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Kein Engadiner, kaum mehr Fasnacht

Acht Coronavirus-Fälle sind in der Schweiz bestätigt. Und der Bund stellt sich darauf ein, dass die Anzahl der Infizierten nun täglich ansteigt.

Ob die Basler Fasnacht stattfindet, wird am Freitag entschieden. Foto: Fabienne Andreoli
Ob die Basler Fasnacht stattfindet, wird am Freitag entschieden. Foto: Fabienne Andreoli

Engadiner Skimarathon: abgesagt. Die Genfer Uhrenmesse: ebenfalls. Im Tessin finden Hockeyspiele vor leeren Rängen statt, die Fasnacht in der Südschweiz ist ersatzlos gestrichen. Ob den «Drey scheenschte Dääg» in Basel dasselbe Schicksal blüht, wollen die verantwortlichen Gesundheitsbehörden am Freitag bekannt geben. Schien die Bedrohung durch das Coronavirus in der Schweiz eben noch abstrakt, wurde von Stunde zu Stunde spürbarer, welche Folgen der Kampf gegen die Ausbreitung des Virus für das gesellschaftliche Leben im Land haben könnte.

Insgesamt acht Personen sind in der Schweiz bislang positiv auf das Coronavirus getestet worden: Graubünden meldete zwei infizierte Kinder, die Kantone Zürich, Basel, Genf, Waadt, Aargau und Tessin je einen Fall. Dazu kommen zwei Verdachtsfälle in Basel. Die meisten Erkrankten dürften sich in Italien angesteckt haben.

Beunruhigung nahm am Donnerstag spürbar zu

«In den letzten Stunden ist die Beunruhigung in der Schweiz stark angestiegen», sagte Daniel Koch, Leiter Abteilung übertragbare Krankheiten des Bundesamts für Gesundheit (BAG), als er vor die Medien trat. Der Bund erwartet, dass die Anzahl der Infizierten in der Schweiz nun täglich ansteigen wird.

Alle Erkrankten wurden isoliert, ihre Kontaktpersonen in Quarantäne genommen. «Das jetzige System wird schnell an die Grenzen stossen», räumte Koch ein. Im Moment versuche man noch, alle Fälle zu entdecken. Sobald dies nicht mehr möglich sei, werde man sich auf die schweren Fälle fokussieren. Manche Kantone haben bereits Quarantäneplätze eingerichtet, andere noch nicht.

Derzeit gilt in der Schweiz trotz der jüngsten Vorkommnisse noch die tiefste von drei Warnstufen gemäss Epidemiengesetz, die sogenannte «normale Lage». Verschärft sich die Situation, wird die «besondere Lage» oder die «ausserordentliche Lage» ausgerufen. Entscheidend dafür sei eine Vielzahl von Faktoren und nicht die blosse Anzahl bestätigter Corona-Fälle, so Koch.

«So schützen wir uns»: Zuerst Gelb, dann Rot

Neben der Ausrufung der jeweiligen Stufe informiert der Bund auch die Bevölkerung: Unter dem Slogan «So schützen wir uns» ­erinnern Plakate und Flyer in gelber Signalfarbe die Menschen daran, sich regelmässig die Hände zu waschen, in ein Taschentuch oder die Armbeuge zu niesen sowie bei Fieber und Husten zu Hause zubleiben. Sollte sich die Lage verschärfen und die nächste Stufe von Massnahmen notwendig werden, wechselt die Farbe der Werbemittel von Gelb auf Rot.

Mit der Kampagne appelliere man an die Eigenverantwortung der Bürger, betonten die Ver­antwortlichen im BAG. Manche Unternehmen empfehlen ihren Mitarbeitern bereits, aufs Händeschütteln zu verzichten. Dass dies nicht alle Chefs tun, ist für Koch kein Problem: «Im Moment machen die Firmen ihre eigenen Einschätzungen.»

