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Notausgang Bundesrat

Wie trennt sich ein leidenschaftlicher Unternehmer am besten von seinem Lebenswerk? – Indem er Bundesrat wird.

Widmer

Grundsätzlich brauche er keinen neuen Job, antwortet Johann Schneider-Ammann dieser Tage auf die Frage, ob er sich eine Kandidatur als Bundesrat überlege: «Ich bin ein passionierter Unternehmer und völlig ausgefüllt.»

Eine schmerzlose Trennung

Johann Schneider-Ammann sucht die Aufgabe also scheinbar nicht. Seine Partei muss auf den Berner FDP-Nationalrat zugehen, ihn anfragen und bitten, sich zur Verfügung zu stellen – im Interesse einer wirtschaftsfreundlichen Schweiz, die sich mehr Unternehmertum im Bundesrat wünscht.

Eine Wahl in die Landesregierung hätte für den Industriellen auch einen hohen Preis: Ein Bundesrat darf nebenbei nicht unternehmerisch tätig sein, als Firmenchef agieren oder in einem Verwaltungsrat sitzen. Johann Schneider-Ammann müsste sich folglich aus dem Langenthaler Familienbetrieb zurückziehen. Auch die Verwaltungsräte von Swatch und Mikron müsste er verlassen.

Dennoch wäre eine Wahl für den 58-jährigen Patron ein Glücksfall. Nie trennt man sich im Leben schneller und schmerzloser von seinem Unternehmen.

Vorbilder Villiger und Blocher

Nach seiner Krönung zum Bundesrat machte Kaspar Villiger 1989 einen klaren Schnitt: Nach 23 Unternehmerjahren löste sich der Stumpenfabrikant über Nacht nicht nur operativ vom Familiengeschäft. Obwohl dies von einem Magistraten nicht per Gesetz verlangt wird, verkaufte er dem Bruder auch seine Firmenhälfte. Das Amt des Bundesrates erfordere eine völlige Unabhängigkeit von geschäftlichen Interessen, begründete Kaspar Villiger seinen Entscheid. Damit ging das Unternehmen unwiderruflich in den anderen Familienzweig über.

Die Wahl in die Landesregierung ermöglichte 2003 auch Christoph Blocher ein rasches und reibungsloses Loslassen: Der spätere Justizminister legte die operative Führung seiner Ems-Chemie in die Hände von Tochter Magdalena Martullo-Blocher. Seine Beteiligung am Konzern übertrug er aus freien Stücken allen vier Kindern.

Für die radikale Trennung vom Unternehmen erntete er Anerkennung. Doch eigentlich machte Christoph Blocher vor allem sich selbst einen Gefallen. Seine kurzzeitige Beförderung zum Bundesrat verhalf dem dominanten Patron zu einem Rückzug ohne Wenn und Aber. Ein solcher Schritt wäre dem damals 63-Jährigen sonst noch lange schwer gefallen, vermuten Berater, die seit Jahren Familien bei der Nachfolgeplanung begleiten. Die Bundesratswahl war für den Vollblutunternehmer ein willkommener Notausstieg. Und für die Kinder ein Segen: Magdalena Martullo-Blocher musste nicht im Schatten eines alternden Patriarchen durch die Ems-Chemie huschen. Kein Übervater verfolgte ihre Schritte vom Verwaltungsrat aus. Was der Nachwuchs mit übertragener Macht und Besitz tut, bleibt ihm überlassen.

Schneider-Nachwuchs bereit

Auch in der Industriellenfamilie Schneider-Ammann bringen sich die Kinder derzeit in Stellung: Christian Schneider (31) arbeitet nach seinem Master in Micro Technology an der EPFL Lausanne bei der Ammann-Gruppe als Assistent der Geschäftsleitung. Schwester Daniela (29) sammelt nach ihrer Wirtschaftsausbildung bei der Swatch-Marke Omega Erfahrung im Verkauf. Die sechste Familiengeneration macht sich bereit, um die Ammann-Gruppe künftig zu lenken.

Gerne schaut der Nachwuchs dem Vater heute wohl noch über die Schultern, profitiert von seiner Erfahrung und von seinem Netzwerk. Bald aber könnte es auch stören, wenn Angestellte und Kunden dauernd nach dem alten Patron fragen und dieser noch immer und überall präsent ist.

Solange der Vater im Betrieb ein Büro behält, verkörpert er das Unternehmen. Erst der Tod trennte Uhrenkönig Nicolas Hayek vom Schreibtisch und seiner Swatch – da konnte er seine Nachfolge noch so gut aufgleisen.

Nachfolge in weiter Ferne

Wie schwer sich Industrielle mit dem Loslassen tun, zeigt das Beispiel Edgar Oehler. Trotz mehrerer Operationen ist der Unternehmer und einstige CVP-Nationalrat nicht willens, bei der Arbonia-Forster-Gruppe kürzerzutreten. Der 68-Jährige mutet sich neben dem Chefposten und dem Verwaltungsratspräsidium seit Neustem gar noch die Leitung der Sorgendivision Küchen/Kühlen zu. Die Sturheit des Patrons wirft einen Schatten auf das Unternehmen. Eine gute Nachfolge rückt in weite Ferne.

Grundsätzlich, so sagt Schneider-Ammann, brauche er keinen neuen Job. Gleichzeitig weiss er: Die Wahl in die Regierung wäre nicht nur ein Dienst am Land, sondern auch ganz persönlich eine attraktive Perspektive. Für den Patron wäre es der beste Abschied von seinem Unternehmen.

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