«Die Reitschule ist kein guter Ort für 15-jährige Jugendliche»

Das Interesse an der Politik gehört bei der Berner Familie Loeb zur Tradition. Der Loeb-Chefin Nicole Loeb bereitet es Sorgen, dass für ihre Töchter der Besuch der Reitschule bald ein Thema werden dürfte.

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Rahel Guggisberg
Stefan Schnyder@schnyderlopez

Wenn man sich in Berner Wirtschaftskreisen umhört, wird schnell gesagt: Nicole Loeb ist in den letzten Jahren etwas abgetaucht. Ist das eine Strategie?Nicole Loeb: Das habe ich so noch nie gehört (lacht). Im Gegenteil: Ich habe im letzten Jahr so viele Vorträge wie noch nie gehalten.

Aber stimmt der Eindruck, dass Sie das Rampenlicht nicht unbedingt suchen? Die Frage ist, was Sie unter Rampenlicht verstehen. Geht es darum, dass ich im Warenhaus zu sehen bin oder ob ich an jedem Anlass dabei bin? In Bezug auf die Abendanlässe habe ich meine Strategie nicht verändert: Ich bin nur an denjenigen Anlässen dabei, die mich wirklich interessieren. Und an den übrigen Abenden bin ich bei meiner Familie.

Vielleicht hat die eingangs erwähnte Aussage auch damit zu tun, dass Sie im Warenhaus nicht an der Kasse aushelfen. So wie dies Ihr Vater getan hat. Ich habe mich bewusst entschieden, es etwas anders zu machen als mein Vater. Er war vor allem samstags an der Kasse anzutreffen. Für mich ist der Samstag oftmals ein Familientag. Und ich versuche, immer an zwei Abenden in der Woche um fünf Uhr zu Hause zu sein.

Nach dem Ja zur Masseneinwanderungsinitiative wurde bekannt, dass Sie den Verein Vorteil Schweiz unterstützen, der sich für eine Sicherung der bilateralen Verträge mit der EU einsetzt. Warum haben Sie sich hier engagiert? Ich finde es richtig, dass sich Unternehmer bei gewissen Themen, die namentlich die Sicherung unserer Rahmenbedingungen bezwecken, politisch engagieren. Beim Verein Vorteil Schweiz hat sich mein Engagement auch aus dem Moment heraus ergeben. Ich finde es sehr wichtig, dass die Masseneinwanderungsinitiative gut umgesetzt wird. Auch unsere Branche hat ein Interesse daran.

Sie sind bekannt für ihre liberalen Haltungen. Das Nein zur Durchsetzungsinitiative dürfte in Ihrem Sinne gewesen sein? Ich habe mich sehr über das Nein gefreut. Dies, weil ich gesehen ­habe, dass es möglich ist, etwas zu bewegen. Im Dezember sah es noch nach einem Ja aus. Doch in der Folge haben sich Unternehmer, Richter und weitere Kreise für eine Gegenkampagne zusammengeschlossen. Das hätte man bei der Abstimmung über die Masseneinwanderungsinitiative auch schon tun sollen.

Ihr Vater war politisch aktiv und sass für die FDP im Nationalrat. Ist es für Sie auch ein Thema, ein politisches Amt zu übernehmen? Die Übernahme eines politischen Amts ist für mich keine Option. Ich engagiere mich gerne bei gewissen Fragen. Aber ich führe ein Unternehmen, das sich in einer ganz spannenden, aber auch herausfordernden Umbruchphase befindet. Ich würde es zeitlich nicht schaffen, ein politisches Amt auszuüben. Mein Vater war in einer ganz anderen Zeit Nationalrat. Ich denke, diese zwei Aufgaben waren damals noch besser miteinander zu vereinbaren. ­Alles ist heute viel schneller geworden. Damals hatte man eine ­Woche Zeit, einen Brief zu beantworten. Heute hat man an einem Tag fünfzig E-Mails im Mailfach, die zu beantworten sind. Aber ich kann mich schon stark engagieren, wenn mich beispielsweise etwas ärgert.

Ärger ist ein gutes Stichwort: Viele Bernerinnen und Berner – darunter auch viele Unternehmer – haben sich über die jüngsten Ausschreitungen bei der Reitschule geärgert. Was ist Ihre Haltung zu diesem Thema? Ich finde es schwierig, wenn Konflikte derart in Gewalt ausarten. Auch die Medienkonferenz der Reitschüler war etwas eigenartig. Den Ursprungsgedanken, dass die Reitschule ein kultureller Treffpunkt sein soll, bei dem es etwas anders zu und her gehen soll, finde ich gut. Aber wenn es an diesem Ort zu Drogenproblemen und zu Gewalt kommt, dann habe ich damit schon sehr Mühe. Problematisch finde ich, dass sich auch sehr viele 14- oder 15-Jährige auf dem Vorplatz der Reitschule aufhalten, weil es für diese ­Altersgruppe in Bern keinen Begegnungsort in Bern gibt. Es wäre wichtig, dass die Stadt für diese Jugendlichen eine Alternative anbieten könnte. Doch das Gewaltproblem wäre damit noch nicht gelöst.

