Zum Hauptinhalt springen

Schweizer zweiter Klasse

Der Bund sollte den Fahrenden Plätze zur Verfügung stellen – etwa auf ungenutzten Militäranlagen.

Sesshaftigkeit gilt als Schweizer Tugend. Wer ein Eigenheim bauen will, kann steuerbegünstigt sparen. Und regelmässig lancieren bürgerliche Kreise Initiativen für weitere Steuerabzüge für angehende Hausbesitzer. ­Entsprechend flächendeckend breitet sich die Hüsli-Schweiz aus. Wenig Platz bleibt hingegen für Menschen, die sich nicht der Sesshaftigkeit verschrieben haben – etwa für die gut 3000 Jenischen ohne festen Wohnsitz. Die Lebensweise der Schweizer Fahrenden stösst zunehmend auf Ablehnung. In Bern kam es zum Polizeieinsatz, in Bilten GL wollten Bauern Fahrende mit Gülle vertreiben, und in Thal SG dürfte am 18. Mai ein neuer Durchgangsplatz an der Urne scheitern.

Grundlage der Ablehnung ist zumeist Unwissen. Seit weniger Jenische an den Haustüren ihre Dienste anbieten und seit die Empörung über das bis 1973 ­andauernde Kindswegnahmeprogramm «Kinder der Landstrasse» abgeebbt ist, sind die Schweizer Fahrenden aus dem öffentlichen Bewusstsein verschwunden. Viele denken bei Menschen, die ausserhalb von Campingplätzen in Wohnwagen leben, an suspektes Zigeunerleben und bettelnde Roma-Kinder. Tatsächlich aber sind die Schweizer Fahrenden eine anerkannte nationale Minderheit. Sie besitzen das Bürgerrecht, zahlen Steuern und leisten Militärdienst. 2003 entschied das Bundesgericht, dass Fahrende einen Rechtsanspruch auf Halteplätze haben. Da die Raumplanung jedoch in die Hoheit der Kantone und Gemeinden fällt, wurde der Rechtsanspruch nie angemessen erfüllt. Mit der Folge, dass schweizweit etwa 60 Standplätze fehlen.

Um diesen Artikel vollständig lesen zu können, benötigen Sie ein Abo.