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Selbstbedienungsladen Religion

Heute sind Weltanschauungen und Religionen frei wählbar, sagt Judith Albisser vom Forschungsinstitut SPI der katholischen Kirche. Für Andreas Kyriacou von der Freidenker-Vereinigung ist das eine erfreuliche Entwicklung.

Er begrüsst den Wettbewerb unter den Welt- anschauungen: Andreas Kyriacou, Präsident der Freidenker-Vereinigung der Schweiz.
Er begrüsst den Wettbewerb unter den Welt- anschauungen: Andreas Kyriacou, Präsident der Freidenker-Vereinigung der Schweiz.
Madeleine Schoder

Bald scheint der Wendepunkt erreicht zu sein. Wie die neusten Zahlen des Bundesamts für Statistik zeigen, fehlt nicht mehr viel, bis die Konfessionslosen die Reformierten in der Schweiz zahlenmässig eingeholt haben. Immer mehr Menschen drehen der Kirche den Rücken zu. In Basel-Stadt entzieht sich mit 46 Prozent sogar fast die Hälfte der ­Bevölkerung einer Religions­gemeinschaft. «Konfessionslose sind ein Massenphänomen geworden», bestätigt Judith Albisser vom Schweizerischen Pastoralsoziologischen Institut (SPI). Die Mitarbeiterin dieses Forschungsinstituts der katholischen Kirche schreibt von einem «rasanten Anstieg in wenigen Jahrzehnten», der auf drei Faktoren zurückzuführen sei: Menschen treten aus der Kirche aus; Eltern lassen ihre Kinder nicht mehr taufen; konfessionslose Personen wandern in die Schweiz ein.

Zusammen bilden Katholiken und Reformierte in der Schweiz zwar eine deutliche Mehrheit. Vor 60 Jahren machten sie aber fast 100 Prozent der Bevölkerung aus. Dann begann die Zahl der Konfessionslosen zu steigen. Das verlief parallel zum gesellschaftlichen Phänomen der Individualisierung, erklärt Albisser: «Der Kirchenaustritt wurde enttabuisiert, und seither kann das Individuum aus verschiedenen Weltanschauungen und Religionen frei wählen.» Für Andreas Kyriacou ist das eine erfreuliche Entwicklung. Er ist Präsident der Freidenker-Vereinigung der Schweiz. Für ihn ist der entstandene «Wettbewerb unter den Welt­anschauungen» positiv: «Sinn­suchende können im breiten Angebot eine passende Antwort ­finden.»

Die Gemeinschaft bröckelt

Die Konfession ist aber nur auf den ersten Blick eine individuelle Angelegenheit. Religionsgemeinschaften prägen die Gesellschaft. Bekennen sich viele Menschen zum gleichen Glauben, hält sie das zusammen und gibt ihnen ein Fundament.

Die Freidenker-Vereinigung vertritt zwar konfessionsfreie Menschen, kann aber längst nicht für alle sprechen, da sich diese eben gerade nicht in einer Gemeinschaft zusammenfinden. Wo suchen und finden sie Ersatz dafür? Für Andreas Kyriacou ist ein Ersatz weder nötig noch erstrebenswert. «Es braucht keine neuen Monopole und auch keine Autoritäten, welche die Welt erklären», sagt er. Er räumt zwar ein, dass Gemeinsamkeiten wie etwa der Glaube den Zusammenhalt fördern. «Sie stärken aber auch die Ausgrenzung.» Wer nicht den Vorstellungen der Gemeinschaft entspreche, bleibe aussen vor. Eine Gesellschaft jedoch, die Freiheit und Vielfalt hochhalte, könne Ausgrenzung vermeiden, und gerade das mache sie stark: «Denn deren Werte können alle verteidigen.»

Wer vermittelt die Werte?

Die Kirchen sehen sich als Vermittlerinnen von Werten. Noch lasse sich die Frage nicht eindeutig beantworten, welche Werte eine Gesellschaft mit immer mehr Konfessionslosen teile, meint Albisser. Möglicherweise bahne sich ein Konflikt an zwischen den einen, die der Religion nichts mehr abgewinnen können, und den anderen, die sich gegen moderne, säkulare Strömungen wehren. «Fakt ist, dass eine Gesellschaft nicht ohne gemein­same Wertvorstellungen auskommt», hält Judith Albisser fest.

Statistik

Andreas Kyriacou anerkennt zwar christliche Werte wie Barmherzigkeit oder Nächstenliebe, hält aber entgegen, dass diese nicht ausschliesslich christlichen oder religiösen Traditionen entstammten. «Und viele Werte wie Gleichberechtigung oder Meinungsfreiheit sind Errungenschaften der Aufklärung.» Dafür, Werte zu vermitteln, seien keine Religionsgemeinschaften nötig.

