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Ich will ins Fernsehen!

Heute startet die «Arena» auf SRF mit neuem Konzept – einmal mehr. In den Jahren war die Sendung mal konfrontativ, mal eher auf Konsens bedacht. Nur die Politiker sind gleich geblieben: Stets etwas beleidigt.

Die 1990er-Jahre im Schweizer Fernsehen. Christoph Blocher, Filippo Leutenegger, Peter Bodenmann.
Die 1990er-Jahre im Schweizer Fernsehen. Christoph Blocher, Filippo Leutenegger, Peter Bodenmann.
Martin Rüetschi, Keystone

Man wird ja mal seine Meinung ändern dürfen, nicht? Die Nationalräte Lorenz Hess und Hans Grunder von der BDP, immer noch eine Bundesratspartei, lieferten Ende März ein herausragendes Beispiel für die moralische Flexibilität unserer Politik. Hess und Grunder, beides Verfechter eines starken Service public (wer ist das nicht im Bundeshaus), ärgern sich über das neue «Arena»-Konzept, das heute Abend Premiere haben wird. Sie befürchten eine Bevorzugung der Pol-Parteien SVP und SP und weniger Raum für die kleinen Parteien, weniger Raum für sich. Und weil wir im Juni praktischerweise über die künftige Finanzierung der SRG abstimmen, haben Hess und Grunder nun auch einen Hebel, um die «Arena»-Macher abzustrafen: Sie haben bei der Abstimmung über das neue Radio- und Fernsehgesetz (RTVG) kurzerhand vom Ja- ins Nein-Lager gewechselt.

Der Ärger von Grunder und Hess ist nichts Neues, Politiker ärgern sich wöchentlich über die «Arena». Mal ist das Thema falsch gewählt, mal die Diskutanten (die eigentlich immer). Dieser latente Ärger kontrastiert mit der abnehmenden Bedeutung der Diskussionssendung in der Öffentlichkeit. Die Quoten sind geschrumpft, der Freitagabend ist kein Pflichttermin mehr für politisch interessierte Schweizer. Die Inhalte der Sendung bekommen diese höchstens noch via Twitter mit – wo sich jene Politiker, die nicht eingeladen wurden, herzlich über jene ärgern, die ihnen den wohlverdienten Platz im Leutschenbach weggenommen haben.

Kritik am Konzept und an den Eingeladenen

Nicht nur die Einladungspraxis ist seit der Ausstrahlung der ersten Sendung im Jahr 1993 (Thema damals: «Kinder im Verkehrs-Terror – Streit um Tempo 30») steter Anlass für Kritik – auch am Konzept wird immer wieder leidenschaftlich herumgemäkelt.

Die «Arena» begann als Duell von lauten Männern. Blocher vs. Bodenmann, Hämmerli vs. Giezendanner, Steinegger vs. Blocher (ja, immer er). Das war kurz nach der emotionalen Abstimmung über den EWR, vor dem beispiellosen Aufstieg der SVP, in einer Zeit, in der die politische Schweiz erste Erfahrungen mit polarisierenden und heftigen Diskussionen machte. Die «Arena» mit dem «Dompteur» Filippo Leutenegger (auch er ein lauter Mann) gab die Bühne dafür. Darum war die Sendung so erfolgreich: Sie bildete den Zeitgeist ab. Sie war der Zeitgeist! Links gegen Rechts, immer laut, immer emotional, mit Wirkung über das Fernsehen hinaus. Von dieser Zeit zehrt die «Arena» bis heute, sie wird im Rückblick wohl auch etwas verklärt.

Legendär

Doch denkwürdige Momente gab es durchaus. Als Bundesrat Adolf Ogi in einer Diskussion über die Alpeninitiative im Jahr 1994 die Contenance verlor und seinen Kontrahenten, immerhin ein Regierungsrat, beleidigte, war das wohl mitentscheidend für die Annahme der Initiative. Legendär auch der kalkulierte Nichtauftritt von SP-Präsident Peter Bodenmann, der 1995 eine Diskussion über das «Weissbuch» der Kapital-Elite des Landes nach wenigen Minuten wieder abbrach, weil die Gegenseite nur das B-Team geschickt hatte. Feixend und grinsend sah man Bodenmann danach im Gang des Fernsehstudios.

Gegen Ende der 90er-Jahre und mit dem Abgang von Filippo Leutenegger, dem heutigen Zürcher FDP-Stadtrat, veränderte die Sendung ihr Gesicht. Neuer Moderator war Patrick Rohr, die Sendung wurde konzilianter, konsensorientierter, langweiliger. Mehr Politiker, mehr Experten, weniger Unterhaltung. Mit Urs Leuthard (2003–2008) und Reto Brennwald (2008–2010) besann sich die Sendung zurück auf ihre Anfänge, mit Sonja Hasler und Urs Wiedmer (2010–2014) ging es wieder zurück zum Konsens. «Ich bin der Meinung, dass unsere politische Diskussionssendung die politische Realität dieses Landes besser abbilden könnte», sagte der neue Fernsehdirektor Rudolf Matter 2010. Sie müsse vor allem auch «differenzierte, lösungsorientierte Ansätze» zur Sprache bringen. Dafür nehme er, Matter, auch gewisse Einbussen bei den Einschaltquoten in Kauf. Weniger Knalleffekte, mehr Relevanz.

Mehr Relevanz, mehr Langeweile

Dem Image der Sendung hat die mattersche Devise nicht geholfen. Noch immer schnöden die Politiker über die Nichtberücksichtigung, gerne lassen sie sich jetzt aber auch über die Irrelevanz der Sendung aus. Das Interesse an Auftritten sei auch parteiintern gesunken, sagten Christoph Blocher und SP-Fraktionspräsident Andy Tschümperlin in einem Artikel von «20 Minuten» zum 20-Jahr-Jubiläum der Sendung vor zwei Jahren. Wen wunderts: Die «Arena» findet heute in einem anderem Umfeld statt. Vor 20 Jahren gab es kaum Ausweichmöglichkeiten, keine Regionalsender, kein Internet.

Highlights aus 20 Jahren «Arena»

Seit der Übernahme der Sendung durch den ehemaligen SRF-Brüssel-Korrespondenten Jonas Projer im Jahr 2014 scheint es mit der «Arena» wieder etwas aufwärtszugehen, sie hat sogar leicht an Quote zugelegt (ist aber immer noch meilenweit von den Spitzenergebnissen der 90er-Jahre entfernt). Projer ist auch Redaktionsleiter der «Arena» und hat massgeblich am neuen Konzept mitgearbeitet, das heute Abend um 22.20 Uhr präsentiert wird. Im Zentrum stehen zwei bis vier Politiker, die von zwei Experten ergänzt werden. Die zweite Reihe mit weiteren Diskussionsteilnehmern wurde abgeschafft (was mit ein Grund für den BDP-Ärger ist). In der ersten Sendung nach neuem Konzept streiten Soziologieprofessor Jean Ziegler, Adrian Amstutz (SVP), Jack Büchler (CVP) und Tiara Angelina Moser (GLP) über die Schweizer Neutralität.

Die meistgeschaute «Arena» aller Zeiten: Christoph Blocher trifft nach seiner Abwahl zum ersten Mal auf Eveline Widmer-Schlumpf.

Projer hat in verschiedenen Interviews vor der Sendung versprochen, die Parteien trotz neuem Konzept auch im Wahljahr möglichst ausgewogen einzuladen. Ihm liege viel an «Tiefgang» und «Fairness». Glauben werden ihm die Politiker – und das ist eine einfache Prognose – wohl eher nicht.

Ulrich Giezendanner verlässt die «Arena» unter Protest - fast.

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