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Walfang: «Auch die Schweiz trägt Verantwortung»

Der Zoologe Bruno Mainini steht als erster Schweizer an der Spitze der Internationalen Walfangkommission (IWC). Im Interview erklärt er, was die Schweiz mit Walfang zu tun hat und weshalb viele Tierschützer falsche Prioritäten setzen.

Diplomatisch und weit gereist: IWC-Vorsitzender Bruno Mainini hat Wale in allen Ozeanen der Welt gesehen.
Diplomatisch und weit gereist: IWC-Vorsitzender Bruno Mainini hat Wale in allen Ozeanen der Welt gesehen.
zvg

Kein Meter Küste verbindet die Schweiz mit dem Meer. Noch nie ist ein Meeressäuger durch Schweizer Walfänger zu Tode gekommen. Dennoch stehen Sie als erster Schweizer an der Spitze der IWC. Was hat unser Land mit Walfang zu tun?Bruno Mainini: Mehr als man auf den ersten Blick denkt. Zwei Beispiele: Von allen Binnenländern unterhält die Schweiz die grösste Hochseehandelsflotte; grosse und schnelle Schiffe stellen eine erhebliche Gefahr für Wale dar. Schweizer Konsumenten verzehren Meeresfische und -früchte in rauen Mengen; der weltweit wachsende Fischkonsum führt zu einer massiven Überfischung der Ozeane, die den Walen zum Verhängnis werden kann. Mit dem Meer sind alle verbunden, auch die Binnenländer. Alle müssen Verantwortung übernehmen.

Walfangbefürworter, allen voran Japan, werden die Abschaffung des Moratoriums fordern. Tierschützer befürchten, es werde knapp: Es bestehe die Gefahr, dass das Walfangverbot nach 30 Jahren wieder aufgehoben wird.Diese Klage wird regelmässig aus Kreisen regierungsunabhängiger Organisationen laut – sie sind weder neu noch berechtigt. Die Walfanggegner stellen eine klare Mehrheit. Und es bräuchte ein Dreiviertelmehr, um das Moratorium umzustossen. Das kommt in absehbarer Zeit kaum zustande. Die Wale haben in den nächsten zwanzig Jahren nichts zu befürchten.

«Japan investiert, vor allem in der Karibik, viel Geld in Infrastruktur und Entwicklungshilfe.»

Die NGO werfen den Walfangländern, insbesondere den Japanern, aktive Bestechung vor: Die Stimmen von Vertretern kleiner Inselstaaten würden gekauft.Der Vorwurf ist nicht ganz fair. Japan investiert, vor allem in der Karibik, viel Geld in Infrastruktur und Entwicklungshilfe. Das ist Realpolitik. Es ist nachvollziehbar und durchaus legitim, dass eine Gegenleistung in Form von Solidarität erwartet wird.

Ist es nicht störend, dass Japan unter dem Vorwand der Wissenschaftlichkeit das Moratorium umgeht und Jahr für Jahr Hunderte von Zwergwalen abschlachtet?Es werden Untersuchungen durchgeführt, die man durchaus als wissenschaftlich bezeichnen kann; so wie praktisch überall Versuchstiere der Wissenschaft geopfert werden. Störend ist lediglich die unnötig grosse Zahl der Wale, die von den Walfängern getötet werden.

Sie präsidieren die IWC im 70. Jahr ihres Bestehens. Was hat sich seit den Nachkriegsjahren geändert?Die Wahlfangkommission wurde 1946 gegründet, um die Jagd zu regulieren und den Bestand der Wale zu erhalten. Die Mitgliedsstaaten handelten untereinander Fangquoten aus, hielten sich allerdings nicht an ihre eigenen Vereinbarungen. Der Blauwal, der nördliche Glattwal, auch der Buckelwal – um nur einige zu nennen – wurden so intensiv bejagt, dass sie in den Achtzigerjahren kurz vor der Ausrottung standen. Damit war auch die Reputation der IWC ramponiert.

Es kam zum Moratorium, dem weltweiten Verbot des kommerziellen Walfangs ...... das bis heute Bestand hat. Neu nahmen nicht nur die Vertreter der Mitgliedsstaaten an den Sitzungen teil. Es wurden, allerdings ohne Stimmrecht, auch NGO zugelassen, die sich für den Schutz der Wale engagieren.

