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«In der Schweiz verpassen wenige Kinder ihre Kindheit»

Schweizer Kindern geht es gut. Das geht aus einem Bericht von Save the Children hervor. Allerdings: Viele Kinder werden noch immer von ihren Eltern geschlagen.

Noch immer erfahren in der Schweiz fast 40 Prozent der Kinder unter vier Jahren körperliche Gewalt als Erziehungsmassnahme.
Noch immer erfahren in der Schweiz fast 40 Prozent der Kinder unter vier Jahren körperliche Gewalt als Erziehungsmassnahme.
Keystone

Kindern in der ganzen Welt geht es besser – auch in der Schweiz. Dies geht aus einer Erhebung der internationalen Kinderrechtsorganisation Save the Children hervor. Dazu hat sie Daten von 176 Staaten miteinander verglichen. Das Resultat: Die Zahl der Kinder, die ihrer Kindheit beraubt werden, ist klar gesunken: Waren im Jahr 2000 noch 970 Millionen Kinder betroffen, sind es heute noch 690 Millionen.

Herr Emmenegger, im neusten Bericht von Save the Children schneidet die Schweiz gut ab. Mit Platz 15 aber auch schlechter als Länder wie Slowenien, Südkorea, Italien, Portugal oder Zypern. Weshalb?

Das hat uns auch überrascht. Aber man muss sehen: Wir haben die Daten von 176 Ländern miteinander verglichen. Wir haben sie nicht selbst erhoben, und um sie vergleichen zu können, mussten wir sie skalieren. Manche Unterschiede lassen sich möglicherweise damit erklären. Mit 975 Punkten hat die Schweiz aber sehr gut abgeschnitten, dieser Wert liegt nahe am Maximum.

Erstaunlich ist, dass die Sterblichkeitsrate bei uns höher ist als bei den Erstplatzierten. In der Schweiz sterben pro tausend Kindern unter fünf Jahren im Durchschnitt 4,2 Kinder, in Singapur oder Schweden nur 2,8.

Es ist richtig, dass die Schweiz eine leicht höhere Sterblichkeitsrate hat. Vergleicht man diese allerdings mit dem weltweiten Durchschnitt von 39,1 Prozent, relativiert sich dieser Wert.

In der Schweiz ist die Zahl jener Kinder relativ hoch, die nicht zur Schule gehen. Bei uns sind es sechs Kinder im Primar- und Sekundarschulalter, in Singapur und Schweden praktisch keine.

Im Vergleich zu anderen Industrieländern ist das ein relativ hoher Wert. Schulabbrüche sind sicher darin eingerechnet, möglicherweise spielt auch hinein, dass bei uns manche Eltern ihre Kinder selbst unterrichten. Da dies öffentlich zugängliche Daten sind, kann ich aber nicht sagen, wie sie genau zusammengesetzt sind.

In der Schweiz werden nur 3 von 1000 jungen Frauen zwischen 15 und 19 Jahren schwanger. Nur in den beiden Koreas sind es weniger.

Das ist ein sehr gutes und auch wichtiges Resultat – wenn ein Teenager ein Kind bekommt, bedeutet das, dass seine Kindheit frühzeitig endet. Dabei hat ein Kind das Recht, als Kind aufzuwachsen, zu spielen und behütet zu sein. Ich erkläre mir dieses gute Resultat damit, dass unsere Kinder gut ausgebildet und aufgeklärt werden. Zudem haben sie mit Schule und Berufslehre feste Tagesstrukturen, was das Risiko einer frühen Schwangerschaft ebenfalls senkt. Und was Nordkorea betrifft: Dieser Staat hat sehr viel in Gesundheit und Bildung investiert. Die Daten hat er allerdings selbst erhoben, wir berufen uns nur auf diese.

Weltweit geht es den Kindern heute besser als im Jahr 2000. Was ist der Grund dafür?

Ja, die Resultate sprechen für sich. Kinder auf der ganzen Welt haben heute bessere Chancen als je zuvor, sicher aufzuwachsen und ihr volles Potenzial entfalten zu können. Hier zeigt sich, dass sich Investitionen in Kinder auszahlen. Das Risiko, in den ersten fünf Lebensjahren zu sterben, ist nur noch halb so hoch wie im Jahr 2000.

Wo geht es den Kindern besser?

Klare Erfolge beobachten wir zum Beispiel in Bangladesh. Das Land hat viel in Bildung und Gesundheit investiert. Dadurch starben viel weniger Kinder unter fünf Jahren. In Äthiopien hat sich die Ernährungssituation dank eines Massnahmepakets verbessert, es gibt deutlich weniger Kinder, die an Wachstumsstörungen leiden.

Haben die Länder selbst dazu beigetragen oder ist dies das Verdienst von Hilfsorganisationen?

Beides. Hilfsorganisationen und NGOs wie Save the Children haben sehr viel in die Entwicklung von Kindern investiert. Wir selbst haben zum Beispiel ein Projekt in Albanien lanciert. Wir sorgen dafür, dass dort auch Kinder ethnischer Minderheiten, insbesondere der Roma, nicht von der Schule ausgeschlossen werden. Davon profitieren gerade auch Mädchen. Es ist aber wichtig, dass weiterhin in Kinder investiert wird und dass Themen wie Kinderarbeit, Kindersterblichkeit oder ein besserer Zugang zur Bildung ernst genommen werden.

Es gibt aber auch Staaten, in denen sich die Situation für Kinder verschlechtert hat.

Ja, das ist in 3 der 176 Länder der Fall. Dazu gehören Syrien und der Jemen; gerade in Konfliktgebieten sind Kinder überdurchschnittlich von der Situation betroffen. Man stelle sich vor: 420 Millionen Kinder leben in solchen Gebieten. Aus den Daten geht dies nicht immer so klar hervor, manche wurden erhoben, bevor der Konflikt ausgebrochen ist.

In Venezuela fällt auf, dass die Gewalt gegen Kinder sehr hoch ist.

Im Krisenstaat Venezuela sterben 24 von 100’000 Kindern unter 19 Jahren. Kolumbien zeigt, dass ein Staat etwas dagegen unternehmen kann. Er hat mehr Mittel in die Sicherheit und in Programme für gefährdete Jugendliche investiert und konnte so die Gewalt gegen Kinder vermindern.

Die Schweiz hat sich seit dem Jahr 2000 nochmals verbessern können. Was ist besser geworden.

Das können wir aus den aktuell vorliegenden Zahlen nicht im Detail herauslesen. Aber wir können sagen: Bei uns verpassen nur wenige Kinder ihre Kindheit. Ein Thema, das uns sehr am Herzen liegt, ist die gewaltfreie Erziehung. Noch immer erfahren hier fast 40 Prozent der Kinder unter vier Jahren körperliche Gewalt als Erziehungsmassnahme. Wir setzen uns dafür ein, dass das Recht auf eine gewaltfreie Erziehung im Gesetz verankert wird, und wir wollen Eltern für dieses Thema sensibilisieren.

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