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Pflichtbewusst oder erniedrigend?

Der Chef des angeklagten Grenzwächters stellte seinem Mitarbeiter ein ausgezeichnetes Zeugnis aus. Der Staatsanwalt zeichnete hingegen das Bild eines Beamten, der aus purer Gleichgültigkeit den Tod eines Kindes in Kauf genommen hat.

Der Grenzwächter (rechts) sitzt auf der Anklagebank. Ihm Gegenüber sitzen die Militärrichter in Uniform.
Der Grenzwächter (rechts) sitzt auf der Anklagebank. Ihm Gegenüber sitzen die Militärrichter in Uniform.
Keystone

Es war ein grosser, auffallend hagerer Mann, der gestern am zweiten Prozesstag auf der Anklagebank sass. 57-jährig. Ein Gesicht wie aus Holz geschnitten. Seit 36 Jahren ist er Grenzwächter in Diensten der Eidgenossenschaft. Tag für Tag spürt er Schmuggler auf, führt illegal in die Schweiz gereiste Menschen zurück. Sein Chef gibt ihm Bestnoten: Der Mitarbeiter sei pflichtbewusst, loyal und kommunikativ, sagte er den Richtern gestern. Er habe sich nie etwas zuschulden kommen lassen. Vor vier Jahren wurde er zum Feldweibel befördert.

Dieses Zeugnis wollte so gar nicht ins Bild passen, das der ­militärische Staatsanwalt eine Stunde später von demselben Menschen zeichnete. Der Angeklagte, der selber drei Kinder hat, habe aus purer Gleichgültigkeit einer von der Grenzwache fest­gehaltenen schwangeren Frau mit offensichtlichen medizinischen Problemen ärztliche Behandlung verweigert. Er habe ­damit den Tod eines ungeborenen Kindes in Kauf genommen. Willkürlich, pflichtwidrig, unmenschlich und erniedrigend habe der Grenzwächter gehandelt.

Statt den Notarzt zu rufen, schaltete er die Monitore aus

Kurze Rückblende: An einem überaus heissen Sommertag im Juli vor drei Jahren hatte die Grenzwache in Brig 36 illegal in die Schweiz eingereiste Syrer im Rahmen einer Rückführung in den Zug nach Domodossola verladen. Zuvor hatten die Grenzwächter die Flüchtlinge in Brig zweieinhalb Stunden in einem engen Raum warten lassen. Sie hatten bereits eine mehrstündige Reise in einem kleinen Bus quer durch die Schweiz hinter sich. Ein Kind hatte erbrochen, man schwitzte. Unter den Syrern befand sich die 22-jährige Suha Alhussein Jneids, schwanger im siebten Monat. Die Reise im Bus muss ihr besonders zugesetzt ­haben. In Brig beklagte sie sich plötzlich über unerträgliche Schmerzen im Unterleib. Sie hatte Blutungen. Angehörige legten sie auf eine Pritsche im Warteraum. Ihr Ehemann flehte mehrere Grenzwächter an, einen Arzt zu holen.

Keiner hat sich die Mühe genommen, die Frau näher anzuschauen oder mit ihr zu sprechen. Immerhin haben die Beamten die Bitte des Ehemannes an ihren Einsatzleiter, den Angeklagten, weitergetragen. Statt den Notarzt zu rufen, liess dieser Überwachungsmonitore im Warteraum ausschalten, «zum Schutz der Intimsphäre der Frau».Erst als er kurz vor der Abfahrt nach Domodossola von seinem Büro aus sah, dass Angehörige die Frau zum Zug tragen mussten, ist ihm offenbar mulmig geworden.

Statt die Ambulanz zu rufen, liess er allerdings zu, dass die Frau zusammen mit den anderen Flüchtlingen verladen und nach Domodossola gefahren wurde. Im Zug bettete der Ehemann sie behelfsmässig auf Koffer. Immerhin hatte der angeklagte Feldweibel Minuten vor der Abfahrt die Beamten in Italien informiert, dass eine Frau im Zug sei, die dringend medizinische Hilfe benötige.

Das Kind hätte mit grosser Wahrscheinlichkeit überlebt

Im Spital in Domodossola hat die Frau eine Totgeburt erlitten. Wäre sie frühzeitig ins Spital gebracht worden, hätte das Kind laut Experten die Frühgeburt mit 80-prozentiger Sicherheit überlebt. Für den militärischen Staatsanwalt, den Auditor, ist das Verhalten des Angeklagten unentschuldbar: Er habe medizinische Hilfe verweigert, nur um rechtzeitig Feierabend machen zu können. «Das ist Gleichgültigkeit, einfach nur Gleichgültigkeit», sagte der Staatsanwalt.

Sieben Jahre hinter Gitter

oder Freispruch

Der Staatsanwalt fordert eine Verurteilung wegen eventualvorsätzlicher Tötung eines ungeborenen Kindes und eine Freiheitstrafe von sieben Jahren. Für den Fall, dass die Richter Zweifel haben, ob das Kind in Brig tatsächlich noch gelebt hat, forderte er eine Strafe von 3 Jahren.

Ganz anderer Ansicht war der Verteidiger. Auch er räumte ein, dass an jenem Nachmittag nicht alles rundgelaufen ist. Allerdings sei der Angeklagte unschuldig. Dem Angeklagten sei erst kurz vor der Abfahrt klar geworden, dass die Frau schwanger sei und ernsthafte gesundheitliche Probleme habe. Er habe dann pflichtbewusst die Behörden in Domodossola informiert. Dort war die Ambulanz schnell vor Ort. Es sei nicht erwiesen, dass die Frau schneller medizinisch versorgt worden wäre, wenn der Angeklagte die Ambulanz in Brig bestellt hätte. Deshalb sei seinem Mandanten nichts anzulasten

Das Urteil wird am 7. Dezember verkündet.

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