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SVP bringt Schulkinder zum Heulen

In ihrem Kampf gegen moderne Schulen behauptet die SVP, Problemkinder würden künftig das Niveau der Schulen nach unten reissen. Stimmt das so?

Wer durch die Strassen im Kanton Luzern geht, könnte meinen, die Schweizer Kinder würden nächstens von einem grässliches Schicksal ereilt werden: Auf Plakatwänden sind überall weinende Mädchen und Buben zu sehen, die die Passanten mit flehentlichen Blicken fixieren. Wer dabei denkt, es handle sich um eine Kampagne gegen häusliche Gewalt, sieht sich aber getäuscht: Der Absender der Botschaft, die SVP, kämpft mit den heulenden Kleinen gegen Harmos und will so moderne und einheitliche Schulen verhindern. In Luzern findet am 28. September nach Glarus die zweite Abstimmung über die interkantonale Vereinbarung statt. Weitere Kantone wie Zürich folgen im November.

Die Luzerner SVP macht aber nicht nur mit weinenden Kindern Stimmung, sondern auch mit irreführenden Argumenten. So behauptet die Partei in einem Inserat, dass in den Luzerner Zeitungen erschienen ist: «Das Leistungsniveau wird schlechter, denn die Sonderklassen werden aufgehoben, die Sonderschüler in die Normalklassen gesteckt. Die normalen Kinder erhalten somit schlechtere Bildungschancen.» Tatsächlich hat das Konkordat mit der Aufhebung von Sonderklassen nichts zu tun. «Die SVP vermischt in ihrer Kampagne alle möglichen Reformen, die keinen Zusammenhang mit Harmos haben», stellt Olivier Maradan klar. Er ist bei der Konferenz der kantonalen Bildungsdirektoren zuständig für Harmos.

SVP vermischt die Schulreformen

Es ist zwar richtig, dass sich viele Schulen künftig darum bemühen, Sonderschüler besser zu integrieren. Wie dies geschehen soll, haben die Bildungsdirektoren jedoch in einem anderen Konkordat geregelt: In der «Interkantonalen Vereinbarung über die Zusammenarbeit im Bereich der Sonderpädagogik vom 25. Oktober 2007». Bis anhin ist dieses Konkordat blosser Buchstabe. Die Kantone entscheiden frühestens im Herbst darüber. Wer also die Aufhebung von Sonderklassen verhindern möchte, muss nicht Harmos ablehnen. Er muss mit seinem Nein auf eine Abstimmung über das Konkordat zur Sonderpädagogik warten.

Hinzu kommt, dass die angestrebte Aufhebung der Sonderklassen weniger weit geht, als dies die SVP behauptet: Kein Bildungspolitiker hat vor, jeden einzelnen Sonderschüler in eine Regelklasse zu schicken. Je nachdem, wie stark die geistige oder körperliche Behinderung oder der Grad der Verhaltensschwierigkeit ist, werden so genannte «Kinder mit besonderen pädagogischen Bedürfnissen» auch weiterhin separaten Unterricht erhalten. Das Konkordat schreibt lediglich vor: «Nach Möglichkeiten sollen im sonderpädagogischen Bereich integrierende Massnahmen den separierenden vorgezogen werden.» Es ist ausdrücklich erlaubt, dass Gemeinden auch künftig Sonderklassen und -schulen führen. «Beeinträchtigt ein Schüler seine Klasse zu sehr, muss er weiterhin in separaten Unterricht», sagt Martin Wendelspiess, Vorsteher des Zürcher Volksschulamts.

Viele Anliegen des Sonderpädagogik-Konkordats hat Zürich bereits autonom eingeführt - wie auch einige andere Kantone. Seit Anfang des neuen Schuljahrs gilt in einem Drittel der Zürcher Gemeinden das Prinzip des integrativen Unterrichts. Die übrigen folgen in den kommenden zwei Jahren. Der Unterschied zwischen separierenden und integrativem Unterricht lässt sich so auf den Punkt bringen: Ein Kind, das besondere Unterstützung benötigt, erhält diese künftig in der Regelklasse. Es muss nicht mehr zum Sonderpädagogen, der Sonderpädagoge kommt zu ihm in die Klasse. Nur wenn dieser Ansatz keinen Erfolg zeigt, besucht das Kind eine Klein- oder Sonderklasse. Viele Pädagogik-Professoren sind wie der Freiburger Gérard Bless überzeugt, dass gute und durchschnittliche Schüler auch in integrierten Klassen gut lernen.

Schlüer räumt die Vermischung ein

Die Verantwortlichen der SVP sind sich bewusst, dass sie in ihrer Kampagne verschiedene Schulreformen vermischen: «Die rechtliche Festlegung des integrativen Unterrichts steht im Konkordat über die Sonderpädagogik», räumt Ulrich Schlüer ein. Harmos stelle aber die Weiche, sagt der ehemalige Zürcher Nationalrat, der im nationalen Kampf gegen Harmos bei der SVP die Fäden führt. Harmos und das Konkordat zur Sonderpädagogik seien aus demselben Geist heraus geboren.

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