Zum Hauptinhalt springen

Weniger Fesseln für künstliche Befruchtung

Verdacht auf schwere Erbkrankheiten und In-Vitro: Der Bundesrat will die Vorschriften zur künstlichen Befruchtung lockern. Das letzte Wort wird jedoch das Volk haben.

Bei In-vitro-Fertilisation sollen pro Behandlungszyklus acht statt drei Embryonen entwickeln werden dürfen: Eine Ärztin injiziert Spermien in eine Eizelle in Warschau. (8. November 2010)
Bei In-vitro-Fertilisation sollen pro Behandlungszyklus acht statt drei Embryonen entwickeln werden dürfen: Eine Ärztin injiziert Spermien in eine Eizelle in Warschau. (8. November 2010)
Reuters

Künftig soll es bei der künstlichen Befruchtung erlaubt sein, Embryonen vor der Einpflanzung auf schwere Erbkrankheiten zu untersuchen. Der Bundesrat will die heute verbotene Präimplantationsdiagnostik unter strengen Auflagen zulassen. Das Thema sei äusserst sensibel, sagte Gesundheitsminister Alain Berset am Donnerstag vor den Medien in Bern. Die Frage nach den Grenzen sei unumgänglich, sie müsse politisch und gesellschaftlich diskutiert werden.

Nach dem Willen des Bundesrates sollen Embryonen künftig auf schwere Erbkrankheiten wie die Mukoviszidose und die spinale Muskelatrophie untersucht werden dürfen. Paare, bei welchen wegen ihrer genetischen Veranlagung die Gefahr besteht, dass ihr Kind von einer solchen Erbkrankheit betroffen sein könnte, dürften den Embryo also vor der Einpflanzung untersuchen lassen.

Nicht für Down-Syndrom

Alle anderen Anwendungsmöglichkeiten sollen verboten bleiben. So soll es auch künftig nicht erlaubt sein, Embryonen auf Trisomie 21 (Down-Syndrom) zu testen. In der Pränataldiagnostik - der Untersuchung des Embryos im Mutterleib - ist dies erlaubt, die Diagnose führt mitunter zu einer Abtreibung.

Berset räumte ein, dass dies nicht unproblematisch sei. Er rief aber in Erinnerung, dass die heutige Situation mit dem gänzlichen Verbot der Präimplantationsdiagnostik noch grössere Widersprüche berge, da auch schwere Erbkrankheiten erst im Mutterleib diagnostiziert werden dürften.

Nicht für Spender-Geschwister

Verboten bleiben soll die Präimplantationsdiagnostik auch für die Auswahl so genannter Retter-Babys. Es darf also nicht abgeklärt werden, ob ein Embryo geeignet wäre, später für ein krankes Geschwister Organe oder Gewebe zu spenden. Das Bundesamt für Gesundheit rechnet damit, dass mit den neuen Regeln jährlich zwischen 50 und 100 Untersuchungen an Emryonen ausserhalb des Mutterleibs durchgeführt würden.

Der Bundesrat sei sich bewusst, dass in der Fortpflanzungsmedizin stets das Risiko der Eugenik bestehe, also der Auswahl gewünschter Eigenschaften, beteuerte Berset. Aus diesem Grund wolle er strenge Rahmenbedingungen. Ein Screenig - eine breit angelegte Suche nach genetischen Risiken - komme für ihn nicht in Frage.

Neu acht Embryonen

Zulassen will der Bundesrat aber, dass Eltern, die auf die künstliche Befruchtung zurückgreifen, pro Behandlungszyklus neu acht Embryonen in vitro entwickeln lassen dürfen. Derzeit ist die Zahl auf drei beschränkt (»Dreier-Regel»).

Damit will der Bundesrat ermöglichen, dass erblich vorbelastete Paare im Rahmen der Fortpflanzungsmedizin die gleichen Chancen auf einen übertragbaren Embryo erhalten wie unbelastete Paare. Generell aufheben will der Bundesrat das Verbot, Embryonen aufzubewahren, um sie allenfalls später einzupflanzen. Dadurch werde auch die Zahl von Mehrlingsschwangerschaften gesenkt, die mit Risiken für Mutter und Kinder verbunden seien, sagte Berset.

Das Volk entscheidet

Der Bundesrat beauftragte den Gesundheitsminister, bis im Frühling 2013 die Botschaft zu den entsprechenden Gesetzsentwürfen auszuarbeiten. Die «Achter-Regel» und die generelle Zulassung der Aufbewahrung von Embryonen bedingt eine Änderung von Artikel 119 der Bundesverfassung über Fortpflanzungsmedizin und Gentechnologie bei Menschen. Damit wird in jedem Fall das Volk das letzte Wort haben.

Die Frage dürfte noch viel zu reden geben. In der Vernehmlassung forderten FDP und SP sowie Universitäten und Spitäler eine weitergehende Lockerung der heutigen Regeln als der Bundesrat vorschlägt. Insbesondere die Untersuchung auf Chromosomenstörungen wie Trisomie 21 möchte diese Gruppe zulassen.

Breiter Widerstand

Die Grünen dagegen wünschen sich eine strengere Regelung. CVP, EDU, EVP sowie kirchliche Organisationen lehnen jegliche Lockerung des Verbots ab. Auch Organisationen von Menschen mit Behinderung sind skeptisch. Sie befürchten, dass Eltern eines behinderten Kindes sich zusehends den Vorwurf gefallen lassen müssten, ein solches Kind hätte «verhindert» werden können. Mit dem Entwurf des Bundesrates ganz zufrieden waren nur die SVP und die CVP-Frauen.

Die Fortpflanzungsmedizin sorgt seit Jahren für Diskussionen. Im Jahr 2000 war eine Volksinitiative an der Urne gescheitert, die Samenspenden und die Befruchtung im Reagenzglas verbieten wollte. In der Folge trat 2001 das Fortpflanzungsmedizingesetz in Kraft, das die Präimplantationsdiagnostik verbietet. Ende 2005 beauftragte das Parlament den Bundesrat damit, das Verbot zu lockern. Ein erster Entwurf des Bundesrates von 2009 wurde bereits in der Vernehmlassung verworfen.

SDA/kpn/rub

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch