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Pulitzerpreisträger bezeichnet Basler Reichtum als «giftig»

Der eben gekürte Pulitzerpreisträger Dan Fagin ärgert sich nach einem Besuch in der Schweiz über deren Verlogenheit. Im Visier hat der Wissenschaftsjournalist die chemische Industrie.

Dan Fagin: Der Pulitzerpreisträger schreibt in der «New York Times» ein Meinungsstück mit dem Titel: «Der giftige Reichtum der Schweiz».
Dan Fagin: Der Pulitzerpreisträger schreibt in der «New York Times» ein Meinungsstück mit dem Titel: «Der giftige Reichtum der Schweiz».

Dan Fagin hat Basel besucht. Es hat ihm nicht gefallen. Sicher, das 1.-August-Feuerwerk über dem Rhein sei präzis choreografiert gewesen, die Bratwurst heiss und das Bier schön schaumig. Doch gerade die unbeschwerte Wohlgenährtheit hat den Gast aus den USA gestört. Schliesslich sei das leichte Leben in Basel dem Leiden anderer geschuldet: «Basels postindustrieller Wohlstand baut auf Produkte, die heute weit weg in viel ärmeren Ländern hergestellt werden», schreibt Dan Fagin in einem Meinungsstück in der «New York Times» unter dem Titel: «Der giftige Reichtum der Schweiz».

Im Visier hat Wissenschaftsjournalist Fagin die chemische Industrie. Deren weltweite Geschäfte verfolgt er seit Jahren, seine Arbeit gilt als erstklassig; vor zwei Wochen ist er für sein Buch «Toms River» mit dem Pulitzerpreis ausgezeichnet worden, der höchsten Auszeichnung der schreibenden Zunft in Amerika. Im Buch erzählt Fagin die Geschichte einer Kleinstadt in New Jersey, in der vor 30 Jahren plötzlich die Kinder krank wurden. Dem kleinen Michael Gillick etwa wuchsen mit drei Monaten Ge­schwuls­te am Körper, und seine Augen begannen unheimlich hin und her zu rollen, so, als folgten sie dem Pendel eines Metronoms. Die Diagnose traf die Familie hart: Krebs.

Der Bub überlebte und wurde an der Seite seiner Eltern zum Aktivisten gegen die Schweizer Firma Ciba-Geigy, heute Novartis und Syngenta. Ciba war 1952 nach Toms River gekommen und hatte am Stadtrand eine Fabrik aufgebaut. Die Ortschaft war ideal: Anschluss an die Eisenbahn zur Ausfuhr der gefertigten Färbemittel, aber auch viel Platz und einen Fluss zur Entsorgung des Abfalls: «Die Färbstoffe verliessen Toms River, doch der Giftmüll blieb zurück», schreibt Fagin. Trotz eines dicken Waldpuffers habe die Fabrik das Städtchen verseucht.

«Ein neuer Klassiker des Wissenschaftsjournalismus»

Fagin beschreibt den langen Kampf der Bewohner um Aufklärung. Er erzählt die Geschichte packend wie einen Thriller, die US-Presse nennt das Buch «einen neuen Klassiker des Wissenschaftsjournalismus», eine «harte Erkundung von Firmenarroganz und öffentlichem Widerstand». Zum Schluss wartet kein echtes Happy End, aber ein Sieg: 1995 wird die Krebs­häufung amtlich festgestellt, nach viel Medienwirbel kommt es zu einer Einigung mit Ciba-Geigy. 69 Familien erhalten gemeinsam geschätzte 30 Millionen Dollar Entschädigung.

Heute ist die Ciba-Fabrik in Toms River zugesperrt, doch die Machenschaften der Chemiemultis gehen weiter, sagt Fagin. In China stünden heute ganze Krebsdörfer, in denen die Menschen krank würden im Namen des Profits. Die Schweizer, findet Fagin, müsse dies mehr kümmern. Der gut besuchte Marktplatz in der Basler Innenstadt schien ihm bei seinem Besuch nur verlogen und makaber: «Hier gibt es genug Leute, die sich den Verzicht auf Lebensmittel leisten können, die mit Pestiziden gespritzt sind, welche Schweizer Chemiker Tausende Meilen entfernt in Asien hergestellt haben.» In Basel sei die giftige Realität der Industrie aus dem Stadtbild verschwunden und den Glastürmen der Konzerne gewichen. Doch deren Geschäfte seien immer noch toxisch.

Natürlich bestehe das Problem der Schmutz-Aulagerung auch in anderen Staaten, räumt Fagin auf Anfrage ein, und vielleicht hätte er in seinem Artikel «auch Deutschland oder die USA mit einem Satz erwähnen sollen». In Toms River, New Jersey, seien nun aber einmal Schweizer am Werk gewesen. Und deren Wohlstand stinkt ihm sehr.

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