Ihre Töchter sind 15 und 13 Jahre alt und damit mittlerweile in einem Alter, in dem der Besuch der Reitschule zu den möglichen Freizeitaktivitäten gehört. Deshalb setze ich mit dieser Frage auseinander. Der Besuch der Reitschule wird tatsächlich nun langsam zu einem Thema. Deshalb bekomme ich diese Diskussion auch mit.

Will denn Ihre 15-jährige Tochter in die Reitschule gehen? Bis jetzt noch nicht. Aber das Thema wird kommen.

Machen Sie sich deswegenSorgen? Ich finde die Reitschule keinen guten Ort für Jugendliche. Auf dem Vorplatz riecht es nach Drogen. Ich finde es nicht gut, wenn 14- oder 15-Jährige damit konfrontiert werden. Und kommt es zu Gewaltausbrüchen, bekommen sie das auch mit. Ich finde es krass, wenn dabei elf Polizisten verletzt werden. Diesbezügich muss politisch etwas geschehen. Leider wird die Verantwortung hin und her geschoben. Ich habe aber auch kein ­Patentrezept, was genau zu tun ist.

Ihr Mann Lorenz Furrer ist Mitinhaber der PR-Agentur Furrer­Hugi. Er gilt als einer der einflussreichsten Lobbyisten im Bundeshaus. Dann ist die Politik eines der Themen am Tisch der Familie Furrer-Loeb? Die Politik ist natürlich bei uns ein grosses Thema. Wie bei jeder anderen Familie erzählen wir uns, was wir während des Tages gemacht haben. Das Interesse für politische Fragen war bei mir schon immer vorhanden. Es war mein Vater, der es geweckt hat. Und jetzt geben wir dieses Interesse für politische Fragen an unsere Kinder weiter. Aber wir sprechen natürlich auch über andere Themen wie beispielsweise das Wetter.

Ihr Mann steht mittlerweile bald mehr im Rampenlicht als Sie. Das ist gut so. Bei mir sollen die Leute vor allem einkaufen (lacht). Mein Mann steht allerdings auch nicht immer ganz freiwillig im Rampenlicht.Die Agentur Furrer Hugi ist sehr stark gewachsen. In Berner Wirtschaftskreisen wird gemunkelt, dass ein solches Wachstum nur dank der finanziellen Unterstützung durch Sie möglich war.

Das ist aber interessant. Was wird sonst noch über uns gesagt? (lacht) Mein Mann wurde insofern unterstützt, dass ich immer gearbeitet habe und über ein eigenes Einkommen verfügte. Mein Mann begann mit einer Sekretärin mit einer Halbtagesstelle. Sein Vorteil war, dass er sich beim Aufbau des Unternehmens nicht Sorgen darüber machen musste, dass er genügend Einkommen generiert, um die Familie zu ernähren. Er hat das Unternehmen mit eigenen Kräften gross gemacht und dies ohne grösseren finanziellen Beitrag von mir.

Das Internet gilt als die grosse Herausforderung im Detailhandel. Zalando ist derzeit der grösste Online-Modehändler. Haben Sie bereits bei Zalando bestellt? Ich noch nicht, aber meine ­Kinder.

Und die dürfen das? Ja, klar. Sie dürfen auch bei Globus einkaufen (lacht). Ich finde es etwas altmodisch, wenn man als Geschäftsinhaberin nicht bei der Konkurrenz einkauft. Ich kaufe auch bei anderen Anbietern ein. Es gibt beispielsweise zwei Onlineanbieter für hochwertige ­Mode wie Theresa.com und Net-a-porter.com. Auf diesen Plattformen habe ich auch schon ­Modeartikel bestellt. Denn ich will wissen, wie das genau funktioniert.

Und wie hat es funktioniert? Ich muss sagen, dass sie es wirklich sehr gut machen. Man erhält die Ware am nächsten Tag, und sie ist sehr schön verpackt.

Sie wollen das Internet als Chance nutzen. Trotzdem ist in der Branche eine gewisse Ratlosigkeit zu spüren. Niemand weiss, was die beste Strategie ist. Ich versuche es immer positiv zu formulieren: Wir befinden uns im Detailhandel in einer sehr spannenden Phase.

