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Riesige Spionage-Operation der CIA lief über die Schweiz

Eine Zuger Firma verkaufte Chiffriergeräte an die halbe Welt – mit einer Hintertür für den US-Geheimdienst. Der Bundesrat eröffnet eine Untersuchung.

Kurt Pelda, Res Strehle, Markus Häfliger, Christoph Lenz, Thomas Knellwolf, Oliver Zihlmann
Steht im Mittelpunkt der Cryptoleaks: Der Schweizer Chiffriergeräte-Hersteller Crypto AG wurde 2018 aufgelöst (Bild aufgenommen im Februar 2015).
Steht im Mittelpunkt der Cryptoleaks: Der Schweizer Chiffriergeräte-Hersteller Crypto AG wurde 2018 aufgelöst (Bild aufgenommen im Februar 2015).

Eine der weitreichendsten und erfolgreichsten Geheimdienstaktionen seit dem Zweiten Weltkrieg fliegt nun auf – mit der Schweiz im Zentrum. Damit die USA die Kommunikation ausländischer Regierungen, Militärs und Diplomaten mitlesen konnten, begannen sie vor einem halben Jahrhundert, über die im Kanton Zug beheimatete Crypto AG manipulierte Chiffriergeräte zu verkaufen. Das Geschäft mit insgesamt 130 Ländern florierte jahrzehntelang und lief bis vor kurzem weiter. 2018 wurde die Crypto AG aufgelöst.

Über eine Liechtensteiner Briefkastenfirma hatte der US-Geheimdienst CIA die Zuger Firma ab den 70er-Jahren kontrolliert. Partner war bis 1993 der deutsche Bundesnachrichtendienst (BND). Das ergab eine Recherche von ZDF und der «Rundschau» des Schweizer Fernsehens, das am Mittwoch ab 20.05 eine Sondersendung ausstrahlt. Bernd Schmidbauer, Geheimdienstkoordinator unter Bundeskanzler Helmut Kohl, bestätigte gegenüber den Journalisten erstmals das amerikanisch-deutsche Vorgehen. Die Operation «hat sicher dazu beigetragen, dass die Welt ein Stück sicherer geblieben ist», sagt Schmidbauer.

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Weshalb kommt es nun zu den Enthüllungen? Der freie Journalist Peter F. Müller aus Köln, der für das ZDF arbeitet, hat gemäss eigenen Angaben vergangenes Jahr rund 280 Seiten Akten zum Fall Crypto zugespielt bekommen – die sogenannten Cryptoleaks. Er teilte die Dokumente mit der «Rundschau» und der «Washington Post». Die involvierten Redaktionen sind nach monatelanger Prüfung überzeugt, dass die Unterlagen echt sind und aus der CIA und vom BND stammen.

Laut den Journalisten beschreiben die Akten detailreich und präzis, wie die Schweizer Firma zwei Arten von Verschlüsselungsapparaten verkaufte: sichere und unsichere. Bei den manipulierten Geräten konnten die amerikanischen und deutschen Geheimdienste die Abnehmer über eine eingebaute Hintertür ausspionieren. Ahnungslose Käufer, darunter Staaten wie Ägypten, der Iran, Libyen oder Argentinien, wussten demnach nicht, wie leicht ihre chiffrierte Kommunikation entschlüsselt werden konnte.

Erster Verdacht in den Neunzigerjahren

Die Crypto-AG-Kunden vertrauten auf die Schweizer Spitzentechnologie und die Neutralität des Landes. CIA und BND nutzten dies aus, zum Beispiel bei Verhandlungen um die Befreiung von US-Geiseln mit dem Iran, im Nahostkonflikt oder bei der Aufklärung von Terroranschlägen der Libyer gegen die USA. Im Falklandkrieg konnten die Amerikaner Nachrichten der Argentinier entschlüsseln und an die Briten weiterleiten. Auch bei der US-Invasion in Panama 1989 spielten Erkenntnisse aus manipulierten Crypto-Geräten eine Rolle.

Ein Erfolgsmodell: Das Chiffriergerät CX-52 der Firma Crypto aus den frühen Fünfzigerjahren. Foto: Terra Mater, Laif
Ein Erfolgsmodell: Das Chiffriergerät CX-52 der Firma Crypto aus den frühen Fünfzigerjahren. Foto: Terra Mater, Laif

Der Verdacht, dass die Crypto AG von den amerikanischen und deutschen Geheimdiensten unterwandert ist, kam öffentlich erstmals Anfang der 90er-Jahre auf. Damals war der Schweizer Crypto-Vertreter Hans Bühler im Iran verhaftet worden. Die Firma hat die Manipulationsvorwürfe stets vehement dementiert. Beweise für die Unterwanderung gab es nie.

Noch während der Bühler-Affäre, 1993, stieg der BND bei der Crypto aus. Die Amerikaner machten laut den Dokumenten des Journalisten Müller weiter. Eine Aktenstelle deutet darauf hin, dass die CIA die Zuger Firma und die Operation bis mindestens 2012 im Alleingang weiterführte.

Weder CIA noch BND reagierten bislang auf kurzfristige Anfragen der Redaktion Tamedia.

Ehemalige Crypto-Mitarbeiter und frühere Exponenten des schweizerischen Nachrichtendiensts bestätigen der Redaktion Tamedia, dass die Geräte der Crypto AG manipuliert waren und dass amerikanische und deutsche Geheimdienste dahintersteckten.

Wer wusste Bescheid?

Nun wird die Frage zentral, ab wann staatliche Stellen über die Operation im Bild waren. In den CIA-Dokumenten, die sich auf die frühen 90er-Jahre beziehen, steht laut «Rundschau», dass «hohe Beamte» des schweizerischen militärischen Nachrichtendiensts «generell Kenntnis von der Rolle Deutschlands und der USA im Zusammenhang mit der Crypto AG» hatten. Sie sollen gemäss den Unterlagen die Operation geschützt haben. Auch «Schlüsselpersonen in der Regierung» hätten von den Vorgängen gewusst.

«Das wird die Frage der guten Dienste der Schweiz beeinflussen»: Res Strehle hat vor 25 Jahren ein Buch zur Affäre verfasst. Video: Tamedia

Der Nachrichtendienst des Bundes (NDB) betont, dass er erst seit 2010 existiere und sich «weder zu Entscheidungen noch zu Aktivitäten seiner Vorgängerorganisationen» äussere. Er handle «strikt nach den gesetzlichen Vorgaben» und seine Tätigkeit werde von mehreren politischen und unabhängigen Behörden kontrolliert. Zu seiner operationellen Tätigkeit äussere sich der NDB nur gegenüber der Chefin VBS und seinen Aufsichtsorganen.

Das Verteidigungsdepartement (VBS) schreibt, dass die Ereignisse um die Crypto AG «heute schwierig zu rekonstruieren und zu interpretieren» seien. Der Bundesrat hat am 15. Januar den ehemaligen Bundesrichter Niklaus Oberholzer eingesetzt, um «das Thema zu untersuchen und die Faktenlage zu klären». Oberholzer soll bis Ende Juni dem VBS Bericht erstatten. Unterstützt wird er von der Anwaltskanzlei Kellerhals-Carrard.

Der ehemalige Bundesrichter Niklaus Oberholzer soll im Sommer den Bundesrat über seine Ermittlungen informieren. Foto: Keystone
Der ehemalige Bundesrichter Niklaus Oberholzer soll im Sommer den Bundesrat über seine Ermittlungen informieren. Foto: Keystone

VBS-Chefin Viola Amherd ist gemäss ihrem Departement vom NDB am 19. August 2019 erstmals über «Gerüchte» informiert worden, «die um die Firma Crypto AG kursieren». Eine ausführlichere Information sei am 31. Oktober erfolgt, daraufhin habe Amherd am 6. November dem Bundesrat Bericht erstattet. Im Anschluss daran habe man die parlamentarische Geschäftsprüfungsdelegation (GPDel) und die unabhängige Aufsichtsbehörde über die nachrichtendienstliche Tätigkeiten (AB-ND) in Kenntnis gesetzt. Der Fraktionschef der Grünen Partei, Balthasar Glättli, fordert jetzt gegenüber SRF eine Parlamentarische Untersuchungskommission (PUK).

Der Bund selber hat über Jahrzehnte Verschlüsselungssysteme der Crypto AG bezogen, die zum Teil noch immer im Einsatz stehen. In den vergangenen Wochen sind diese Systeme auf Sicherheitslücken abgecheckt worden.

Für solche Kontrolle zuständig ist die Fachstelle für Kryptologie innerhalb der Führungsunterstützungsbasis (FUB) der Armee. Gemäss dem VBS gab es Entwarnung: «Gemäss heutigem Kenntnisstand können Schwächen in den an Schweizer Behörden gelieferten Verschlüsselungssystemen ausgeschlossen werden.»

Aktiv geworden ist auch Wirtschaftsminister Guy Parmelin. Aufgeschreckt durch die Recherchen, hat der SVP-Bundesrat bereits Mitte Dezember die Generalausfuhrbewilligung für international tätige Nachfolgefirmen der Crypto AG sistiert – «bis die Sachlage und die offenen Fragen geklärt sind», wie das Volkswirtschaftsdepartement auf Anfrage erklärt. Die Behandlung von Einzelausfuhrgesuchen sei – wenigstens theoretisch – weiterhin möglich. Tatsächlich sind Einzelgesuche pendent, doch wurden sie bisher nicht bewilligt, teilt das Departement mit.

Der Entzug der Exportbewilligung betrifft die Crypto International, wie deren CEO und alleiniger Besitzer Andreas Linde bestätigt. Linde hat gemäss eigenen Angaben « bis heute keine saubere Erklärung» vom Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) erhalten für den Entzug: «Wir haben bei zahlreichen Gelegenheiten versucht, einen Termin beim Seco zu bekommen, aber ohne Erfolg.» Diese Situation sei für die Firma «extrem herausfordernd», da alle Produkte aus der Schweiz exportiert würden.

Die Crypto International – so schreibt Linde weiter – sei komplett getrennt und unabhängig von der aufgelösten Crypto AG: «Wir haben einen anderen Besitzer, ein anderes Management und eine andere Strategie, auch was die Entwicklung unserer Sicherheitstechnik betrifft.» Er habe 2018 von der Crypto AG den Markennamen, das Vertriebsnetz und anderes gekauft, aber er betont: «Wir haben nichts zu tun mit der Crypto AG und wir haben sicher keine Beziehung zu amerikanischen oder deutschen Geheimdiensten.» Er vertraue alle seinen Mitarbeitern und die Lösungen, welche man verkaufe, seien sicher und vertrauenswürdig.

Auf den Schweizer Markt konzentriert sich eine zweite Nachfolgegesellschaft der Crypto AG mit Sitz im Kanton Zug: die im Januar 2018 gegründete CyOne Security AG. Die Firma betont, sie sei seit Aufnahme der Geschäftstätigkeit zu 100 Prozent im Besitz von vier Schweizer Privatpersonen und von der ehemaligen Crypto AG vollständig unabhängig und sie habe «keine Verbindungen zu ausländische Geheimdiensten». Es bestünden «keinerlei diesbezüglichen Abhängigkeiten».

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