Mit SUV und Helikopter direkt auf die Skipiste

Zehntausende Schweizer demonstrieren für den Klimaschutz – und Air Zermatt und Hertz buhlen mit einem Luxus-Angebot um Touristen.

Air Zermatt fliegt von Raron Skigäste in 15 Minuten direkt auf die Piste.<p class='credit'>(Bild: Keystone)</p>

Air Zermatt fliegt von Raron Skigäste in 15 Minuten direkt auf die Piste.

(Bild: Keystone)

Stefan Häne@stefan_haene

Der «schnellste Skilift der Welt» befindet sich im Wallis. So sieht es zumindest die Air Zermatt, die ihre neue Geschäftsidee mit diesem Superlativ anpreist. Zusammen mit dem Autovermieter Hertz hat Air Zermatt ein «exklusives Paket» geschnürt, welches das «Beste aus der Mobilität in der Luft und auf der Strasse» vereint: Zuerst geht es mit einem dieselbetriebenen «Luxus-SUV» der Marke Volvo von einer beliebigen Schweizer Hertz-Station «bequem» nach Raron ins Wallis und von dort weiter per Helikopter direkt auf die Pisten rund ums Matterhorn.

Das «Abenteuer» kostet insgesamt 1665 Franken, maximal fünf Skitouristen können sich zusammentun, im günstigsten Fall macht das pro Kopf 333 Franken. Im Preis enthalten ist der Mietwagen für 24 Stunden, der Helikopterflug, ebenso ein Skiticket für den ganzen Tag sowie optional die Leihe einer Skiausrüstung. Für das letzte Wochenende war das Angebot erstmals gebucht worden, von einer fünfköpfigen Gruppe, wie Gerold Biner, CEO der Air Zermatt, bestätigt. Der Helikopter konnte indes nicht abheben – der garstigen Witterung wegen.

Ausweitung des Angebots denkbar

Von ganz anderer Art sind jene Widrigkeiten, mit denen die Promotoren auf politischer Ebene zu kämpfen haben. Ende Januar hat Mountain Wilderness den Verzicht auf dieses Geschäftsmodell gefordert. Das Angebot sei «geradezu symbolisch für die Ignoranz gegenüber den Umweltproblemen unserer Zeit», schreibt die Alpenschutzorganisation in einem Brief an die beiden Anbieter. «Während Zehntausende Menschen in der Schweiz und weltweit für den Klimaschutz auf die Strasse gehen, werben Sie für völlig überdimensionierte, umweltschädliche Mobilität als Freizeitvergnügen.»

Mit ihrer Forderung laufen die Alpenschützer jedoch ins Leere. «Es gibt wohl keinen besseren Weg, um die einzigartige Schönheit unserer Berge den Gästen von Zermatt näherzubringen», sagt Air-Zermatt-CEO Biner. Und macht klar: Das Angebot läuft, solange eine Nachfrage dafür besteht, eine Ausweitung ist denkbar. Schranken setze nur die limitierte Zahl der vom Bund bewilligten Gebirgslandeplätze, so Biner.

Tourismusexperten überrascht das neue Angebot nicht. Nebst der Grösse des Skigebiets und der Schneesicherheit sei die Erreichbarkeit für Gäste heute ein wichtiges Kriterium bei der Wahl der Destination, sagt Therese Lehmann, stellvertretende Leiterin der Forschungsstelle Tourismus an der Universität Bern. Zudem fahren laut Lehmann die Gäste weniger Ski und vor allem bei schönem Wetter, was zu mehr Tagesausflüglern führt als zu solchen, die eine ganze Woche in den Skiferien sind. «Auch diese gesellschaftlichen Trends sprechen für das ‹schnelle› Angebot und dafür, dass es eine gewisse Nachfrage gibt.»