Aber spüren Sie auch gewisse Ängste? Loeb bietet rund 500 Arbeitsplätze. Dafür tragen wir eine Verantwortung. Und wir machen uns auch Sorgen. Kürzlich habe ich einen Trendforscher gefragt, wo der Detailhandel in den nächsten fünf Jahren stehen werde. Er hat mir geantwortet: Ich weiss es nicht. Auch ich weiss nicht, wo der Detailhandel in den nächsten fünf Jahren sein wird. Für uns gilt es nun, gewisse Dinge auszuprobieren. Das Schlimmste wäre, wenn wir nichts machen würden.

Sie setzen nun auf die neue Plattform Siroop von Coop. Das ist eine Art schweizerisches Amazon. Besteht da aber nicht die Gefahr, dass Coop Ihnen Steine in den Weg legen wird, sobald Sie zu erfolgreich werden? Nein, davor habe ich keine Angst. Es entspricht ja genau dem Konzept von Siroop, dass andere Anbieter auf der Plattform Erfolg haben. Und Loeb ist zu klein, um Coop wehzutun.

In Ihrem Internetshop setzen Sie auf den Bereich Küche. Wird man inskünftig auch Kleider auf Loeb.ch bestellen können? Der Verkauf von Kleidern bedingt ein anderes Business­modell. Schliesslich geht es um Logistik. Man muss die Kleider verpacken, verschicken und zurücknehmen. Doch das bedingt hohe Investitionen. Darauf wollen und können wir uns nicht einlassen. Denn das Risiko ist für uns zu gross.

Wie wollen Sie im Warenhaus auf die Konkurrenz aus dem Internet reagieren? Ich bin überzeugt, dass der Kunde offline gehen wird, wenn er eine Beratung wünscht. Deshalb ist es für uns wichtig, das Angebot des Warenhauses mit unserem Internetangebot zu verknüpfen. Wir investieren konstant in die Schulung der Mitarbeiter. Es ist die Komponente Mensch, mit der Loeb den Unterschied machen kann.

Die Echos, die ich aus meinem Bekanntenkreis bekomme, zeigen mir, das die Kunden gut beraten werden. In diesem Bereich will ich genau wissen, was noch nicht funktioniert: Jede Reklamation geht über meinen Schreibtisch. Ich nehme es sehr ernst, wenn etwas nicht klappt.

Sie sind bekannt dafür, dass ­Ihnen im Geschäft nichts entgeht. Der Detailhandel besteht aus vielen Details, und ich sehe in unserem Warenhaus alles; manchmal zum Leidwesen anderer.

Was denn? Ich sehe zum Beispiel, wenn am Lift ein Kleber abgekratzt ist. Dann schreibe ich eine E-Mail. Oder ich reagiere, wenn Verkäufer falsch angeschrieben sind oder wenn es vor dem Loeb schmutzig ist. In den Geschäften ist der Kassenbereich sehr wichtig. Herrscht dort Unordnung, dann deutet das auf ein Chaos im Laden hin. Die Kassiererin muss Ordnung haben. Das zu beobachten, ist eine Führungsaufgabe. Der Kassenbereich ist der sensibelste Bereich.

Die Warenhauskette Manor sucht seit Jahren eine grosse ­Fläche in Bern. Klopft Manor ­immer wieder bei Ihnen an? Sie haben nicht angeklopft. Ich schätze Manor-Chef Bertrand Jungo sehr. Seit dreissig Jahren gibt es in Bern das Gerücht, dass Manor Loeb übernehmen möchte. Es ist offensichtlich, dass unser Haus für Manor ideal wäre. Aber die Frage stellt sich für uns nicht.

Loeb bewirtschaftet im Hauptgeschäft neuerdings wieder mehr Fläche selber. Mittlerweile sind es 60 Prozent. Warum steigt dieser Anteil wieder? Ich habe das Unternehmen in einer Krise übernommen. Zusammen mit dem damaligen Verwaltungsratspräsident Peter Everts entwickelten wir die Strategie, bei der wir stark auf die Vermietung von Flächen an andere Detailhändler setzen wollten. Unser Ziel war 100 Prozent Vermietung. Doch dieses Ziel ist nun obsolet. Mittlerweile hat es sich gezeigt, dass wir durchaus in der Lage sind, einen grossen Teil der Fläche selbst zu bewirtschaften. Das funktioniert ganz gut. Vor zehn Jahren hätten wir uns das noch nicht zugetraut. Das aktuelle Verhältnis von 60 Prozent Eigenfläche und 40 Prozent Vermietung finde ich ideal.

Sie wurden in eine der bekanntesten Berner Familien hineingeboren. War das für Sie persönlich ein Vor- oder ein Nachteil? In der Teenagerphase hatte es für mich eher Nachteile. