Analyse nach Gutachtern: Verwahrung schon vom Tisch?

Zwei Psychiater haben Thomas N. beurteilt und halten ihn beide für «behandelbar». Gerichtsreporter Thomas Hasler erklärt, was das für eine allfällige Verwahrung bedeutet.

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Ist Thomas N. dauerhaft untherapierbar? Schon der erste Gutachter Elmar Habermeyer hat diese Frage mit einem klaren Nein beantwortet: Thomas N. sei einer Therapie zugänglich. Es gehe dabei aber nicht um eine Heilung, sondern um den Umgang mit der Pädophilie. Er werde lebenslang pädophil sein. Auch der zweite Gutachter, Josef Sachs, sagt: Eine Therapie sei nicht unmöglich, brauche aber mindestens zehn Jahre. Dann würden sich erste Erfolge vermutlich abzeichnen. Thomas N. müsse an der Beziehungsfähigkeit, an den pädophilen Neigungen und an seinen Fantasiegedanken arbeiten.

Folgt das Gericht diesen Ausführungen, dann ist nicht nur die lebenslängliche Verwahrung vom Tisch, sondern auch die «normale». Warum? Ein Gericht ist zwar grundsätzlich frei in der Würdigung eines Gutachtens. Aber in Fachfragen darf es vom Gutachten «nicht ohne triftige Gründe» abweichen, wie das Bundesgericht immer wieder festgehalten hat. Schliesslich hat das Gericht Fachleute für bestimmte Fragen beigezogen, weil es selber in diesem Bereich nicht über das nötige Fachwissen verfügt.

Wie entsteht ein Gutachten?

Ein Gutachten hat in der Regel einen standardisierten Aufbau. Der Gutachter gibt zunächst an, was der Anlass für die Begutachtung ist, welche Fragen beantwortet werden müssen, welche Quellen und Unterlagen er verwendet.

Der Gutachter muss sich ein möglichst genaues und umfassendes Bild machen – zum einen über die Tat und die Umstände. Dafür stehen ihm die Akten der Untersuchungsbehörden sowie die Auskunft des mutmasslichen Täters zur Verfügung.

Zum andern nimmt der Gutachter dessen Lebensgeschichte auf – auch dies sehr umfassend: Schule, Beruf, Freizeit, Beziehungen, Sexualität, medizinische und psychiatrische Vorgeschichte. Dafür verlässt sich der Gutachter nicht nur auf die Angaben des Beschuldigten. Er kann alle Drittpersonen befragen, sofern er es für sinnvoll oder notwendig erachtet. Unter Umständen existieren dafür auch Krankengeschichten, Vorakten aus früheren Strafverfahren.

Körperliche und testpsychologische Untersuchungen

Sehr wichtig ist eine genaue Analyse des Delikts, weil die Handlungsabläufe und die Gedanken, die sich der Täter machte, entscheidende Hinweise im Hinblick auf die Diagnose liefern können.

Wie lange ein Psychiater mit einem Beschuldigten spricht, ist nicht voraussehbar, hängt von vielen Faktoren ab. Das können zwei Stunden sein, das kann – wie bei Thomas N. – auch über 13 Stunden dauern.

Neben Befragungen und der Analyse der zur Verfügung gestellten Akten wird der Beschuldigte in der Regel auch körperlich untersucht, ein psychischer Befund wird erhoben, testpsychologische Untersuchungen runden das Bild ab.

Gefährlichkeit ist kein medizinischer Begriff

Nachdem der Psychiater alle Fakten erhoben hat, stellt er seine Ergebnisse dar. Er äussert sich zur Persönlichkeit des Täters, stellt allenfalls eine psychiatrische Diagnose, erklärt die sogenannte Deliktdynamik beziehungsweise den Deliktmechanismus. Er gibt Auskunft über eine allfällige Verminderung der Schuldfähigkeit und gibt eine Prognose ab in Bezug auf die Rückfallgefahr, bezogen auf bestimmte Delikte: Wie gross ist die Gefahr? Welche Delikte wären betroffen?

Der Psychiater äussert sich nicht dazu, ob ein Täter gefährlich ist. Das ist kein psychiatrischer, sondern ein juristischer Begriff, den das Gericht benützen kann. Schliesslich gibt der Fachmann eine Empfehlungen, ob eine therapeutische Massnahme sinnvoll oder notwendig ist, ob überhaupt ein entsprechendes Therapieangebot besteht, oder ob die Voraussetzungen für eine Verwahrung gegeben sind.

«In Fachfragen darf das Gericht vom Gutachten 'nicht ohne triftige Gründe' abweichen»: Thomas Hasler.

Aus Rücksichtnahme auf die Opfer und ihre Angehörigen in diesem Fall hat sich die Redaktion dazu entschlossen, unter diesem Artikel keine Kommentare zuzulassen. Wir bitten um Ihr Verständnis. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 13.03.2018, 12:44 Uhr

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