Zumindest die Flugreise von Raron ist bei einem Teil der Skitouristen gefragt: Seit 2010 besteht diese Möglichkeit, genutzt wird sie vor allem in den Monaten Februar und März. Wie viele Buchungen seither erfolgt sind, kann Biner nicht sagen. Die Nachfrage sei aber «gefühlsmässig gleichbleibend».

Anreise um 75 Minuten kürzer

Mit dem Helikopterflug direkt ins Skigebiet verkürzt sich die Anreisezeit vom Walliser Haupttal nach Zermatt von 90 auf 15 Minuten. Gerade für Tagestouristen, deren Zahl seit der Eröffnung des Lötschberg-Basistunnels stark gestiegen ist, sieht Biner eine bedeutende Erleichterung. Die Reisenden kämen nach einer ein- bis zweistündigen Fahrt aus den Regionen von Bern, Basel und Zürich auf dem Bahnhof Visp an, danach hätten sie eine weitere, über einstündige Zug- und Busanfahrt ins eigentliche Skigebiet vor sich. Biner geht davon aus, dass das neue Angebot vor allem Gäste aus der Schweiz ansprechen wird.

Dass es mit Hertz zur Partnerschaft gekommen ist, verdankt Air Zermatt dem «sozialen Engagement» des Autovermieters. So jedenfalls begründet Hertz die Kooperation: Man halte viel von den Rettungseinsätzen der Air Zermatt, diese seien jedoch defizitär, mit dem Partnerangebot wolle man dem Helikopterunternehmen unter die Arme greifen. Was das finanziell heisst, lässt Hertz offen.

«Das riecht nach Schönrederei»

Ökologische Bedenken hegt Hertz offenbar nicht: Die 60 Liter Kerosin für den Flug, bei bestmöglicher Besetzung also 12 Liter pro Skigast, hält der Autovermieter für vertretbar. Auch stelle man «nur» einen Volvo und kein PS-stärkeres Auto zur Verfügung, ebenso weise man in der Werbung explizit auf die gewünschte Gruppengrösse von fünf Personen hin, um die Auslastung möglichst maximal zu halten.

Mountain Wilderness hält die zitierten Argumente für vorgeschoben. «Das riecht doch sehr nach nachträglicher Rechtfertigung und Schönrederei», sagt Maren Kern, Geschäftsleiterin von Mountain Wilderness. «Hertz und Air Zermatt helfen mit zu zerstören, wovon sie als Tourismusanbieter leben: die Gletscher und den Schnee.» Der 15-minütige Flug brauche gleich viel Treibstoff wie 1000 bis 1200 Autokilometer und bringe eine zusätzliche Lärmstörung von Raron bis ins Tal von Zermatt, rechnet Kern vor. «Das ist für uns nicht vertretbar.»

Auch Tourismusexpertin Lehmann sagt, es gebe aus ökologischer Sicht schlicht keine Pro-Argumente für das Angebot. «Und doch gilt auch zu sagen, dass alle Schweizer, die einen Langstreckenflug für Urlaub in die Ferne machen statt in den Bergen Ski fahren, einiges mehr an klimaschädlichen Gasen ausstossen.» Lehmann möchte das Angebot damit aber nicht rechtfertigen, wie sie betont. «Ganz konsequent ist nur, wer im Urlaub ‹langsam› unterwegs ist, denn Tourismus ist zu zirka 90 Prozent Mobilität, und Mobilität bedeutet Ausstoss.» Lehmann geht davon aus, dass die Geschäftsidee ein Nischenangebot bleiben und sich nicht bei weiteren Anbietern durchsetzen wird.

Demonstration im März

Die Alpenschützer ihrerseits hoffen, dass die Anbieter doch noch umdenken werden. Im März wird Mountain Wilderness an einem – derzeit noch geheim gehaltenen – Ort in den Alpen demonstrieren. Im Rahmen der diesjährigen «Stop Heliskiing»-Aktion werden die Alpenschützer bekräftigen, was sie seit Jahren fordern: eine Einschränkung der touristischen Gebirgsfliegerei.

Redaktion Tamedia

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