«Man muss den Wolf in flagranti erwischen»

Ob ein einziger Wolf oder ein ganzes Rudel, spiele keine Rolle, sagt David Gerke, Schafhirte und Präsident der Gruppe Wolf Schweiz – Schafe würden sowieso gerissen. Was er von der geplanten neuen Jagdverordnung hält.

In der Schweiz hat es gemäss David Gerke Platz für 200 bis 300 Wölfe: Ein Wolf, mutmasslich M35, aufgenommen beim Dorfeingang von Bellwald im Obergoms VS. (28. Mai 2013)

In der Schweiz hat es gemäss David Gerke Platz für 200 bis 300 Wölfe: Ein Wolf, mutmasslich M35, aufgenommen beim Dorfeingang von Bellwald im Obergoms VS. (28. Mai 2013)

(Bild: Keystone Marco Schmidt)

Tina Huber@tina__huber

David Gerke, mit der neuen Jagdverordnung des Bundes sollen Wölfe einfacher geschossen werden können, etwa wenn sie einem Dorf zu nahe kommen. Ist das sinnvoll?
Nein. Die geplanten Massnahmen sind unnütz und sogar kontraproduktiv. Vergleiche aus Ländern wie Spanien, Slowenien oder den USA zeigen: Die Schäden bei Schafen und anderen Nutztieren werden nicht kleiner, nur weil einzelne Tiere getötet werden.

Weniger Wölfe reissen auch weniger Schafe.
Eben nicht. Dieses Prinzip stimmt bei Pflanzenfressern wie Hirschen und Rehen. Aber beim Wolf und bei anderen Raubtieren sind die Schäden nicht dichteabhängig. Ein einzelner Wolf kann in einen Blutrausch kommen und gleich viele Schafe reissen wie ein ganzes Rudel. Für ungeschützte Tiere spielt es keine Rolle, ob ein Wolf oder fünf Wölfe da sind. Die Schäden sind dieselben.

Es geht nicht nur um die Schäden bei Nutztieren. Eine Gefahr besteht auch, wenn Wölfe zu nahe an Siedlungsgebiete kommen. Wird ein einzelner, vorwitziger Wolf geschossen, kann er andere Tiere weniger dazu anstiften, sich Dörfern zu nähern.
Das stimmt. In diesem Fall sind Abschüsse etwas anderes. Der Wolf ist ein schlaues Tier. Lernt er, dass er in Siedlungen ungefährdet Nahrung bekommt, ist das gefährlich. Die letzten Wölfe, die in Siedlungsnähe auftauchten, etwa im Wallis oder im Kanton St. Gallen, suchten allerdings nicht gezielt die Nähe des Menschen, sondern liefen einfach der Beute nach.

Einem Dorfbewohner, der einen Wolf vor seinem Haus antrifft, ist es egal, aus welchem Grund das Tier da ist.
Natürlich, und die Ängste der Dorfbewohner sind verständlich. Sie müssen besser informiert werden, damit sie verstehen, weshalb der Wolf sich in ihrer Nähe befindet.

Den Dorfbewohnern geht es wohl eher um ihre Sicherheit.
In der Schweiz sind heute keine Menschen durch den Wolf gefährdet. Es gibt drei Gründe, weshalb Wölfe Menschen angreifen: Tollwut, ein eklatanter Mangel an Wild sowie Futterkonditionierung in Siedlungsgebieten. Nur der letzte Punkt könnte bei uns kritisch werden und muss unbedingt verhindert werden.

Wie?
Mit Vorsichtsmassnahmen wie etwa: Katzenfutter und Speisereste nicht vor die Türe stellen und wildtiersicher verräumen. Falls das nichts nützt, sind Vergrämungen oder auch Abschüsse für uns kein Tabu. Aber erst, wenn die Wölfe tatsächlich in die Siedlungen kommen. Man muss sie in flagranti erwischen. Wie soll ein Wolf verstehen, dass er nicht ins Dorf gehen darf, wenn auf der Alp auf ihn geschossen wird?

Einen Wolf in einem Dorf zu erschiessen, kann gefährlich für die Bewohner sein.
Das ist durchaus machbar. In Olten wurde etwa Jagd auf Wildsauen gemacht, indem mit der Polizei zusammen ganze Siedlungen abgesperrt wurden. Oder im Puschlav wurden Bären in Dorfnähe vergrämt. Denn die Erfahrung zeigt: Werden die Tiere ausserhalb der Dörfer intensiv bejagt, entdecken sie das Siedlungsgebiet als jagdfreie Zone und ziehen sich vermehrt dorthin zurück.

Von Tierschutzorganisationen wird kritisiert, dass die geplante neue Jagdverordnung auch Jungwölfe ins Visier nimmt. Zu Recht?
Nein. Wenn man schon in ein Rudel eingreift, dann ist es das einzig Richtige, auf die Jungtiere abzuzielen. Wird hingegen ein erwachsenes Leittier getötet, kann das ganze Rudel auseinanderbrechen. Studien aus den USA und Spanien haben gezeigt, dass die Wölfe in diesem Fall noch mehr Nutztiere reissen, weil die Sozialstruktur kaputt gemacht wird.

Gemäss Schätzungen leben in der Schweiz 15 bis 20 Wölfe, dazu kommen einige Tiere auf der Durchreise. Werden die Jungtiere getötet, kann sich eine Schweizer Population gar nicht entwickeln.
Genau. Im Rahmen eines Kompromisses sind einzelne Abschüsse deshalb akzeptabel, aber eine Regulation des Wolfbestandes lehnen wir generell ab. In der Schweiz hat es Platz für 200 bis 300 Wölfe, also etwa 20 bis 30 Rudel.

langenthalertagblatt.ch/Newsnetz

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