Für ihre zurückhaltende Kommunikation mussten die Verantwortlichen des Bundes in den vergangenen Tagen Kritik aus Fachkreisen einstecken. Nun äussern sich auch Parlamentarier skeptisch: Die Empfehlungen seien ja gut und recht, twitterte der Grüne Bastien Girod. «Dumm nur, wenn Hände-Desinfektionsmittel überall ausverkauft ist. Da hätte das Bundesamt für Gesundheit etwas vorausdenken sollen, statt immer nur zu sagen, es brauche keine Massnahmen.» Ins selbe Horn stösst FDP-Ständerat Damian Müller. «Es wird viel geredet, aber die Umsetzung der Massnahmen lässt zu wünschen übrig.» Die Qualität des Gesundheitsministers zeige sich in Krisensituationen, fügt der Luzerner hinzu: «Bundesrat Alain Berset wird nun an seinen konkreten Taten zugunsten der Schweizer Bevölkerung gemessen.»

Regelmässig die Hände waschen, in die Armbeuge niesen und bei Husten zu Hause bleiben.

Felix Gutzwiller, Zürcher Präventivmediziner und Alt-Ständerat der FDP, relativiert. «Es ist richtig, dass das Bundesamt für Gesundheit besonnen auftritt und keine Panik verbreitet.» Dass man die Kontaktpersonen der ­Infizierten sofort ausfindig ­gemacht und unter Quarantäne gestellt habe, zeige, dass die Schweiz sehr gut organisiert sei und adäquat auf positive Testergebnisse reagieren könne. «Flächendeckende Massnahmen, wie sie andere Länder ergreifen, sind dann eben gerade nicht ­nötig.»

Gutzwiller hätte sich jedoch gewünscht, dass die Massnahmen zwischen den Kantonen besser koordiniert werden. «Wenn im Tessin die Hockeyspiele wegen des Virus vor leeren Rängen ausgetragen werden, in Bern aber ganz normal stattfinden, dann verunsichert das die Bevölkerung.»

Derzeit liegt diese Entscheidung allein in der Hand der Kantone. Ob nach der Uhrenmesse auch der Autosalon abgesagt wird, entscheiden also die Genfer Behörden. Der Bund kann aber stufenweise die Führung übernehmen, wenn er im Epidemiengesetz die nächsthöheren Stufen ausruft. «Wir evaluieren die Situation mit den Kantonen täglich. Wir sprechen auch über die Fragestellung über Grossveranstaltungen», sagte BAG-Direktor Pascal Strupler dazu.

Im Bundeshaus liegen Masken bereit

Wenn am Montag die Frühlingssession in Bern beginnt, treffen Hunderte Politiker und Lobbyisten aus allen Landesteilen auf­einander. Bei dem Gedanken, drei Wochen lang dem Gewusel in der Wandelhalle ausgesetzt zu sein, ist es nicht allen Parlamentariern wohl.

«Ich mache mir schon gewisse Sorgen», liess sich SVP-Fraktionspräsident Thomas Aeschi im «Blick» zitieren. Und dachte laut darüber nach, «ob es angesichts der Umstände sinnvoll ist, dass sich 246 Parlamentarierinnen und Parlamentarier – darunter einige, die viel reisen – unter einem Dach treffen».

«Es wird viel geredet, aber die Umsetzung der Massnahmen lässt zu wünschen übrig.»

Damian Müller, FDP-Ständerat

Entspannter blickt Ruth ­Humbel (CVP), die Präsidentin der nationalrätlichen Gesundheitskommission, der Session entgegen: «Wenn jemand in der Lage sein sollte, eigenverantwortlich die Hygieneregeln des BAG zu befolgen, dann sind das wohl wir Parlamentarier.» Wer gerade aus einer betroffenen ­Region in Italien oder anderswo zurückgekehrt sei, sei angehalten, zu Hause zu bleiben. «Alle anderen sind gut bedient, wenn sie sich regelmässig die Hände waschen.»

Die Parlamentsdienste haben bereits entsprechende Vorkehrungen getroffen, wie sie auf Anfrage sagen. Seifen- und Desinfektionsmittelspender seien im Bundeshaus in genügender Zahl vorrätig, genauso wie eine Reser­ve an Hygienemasken, versichert Bereichsleiter Mark Stucki. Zudem wurde eigens eine Taskforce Coronavirus eingesetzt, welche die Situation aufmerksam verfolgt und – falls nötig – Massnahmen zum Schutz der Volksvertreter ergreift.

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