Leben mit der Lawinengefahr

Wie sich unser Bezug zur Gefahr verändert hat: Ein Besuch in St. Antönien, dem Tal der Lawinen.

16 Kilometer gebaute Sicherheit: Die Lawinenverbauungen in <nobr>St. Antönien</nobr> in Graubünden. Foto: Kaspar Thalmann

16 Kilometer gebaute Sicherheit: Die Lawinenverbauungen in St. Antönien in Graubünden. Foto: Kaspar Thalmann

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Seit zwei Tagen fällt Schnee im Tal der Lawinen. Schon aus geringer Entfernung ist die knatternde Schneefräse kaum mehr zu hören. Der Schnee verschluckt alles. In hohem Bogen schleudert Ernst Flütsch die weisse Pracht über das Geländer der Sonnenterrasse des Gasthauses Sulzfluh auf 1772 Metern über Meer. Das Weiss am Boden geht übergangslos in Nebel über. Die steilen Hänge oberhalb des Talbodens bleiben unsichtbar. Dort lauert seit Jahrhunderten die Gefahr im besonders exponierten Bündner Bergtal St. Antönien. Eine Gefahr, die immer wieder Tote fordert.

Flütsch kennt die Bedrohung wie kaum ein anderer. Seit 15 Jahren bewirtet er Skitourengänger und sieht sie allmorgendlich die Berge erklimmen. Auch er fährt am liebsten abseits der Pisten. Während sieben Jahren war er Chef der lokalen Lawinenschutzorganisation (LSO), der er auch heute noch angehört. In dieser Funktion hatte er zu entscheiden, ob Strassen zu sperren sind, wenn die Last des Schnees zu schwer wurde. In diesem Jahr war es nach dem Sturmtief Burglind Anfang Januar so weit. Die LSO musste handeln.

Nicht nur in St. Antönien: Die Lawinengefahr kletterte in weiten Teilen der Alpen auf die zweithöchste Gefahrenstufe. Vielerorts fiel mehr Schnee als in den schneearmen Wintern davor. Im Simplongebiet und rund um Saas-Fee wurde sogar die höchste Gefahrenstufe erreicht. Strassen und Bahnlinien wurden gesperrt, viele Touristen wurden vom Schneefall überrascht, in Zermatt mussten Helikopter die Gäste ausfliegen, gestern war die Bahnlinie nach Täsch wieder unterbrochen.

Die Wucht der Schneemassen

Senken sich die Barrieren, beginnen aber erst die Probleme. «Fast hoffen wir dann, dass irgendwo tatsächlich eine Lawine niedergeht», gesteht Flütsch. Denn der Druck auf die fünf Männer der LSO steigt jeweils rasch. Flütsch weiss ja selber, wie es ist. Er ist Eigentümer zweier Berggasthäuser. Als vor sechs Jahren der Zustieg zu seinen Häusern gesperrt wurde, blieben die Restaurants einen Monat leer. Umsatz: null. Auf der einen Seite müssen die Verantwortlichen für die Sperrungen mit dem Ärger der Einheimischen umgehen, auf der anderen Seite mit der Sorglosigkeit der Gäste. Flütsch berichtet von Skitouristen, die zum Gasthaus aufsteigen und seine Warnungen ignorieren: «Lawinen? Das haben wir im Griff.» Doch auch Talbewohner, die bei klarem Wetter die schweizweit grösste Lawinenverbauung am Chüenihorn stets vor Augen haben, umgehen die Barrieren. Sie wollen zur Arbeit ins Tal.

Echte Angst haben nur jene, die selber gesehen haben, welche Wucht entfesselte Schneemassen haben können. Doch die Katastrophen sind zu selten, um im breiten Bewusstsein haften zu bleiben. Zuletzt gab es 1983 zwei Todesopfer im Tal. Es waren Wintersportler. Im Lawinenwinter von 1951 begrub eine verheerende Lawine zum letzten Mal Einheimische: Zehn Personen wurden verschüttet, eine konnte nur noch tot geborgen werden. Von den zerstörten 42 Gebäuden waren 9 Wohnhäuser. Als Folge davon entstanden nach jahrelangem Lobbyieren in Bundesbern die umfangreichen Verbauungen oben am Berg.

Spott für die Helfer

Seit die Sperren dort sind, seit Bewohner und Touristen die gebaute Sicherheit sehen, wird auch die Gefahr etwas verdrängt. Im letzten grossen Lawinenwinter von 1999 bekam der lokale Krisenstab die Ignoranz der Leute zu spüren. Einige machten sich lustig über die Arbeit der LSO. Das habe deren Mitglieder dermassen frustriert, erinnert sich Flütsch, dass sie sich das nächste Mal lieber zeitig aus dem Tal absetzen wollten, als sich zum Gespött der Leute zu machen. St. Antönien blieb 1999 von schlimmeren Schäden verschont.