Rituale bleiben wichtig

Neben Werten erwähnt Anne Durrer, Sprecherin vom Schweizerischen Evangelischen Kirchenbund (SEK), auch Rituale, die eine Gesellschaft prägen. Das Kirchenjahr mit seinen Ritualen und Feiertagen hat sich tief in unseren Alltag eingegraben. Muss man sich auf ihren christ­lichen Ursprung berufen, um Feiertage wie Weihnachten, Ostern und Auffahrt zu akzeptieren? Andreas Kyriacou schaut in die Zukunft: Weihnachten und Ostern werde es noch lange geben, weil sie längst zu Familienfesten geworden seien. Bei Pfingsten und Auffahrt hingegen prophezeit er, dass sie in Vergessenheit geraten. Das sei bei Feiertagen aber nicht ungewöhnlich. «Auch der Tag der Arbeit am 1. Mai ist in einigen Kantonen ein Feiertag, obwohl ihn längst nicht alle feiern.»

Dass Menschen – auch konfessionslose – ein Bedürfnis nach Ritualen haben, streitet der Präsident der Freidenker-Vereinigung nicht ab, im Gegenteil: «Gerade wer davon ausgeht, dass der Tod das Ende ist, kann es als schlüssig empfinden, wichtige Momente im Leben besonders zu würdigen.» Selbst bei den Ritualen ­setzen Freidenker allerdings auf Vielfalt und Individualität – und zudem auf säkulare Ritualbe­gleiter.

Der Mehrwert der Kirche

Anne Durrer verweist zudem auf einen Mehrwert der Kirche, der über die Religion hinausgeht: Die Kirche erbringt Sozialleistungen, die allen Menschen offenstehen, nicht nur den Mitgliedern. Pia Grossholz, Vizepräsidentin des Synodalrates der Reformierten Kirchen Bern-Jura-Solothurn, zählt nur einige auf: die Begleitung von Menschen in Krisen oder in Notfällen, den Einsatz für Asylsuchende, die finanzielle Unterstützung vieler sozialer Institutionen und Hilfswerke wie etwa der Dargebotenen Hand, die offene Jugendarbeit oder das Engagement im kulturellen Bereich – vom Kirchenchor bis zur Pflege historischer Gebäude.

Zwar könnten diese Sozialleistungen auch andere Institutionen erbringen, doch: «Niemand sonst kann auf so viele Freiwillige zurückgreifen wie die Kirche», sagt Grossholz. Eine Analyse, die im Rahmen des Nationalen Forschungsprogramms 58 erstellt wurde, gibt ihr recht. Jener Bericht weist auf die Fähigkeit der Religionsgemeinschaften hin, viele Freiwillige zu rekrutieren, die als Multiplikator für die investierten Ressourcen wirken. In den Landeskirchen werde sehr viel unbezahlte Arbeit geleistet und in den Freikirchen noch mehr. Zudem könnten Landeskirchen jederzeit auf flächen­deckende Strukturen und eine breite Mitgliederbasis zählen.

«Der Kirchen- austritt wurde enttabuisiert. Das Individuum kann aus verschiedenen Weltanschauungen und Religionen frei wählen.»

Judith Albisser, Schweizerisches Pastoralsoziologisches Institut

Andreas Kyriacou sagt: Das Ansehen der Kirchen für diese Sozialleistungen sei hoch. Das habe eine Umfrage im Kanton Bern ergeben, welche die Freidenker in Auftrag gegeben hatten. Diese habe aber auch eine geringe Nutzung dieser Angebote aufgezeigt. Problematisch findet der Prä­sident der Freidenker-Vereinigung, wenn etwa die Seelsorge in Spitälern ausschliesslich von Vertretern der Landeskirche ausgeübt werde. Das greife zu kurz. Es gelte darauf zu achten, dass Beratungen, die allen Menschen offenstehen, konfessionell neu­tral seien.

Konfessionslos, aber gläubig

Auch wenn Konfessionslose keiner Religionsgemeinschaft angehören: vom Glauben haben sich längst nicht alle verabschiedet. Judith Albisser verweist auf Konfessionslose, die an Gott glauben, aber aus der Kirche austreten, weil sie zum Beispiel mit der Institution nicht länger einverstanden sind, wenig Bindung zur Kirche haben oder Kirchensteuern vermeiden wollen. Sie macht auf eine Erhebung des Bundesamts für Statistik aufmerksam, die 2014 durchgeführt wurde.

Dort zeigte sich: 11 Prozent der Konfessionslosen gaben an, an einen einzigen Gott zu glauben. Und 31 Prozent glauben an eine höhere Macht. 32 Prozent bezeichneten sich als atheistisch, und 25 Prozent gaben an, nicht zu wissen, ob es Gott gibt, und zu glauben, dass man dies auch nicht wissen könne. Zudem glauben 29 Prozent eher oder sicher an ein Leben nach dem Tod.

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