Warum sich Museen der schnellen Sparlogik entziehen

Wenn die öffentliche Hand bei Ebbe in der Kasse an den Museen sparen will – oder gar Museen schliesst, dann bringt das fast nichts. Denn die Kantone haben einen gesetzlichen Konservierungsauftrag.

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Vor ein paar Monaten waren die Aussichten des Alpinen Museums der Schweiz noch so gut wie an einem glasklaren Herbsttag in den Bergen. 2011 hatte der Bund seine finanzielle Unterstützung auf 1 Million Franken verdoppelt. Damit verbunden war der Auftrag, das Museum neu zu positionieren. Dem Team um den neu angetretenen Direktor Beat Hächler musste man das nicht zweimal sagen. Die jüngste ihrer aufregenden Ausstellungen – über den künftigen Wasserhaushalt im Gebirge – erhielt eben den Prix Expo der Akademie der Naturwissenschaften.

Das vorher verstaubte Museum am Berner Helvetiaplatz wandelte sich zu einem Debattenort, an dem diskutiert wird, wie der Klimawandel den Schweizer Alpen zusetzt. Alle freuten sich über die Neuerfindung des Hauses: das Publikum, die Geldgeber, die nationale und die lokale Politik.

Aufbruch jäh gestoppt

Heute aber herrscht im Alpinen Museum Konsternation. Mitte Juli gab das Bundesamt für Kultur bekannt, der Zuschuss des Bundes werde 2018 von 1 Million auf 714 000 und ab 2019 auf 250 000 Franken gekürzt. Das Haus wird Opfer einer neuen Vergabestrategie, mit der der Bund dem föderalistischen Giesskannenprinzip gehorcht: Statt wie bisher sieben erhalten neu dreizehn Museen aus allen Landesteilen Bundesgeld aus einem ­Beitragstopf, dessen Inhalt nicht anwächst. Für Direktor Hächler war schnell klar: Ein 750 000-Franken-Loch in seinem schlanken 3-Millionen-Budget stellt die Existenz seines Hauses infrage.

Zusammen mit den 9500 Personen, die bisher eine Petition zur Rettung des Museums unterschrieben haben, reibt sich Hächler ungläubig die Augen: «Das kann doch nicht sein, dass der von uns geforderte Aufbauprozess ohne erkennbare inhaltliche Gründe nun jäh abgebrochen wird.»

Das Alpine Museum ist nicht der einzige Schweizer Ausstellungsort, der wie auf einer Achterbahn nach dem Aufstieg plötzlich mit einem Absturz konfrontiert ist. Weil der Bund oder der Standortkanton brüsk auf die Sparbremse treten. «In guten Zeiten machen politische und kulturelle Behörden Museen mit neuen Bauten oder aufgestockten Budgets gern zu Leuchttürmen, in schlechten Zeiten sparen sie die Leuchttürme wieder weg», beschreibt Walter Künzler, der ehemalige Leiter des Naturmuseums Solothurn, das Muster.

Von seinen Kollegen und Kolleginnen, die noch im Amt sind, hört Künzler, wie volatil die Museumsfinanzierung sein kann. Da er pensioniert ist, kann er freier darüber reden: «Für die Naturmuseen in Luzern, Konstanz oder La Chaux-de-Fonds wurden erst ambitionierte Ausbau- oder Sanierungsprojekte geplant – und dann plötzlich die Schliessung diskutiert oder gar durchgesetzt.»

Ewig gegen kurzfristig

Künzler erkennt in diesem Sparmechanismus einen System- und Denkfehler: «Den grössten Teil der Arbeit und des Budgets eines Museums machen die von der Öffentlichkeit wenig wahrgenommenen, langfristigen Archivierungs-, Forschungs- und Sammlungsarbeiten aus. Will man bei den Museumsbudgets sparen, vergisst und bedroht man diese Hauptaufgaben.»

Es geht um einen Grundwiderspruch. «Museen sind eine Art ewige Institution, sie haben einen Archivierungsauftrag ohne Enddatum, der sich vierjährigen Finanzierungszyklen entzieht», sagt Beat Hächler. «Museen sind nicht nur Ausstellungsorte, ihr Herz sind ihre Sammlungen, sie sind unser kulturelles Gedächtnis und tragen Verantwortung für unser Vermächtnis, das weiter wächst», ergänzt Britta Allgöwer, Direktorin des Natur-Museums Luzern.

«Den grössten Teil des Budgets eines Museums machen die von der Öffentlichkeit wenig wahrgenommenen Archivierungsarbeiten aus.»Walter Künzler

Was Kantonspolitiker übersehen: Die langfristige Pflege des kulturellen Erbes ist im Gesetz festgeschrieben. Walter Künzler verweist auf Artikel 724 des Schweizerischen Zivilgesetzbuches (ZGB). Dort steht, dass «herrenlose Naturkörper oder Altertümer von wissenschaftlichem Wert» Eigentum der Kantone ­seien. Die Kantone sind laut ZGB verpflichtet, dieses Erbe zu erhalten, aufzuarbeiten und zugänglich zu machen.

Dieser langfristige Sammelauftrag ist aber mitunter schwer zu vereinbaren mit den Verwaltungszyklen der Politik. Die gravitätischen Museen muten in unserer schnelllebigen Gegenwart wie auf der Strecke gebliebene Findlinge an. Sie sind Archive, die aber auch das Bedürfnis des Publikums nach stetig neuen Events erfüllen sollen.

Das ist ein schwieriger Spagat, weiss Jakob Messerli, der Direktor des Bernischen Historischen Museums. Kanton, Stadt und Burgergemeinde Bern sowie die Regionalkonferenz Bern-Mittelland subventionieren das Haus mit rund 7 Millionen Franken im Jahr. Messerli hat bei den Geldgebern einen 5-Millionen-Zusatzkredit erstritten. Er legt einen starken Fokus auf den Erhalt und die Erschliessung der Museumssammlungen, nachdem vorher opulente Ausstellungen und Events im Vordergrund gestanden haben. «Dafür, dass man die Konservierung des Erbes sichert und weniger Ausstellungen macht, muss man sich dann aber Kritik anhören», sagt er.

Luzern droht Schliessung an

Wenn in der Kasse der öffentlichen Hand Ebbe herrscht, ist gar der gesetzlich verankerte Konservierungsauftrag der Museen nicht mehr heilig. So geschehen in Luzern. Für das dortige Natur-Museum, das sanierungsbedürftig ist, wurde ein 12,5-Millionen-Bauprojekt erarbeitet, das auch Einblicke in die Museumsarbeit und eine Neupräsentation der Museumssammlung ermöglichen würde. Es fehlte noch das Ja des Luzerner Kantonsparlaments.

Das Museum ist zu hundert Prozent im Besitz des Kantons Luzern, der ihm gemäss Jahresbericht ein jährliches Globalbudget von 2 Millionen Franken gewährt. Davon muss es aber 800 000 Franken Gebäudemiete wieder an den Kanton abliefern.

Als der Kanton Luzern 2016 als Folge seiner Tiefsteuerpolitik ­rote Zahlen schrieb, stoppte die Kantonsregierung das Projekt nicht nur, sie präsentierte gar den Vorschlag, sowohl das Natur-Museum wie auch das Historische Museum des Kantons Luzern zu schliessen.

Nun ist es nicht etwa so, dass den zwei Museen das Publikum davonlaufen würde. Das Natur-Museum zählt rund 50 000 Besucher im Jahr, das Historische rund 35 000. Die Schliessungsidee entsprang vielmehr einer finanziellen Logik: Das Museumsbudget von 2 Millionen Franken zu streichen, versprach einen satten Spareffekt.

Für eine Schliessung müsste man allerdings laut Britta Allgöwer, Direktorin des Natur-Museums Luzern, das kantonale Kulturförderungsgesetz ändern. Dagegen könnte das Stimmvolk das Referendum ergreifen.

In Luzern hat sich das Volk schon gemeldet: Fast 18 000 Unterschriften hat das Luzerner Unterstützungskomitee SOS-Museen in kurzer Zeit für den ­Erhalt der Museen gesammelt. Vorerst ist eine Schliessung abgewendet, nachdem das Kantonsparlament die Schuldenbremse gelockert hat.

Schliessung kommt teuer

Dass sich mit Museumsschliessungen markant Geld sparen lässt, ist für den ehemaligen Museumsleiter Walter Künzler eine weitere Fehlüberlegung: «Die Kosten für den gesetzlich vorgeschriebenen Konservierungsauftrag laufen weiter, ein geschlossenes Museum erzielt aber keine Einnahmen mehr durch Eintritte, den Museumsshop oder das Museumsrestaurant.»

Künzlers Warnung bestätigt sich bei zwei Museumsschliessungen, die in der Schweiz jüngst aus finanziellen Gründen durchgezogen wurden. Am 1. Juli 2016 schloss das Glarner Naturmuseum mit seiner Sammlung von 100 000 Objekten definitiv seine Tore. Eine Beratungsfirma prognostizierte dem Kanton Glarus jährliche Einsparungen von bis zu 120 000 Franken, schrieb die «Schweiz am Sonntag». Ohne genaue Zahlen zu nennen, räumte der Kanton dann ein, dass es deutlich weniger sind. Denn es fallen weiterhin Kosten für die Raummiete und eine minimale konservatorische Betreuung der eingelagerten Sammlung an.

La Chaux-de-Fonds’ Dilemma

In La Chaux-de-Fonds verfolgte man ab 2013 das Projekt, für das Musée d’histoire naturelle einen Neubau beim lokalen Zoo zu errichten. Um den Auszug aus gemieteten Räumen der Post vor­zubereiten, wurde das Natur­museum vorübergehend für das Publikum geschlossen. Als sich die Finanzlage der Neuenburger Jurastadt dann verschlechterte, erwog man 2016, das Museum gar nicht wiederzueröffnen. Auch in La Chaux-de-Fonds wurden darauf Unterschriften gesammelt. Weil das Museumsteam anbot, mit reduzierten Mitteln die Sammlung weiter zu betreuen, ist eine definitive Schliessung vorerst aufgeschoben.

Die Objekte werden derzeit in ein kantonales Magazin umgelagert. Dazu müssen sie aufwendig dokumentiert und verpackt werden, was wieder Geld kostet. «Zwar fallen nun die meisten Personallöhne weg, es gibt aber auch keine Einkünfte mehr durch Eintritte und die Boutique», sagt der stellvertretende Konservator Jean-Daniel Blant auf Anfrage. Hoch sind die Einnahmen kleiner Museen allerdings nicht. Blant hofft auf eine Wiedereröffnung. Dafür müsste die klamme Stadt einen 2-Millionen-Kredit genehmigen.

Blant macht noch auf ein besonderes Problem aufmerksam. Viele Natur-, Geschichts- oder Kunstmuseen verdanken ihre ­Attraktivität Privatsammlungen, die sie zeigen. In den Leih- oder Schenkverträgen verpflichten sie sich, die Sammlungen zu betreuen und dem Publikum zugänglich zu machen. Eine Museumsschliessung dürfte deshalb juristische Auseinandersetzungen mit den Gebern nach sich ziehen.

Neues Modell gesucht

In sparbedrohten Museen zerbricht man sich nun den Kopf über neue Finanzierungsmodelle, die weniger abhängig machen von einem Hauptsubventionsgeber. Das Ziel ist, die finanzielle Last nach einem Verteilschlüssel auf mehrere Geldgeber zu verteilen. Solche Modelle sind oft als Stiftungen organisiert. So ist etwa das Naturmuseum St. Gallen seit 2012 eine öffentlich-recht­liche Einzelstiftung. Sie wird hauptsächlich von der Stadt und der Ortsbürgergemeinde St. Gallen getragen.

«Als Stiftung erhält ein Museum eher Drittmittel privater Geldgeber, als wenn es eine Verwaltungsabteilung eines Kantons oder einer Stadt ist», nennt Toni Bürgin, Direktor des Naturmuseums St. Gallen, einen Vorteil.

Zähe Verhandlungen

Das Alpine Museum der Schweiz funktioniert bereits als Stiftung mit mehreren Geldgebern. Seit 1933 teilen sich Bund, Stadt und Kanton Bern sowie der Schweizer Alpen-Club die rund 2 Millionen Franken Subventionen im Jahr. Doch nun hat mit dem Bund einer der Stifter sein finanzielles Engagement von 1 Million einseitig und ohne Absprache heruntergefahren.

Das zeigt: Ein Finanzierungsmodell mit mehreren Geldgebern funktioniert nur dann, wenn es einen gemeinsamen Willen gibt. Und der muss in komplizierten Verhandlungen immer wieder neu erstritten werden.

(Berner Zeitung)

Erstellt: 14.11.2017, 06:11 Uhr

Museumsland Schweiz

Dass die Finanzierung von Museen bisweilen unsicher und wechselhaft ist, hat paradoxerweise auch damit zu tun, dass die Schweiz ein ausgeprägtes Museumsland ist. 1111 Museen gibt es hierzulande in Kantonen, Städten und Gemeinden. Im Jahr 2015 wurden sie von 12,1 Millionen Personen besucht, was die Zahl der jährlichen Kinobesucher übertrifft. Das kann man der ersten Museumsstatistik des Bundesamts für Kultur vom April entnehmen. Weil es in der Schweiz so viele Museen gibt und die Hälfte von ihnen ausschliesslich durch die öffentliche Hand finanziert wird, ist der Konkurrenzkampf um ­Anteile am kaum wachsenden Finanzierungskuchen gross. svb

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