Es bleibt nicht beim Spott. Seit die Lawinenverbauungen existieren, gibt es in St. Antönien Leute, welche die alten Bauverbotszonen nicht mehr einfach so akzeptieren. Sind die bisher bedrohten Gebiete, in denen man nicht bauen durfte, mit den Sperren nicht sicherer geworden? Und ist es wirklich nötig, dass man bei der Berechnung der Zonen Extremereignisse berücksichtigt, mit denen einmal in 300 Jahren zu rechnen ist? Viele fänden das übertrieben, sagt Flütsch.

«Machen wir zu, hoffen wir fast, dass eine Lawine niedergeht.»Ernst Flütsch

Dass man heute generell fahrlässiger umgehe mit der Lawinengefahr als früher, so weit möchte Flütsch aber nicht gehen. Statistiken belegen dies: Eine Auswertung seit 1936 des WSL-Instituts für Schnee- und Lawinenforschung (SLF) zeigt keine Zunahme der Lawinenopfer in der Schweiz. Die Zahl liegt seit langem stabil bei rund 22 Toten pro Jahr.

Hingegen ist eine klare Verschiebung der Unfallorte feststellbar: Wurden früher die meisten Personen auf Strassen oder in Gebäuden verschüttet, geschieht dies heute vor allem im freien Gelände. Laut Kurt Winkler, Lawinenwarner beim SLF, hat dies mit den besser geschützten Strassen, Skipisten und Siedlungen einerseits und der massiven Zunahme der Wintersportler abseits der Pisten andererseits zu tun. In den vergangenen 20 Jahren haben sich die Tourentage mehr als verdreifacht.

«Von null bis volles Risiko»

«Das individuelle Risiko ist insgesamt gesunken», stellt Bergführer Bruno Hasler fest. Für den Ausbildungschef des Schweizer Alpen-Clubs (SAC) spielen das deutlich gestiegene Wissen, die Qualität der verfügbaren Informationen, aber auch die Ausbildung und das bessere Material eine Rolle. Allerdings liessen sich dadurch auch etliche Wintersportler zu einem «frecheren» Verhalten hinreissen. Es gebe in jeder Kategorie die ganze Verhaltens-Bandbreite von «null bis volles Risiko».

Statistisch gesehen betreffen Unfälle mit Lawinen am häufigsten Männer mittleren Alters, unterwegs mit Tourenski bei schwacher Altschneedecke und Lawinengefahrenstufe «erheblich» (dritte Stufe in der fünfteiligen Skala). Besonders töricht handeln gemäss Hasler jene, die eine tolle Spur im Schnee entdecken und ihr ohne Wissen und Ausrüstung folgen.

Die Zunahme von Skitouren- und Schneeschuhläufern freut Gastronom Ernst Flütsch in St. Antönien. Heute sind sie am Berg, sobald der Pulverschnee lockt. Das war früher ohne die technischen Hilfsmittel anders. Die Talbewohner blieben im Haus, bis der Schnee von den Bäumen gefallen war. «Wir profitieren immer noch von den bitteren Lehren, welche die Walser ziehen mussten», erzählt Ernst Flütsch.

Die harten Lehren der Walser

Die aus dem Gebiet des heutigen Wallis stammenden Bauern besiedelten im 14. Jahrhundert das Tal. Weil sie Weide- und Ackerland brauchten, rodeten sie den Wald. Ihre Tiere gaben dem geschwächten Baumbestand den Rest – mit tödlichen Folgen, als die Temperaturen im späten Mittelalter sanken, die Kleine Eiszeit harte Winter bescherte und die Lawinen ungebremst ins Tal donnerten. Im letzten Jahrhundert wurde ein Weideverbot im Wald eingeführt und nebst den technischen Verbauungen, die zur Hauptsache der Bund bezahlte, eine beispiellose Aufforstung an die Hand genommen.

Heute, da schneeärmere Winter die Regel geworden sind, nimmt die Sorglosigkeit wieder zu, das Bewusstsein um die Gefahr nimmt ab. Ernst Flütsch will etwas dagegen tun. Er ist Mitinitiant eines Lawinencenters, das nächstes Jahr im Dorf eröffnet werden soll. Auf lustvolle Art sollen sich Touristen mit der Naturgewalt auseinandersetzen können.

Früher haben die Lawinen die Besiedlung des Tals an der Grenze zu Österreich fast verunmöglicht, heute werden sie zum Aushängeschild für einen sanften Tourismus. Das Tal hat nichts mehr gegen seinen Ruf als «Tal der Lawinen», es arbeitet sogar an der Marke. Rundwanderungen laden im Sommer zum Aufstieg zu den Lawinenverbauungen ein. Und wenn nichts schiefgeht, werden die sich über 16 Kilometer hinziehenden Riegel bald Teil des Unesco-Kulturerbes. Die Lawinen gehören zu St. Antönien. Das sollen die Menschen wissen. Und nicht mehr vergessen.

(Newsnet)

Erstellt: 12.01.2018, 23:27 Uhr

Ernst Flütsch

Der Betreiber zweier Gasthäuser ist Mitglied der Lawinenschutzorganisation von St. Antönien.

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