Welche Bedeutung messen Sie den NGO zu?Sie treten als Lobby für die Wale auf und nehmen die Möglichkeit wahr, am Rand der Tagung das Stimmverhalten der Delegierten zu beeinflussen. Solange sie nicht fundamentalistisch auf Extremforderungen beharren, werden sie durchaus ernst genommen. Die Schweizer Meeresschutz­organisation Oceancare ist ein schönes Beispiel: Die fordert nicht nur Verbote, sie bringt Lösungsansätze, warnt vor schadstoffkontaminiertem Walfleisch oder propagiert Alternativen zum Plastik, der als Müll ins Meer gerät.

«Es geht nicht um ein paar Grosswale mehr oder weniger. Wichtiger ist der Schutz verschiedener Kleinwale und Delfinarten, die vor dem Aussterben stehen.»

Wo steht die IWC heute? Welche Ziele nehmen Sie ins Visier?Die NGO sollten vermehrt in die Debatten und Entscheidungsfindungen eingebunden werden. Wir sollten weniger Zeit in die Verhandlungen um die Fangquoten und das Moratorium investieren; denn es geht nicht um ein paar Grosswale mehr oder weniger, deren Bestände sich weitgehend erholt haben. Viel wichtiger ist der Schutz verschiedener Kleinwale und Delfinarten, die in vielen Gegenden der Welt vor dem Aussterben stehen, weil sie als Beifang in Grossnetzen verenden oder weil die Gewässer, in denen sie leben, verseucht und vergiftet wurden. Es geht um die Sensibilisierung des Bewusstseins in vielen Bereichen: Kapi­täne von Frachtern, welche die Wanderrouten von Walen kreuzen, sollten aufmerksam und umsichtig fahren, um Kollisionen zu vermeiden; Küstenbewohner sollen Massnahmen kennen lernen, die notwendig sind, um gestrandete Wale zu retten; indigene Völker, die legitim Wale jagen, sollen wissen, wie man die Tiere schonend, stressfrei und schmerzlos tötet.

Wie soll das vonstattengehen? Harpunierte Wale kämpfen oft stunden-, wenn nicht tagelang, bis sie endlich sterben.Das war einmal. Moderne Harpunen sind mit Sprengsätzen aus­gerüstet, die – wenn der Jäger gut gezielt hat – innert Sekunden den Tod herbeiführen. Das ist vergleichbar mit dem gezielten Blattschuss bei der konventionellen Jagd. Fälle, in denen ein Wal länger als fünfzehn Minuten gelitten hat, sind höchst selten.

«Manche Whalewatcher preschen mit Vollgas in jene Buchten, wo Wale und Delfine ihre Ruhe suchen. »

Vielerorts sind aus ehemaligen Walfängern Whalewatcher geworden. Einst töteten sie Wale – jetzt fahren sie mit Touristen aufs Meer hinaus , um ihnen die Tiere zu zeigen.Das tun sie natürlich nicht, um die Wale zu schützen, sondern um Geld zu verdienen. Leider wird dabei oft wenig Rücksicht auf die Bedürfnisse der Tiere genommen. Manche Whalewatcher preschen mit Vollgas in jene Buchten, wo Wale und Delfine ihre Ruhe suchen. Whalewatching ist eine gute Alternative, wenn die Regeln eingehalten werden: Höchstens drei Schiffe dürfen sich den Tieren nur langsam von hinten nähern, sie halten zu Grosswalen mindestens hundert, zu Delfinen und Kleinwalen fünfzig Meter Abstand. Und Weibchen mit Jungtieren lässt man in Ruhe.

Gibt es eine Begegnung mit Walen, die Sie nie vergessen?Das liegt schon dreissig Jahre zurück: Im Atlantik, vor der argentinischen Halbinsel Valdés an Patagoniens Ostküste, stellte ich, als ich eine Gruppe von südlichen Glattwalen erkannte, den Motor ab. Zwei Männchen gesellten sich links und rechts neben ein Weibchen, sie wirkten wie Baumstämme, die ein Floss formten, direkt neben meinem Schlauchboot. Bei diesem Liebesspiel liessen sie sich langsam absinken, kamen unter mir wieder hoch. Sowie die fünfzig Tonnen schweren Leiber das Schlauchboot spürten, tauchten sie ohne spürbaren Flossenschlag wieder ab. Ich hielt den Atem an, ohne eine Spur von Angst – diese unendlich sanfte Berührung hat mich tief berührt.

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