der Laurenzenvorstadt. Hier nahm vor 200 Jahren, als es in der Altstadt zu eng wurde, Aaraus Wachstum seinen Anfang. Ein neues Viertel mit einer repräsentativen Häuserzeile entstand, die der Landesregierung Quartier bot, als Aarau 1798 für immerhin vier Monate die Hauptstadt der Schweiz war. 1849 wurde in der Nähe die Kaserne vollendet. Heute wird gleich neben dem mächtigen Bau mit viel grünem Umschwung der Untergrund verdichtet genutzt: durch ein Autoparking. In der Vorstadt sind neue Wohnbauten wie das Haus Im Obstgarten am Freihofweg entstanden. Ein moderner Holzbau mit grosszügigen Balkonen ist auf einen üppigen Garten mit alten Obstbäumen ausgerichtet. Eine Betonmauer bildet die Grenze zur Nachbarparzelle, am Fuss der Mauer aber ist ein Streifen Grün gepflanzt. «Wenn die Details mit Sorgfalt geplant werden, kann selbst eine schmale grüne Umfriedung eine verdichtete Siedlung auflockern», sagt Németh. Tatsächlich. Am Freihofweg kann man trotz Dichte frei atmen.

In Aaraus Trabantenstadt

Und doch fragt man sich, ob Aaraus begrünte Mittelstandsoasen ein nationales Vorbild abgeben können, an dem sich die hastig gewachsenen Agglomerationsgemeinden orientieren können, die auch rund um Aarau entstanden sind. 100'000 Menschen wohnen im Grossraum. Es gebe ja nicht nur Gartenstadtquartiere, erwidert Felix Fuchs. Aarau sei eine Stadt mit 20'000 Einwohnern und 30'000 Arbeitsplätzen, die weiter wachse. Ein exaktes Wachstumsziel nennt die Stadt nicht. Der Powerkanton Aargau aber, der mit 634'000 Einwohnern die Nummer vier der Schweizer Kantone ist, will in den nächsten 15 bis 20 Jahren weitere 100'000 Leute ansiedeln. Zum Beispiel in Aarau.

Dass Aaraus Gartenstadt trotz Wachstumsdruck überlebt hat, verdankt sie der Grosssiedlung Telli, die von den 1960er- bis in die 1980er-Jahre im Grünen herangewachsen ist. Die vier mächtigen, bis zu 12-stöckigen Wohnblockgebirge am Nordostrand der Stadt erkennt man selbst bei der schnellen Durchfahrt aus dem Zug. 3500 der 20'000 Stadtbewohner wohnen da. Aarau sieht hier aus wie eine hoch verdichtete Agglomeration.

Weil die Wohnblocks in weitläufigen Grünanlagen stehen, sei die Wohndichte aber kleiner als in der Altstadt, erwidert Stadtbaumeister Fuchs. Und dementiert das Banlieue-Image der Telli: «Sie ist beliebt, die Leute ziehen freiwillig hierher, die soziale Mischung ist gut, und es stehen kaum Wohnungen leer.» Die heutigen Bauvorschriften würden eine Grossüberbauung wie die Telli allerdings nicht mehr ohne weiteres zulassen, sagt Fuchs.

Die drei grossen A

Weil keine zweite Telli auf der grünen Wiese gebaut werden kann und Aarau weitgehend gebaut ist, bedeutet Wachstum: Abreissen, Lücken füllen, neu bauen. In Bahnhofnähe wurden dafür sogenannte Transformationszonen definiert. Hier verwandelt sich die alte Industrie- und Gewerbezone gerade in eine hippe Dienstleistungs- und Wohnzone mit spiegelnden Glasfronten und Wasserflächen. Der alte Electrolux-Fabrikationsbau weicht bald einem Neubau mit dem Hauptsitz der Stromnetzbetreiberin Swissgrid und Wohnbauten.

Hier kann man die Nagelprobe auf Aaraus Verdichtungskünste machen. Besonders gut gefällt Sabrina Németh das knallgelbe Herzoghaus, das mit seinem dreieckigen Grundriss wie ein Schiffsbug in die Businesszukunft sticht. Perfekt nehme das elegante Haus die Form einer kleinen, dreieckigen Restparzelle auf, fülle diese fast bis an den Rand aus und lasse doch Platz für einen bestehenden Baum.

Das gelbe Haus gehorcht drei grossen A, mit denen sich die Qualität der Verdichtung messen lässt: Anordnung, Architektur, Aussenraumgestaltung. Auf der Wakker-Tour mit Fuchs und Németh ist der Blick so geschult worden, dass man nun selber erkennt: Wo Häuser eine Parzelle bloss zustellen, wo Architekten langweilige Normfenster in Betonfassaden stanzen liessen und wo der Aussenraum leblos mit ein wenig lieblosem Grün dekoriert ist, da wirkt eine Verdichtung leblos.

Skeptischer Blick in Zukunft

Vom gelben Dreieckshaus aus blickt Sabrina Németh ostwärts, in die Transformationszone Torfeld Süd. Hier wird im grossen Stil abgerissen und neu gebaut. Das 2013 vor laufenden TV-Kameras gesprengte Rockwell-Hochhaus soll ein neuer 52-Meter-Turm ersetzen. Unweit davon wird sich das eben bewilligte, neue Aarauer Fussballstadion erheben. Ob sich auch hier der hohe Wakker-Standard der Verdichtung durchsetzen kann?

Sabrina Németh spricht von einer «grossen Herausforderung», mit den wenigen Gebäuden, die bewahrt werden, «die Geschichte und den Charakter dieses alten Industrieareals zu erhalten». Ihre Sorge, dass Aarau dort sein Gesicht verlieren könnte, ist unüberhörbar. Der Heimatschutz ruft Aarau in der Wakkerpreis-Schrift deshalb auf, den Umbau des Torfelds «mit grösster Sorgfalt zu begleiten».

Mail: stefan.vonbergen@bernerzeitung.ch

Berner Zeitung

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt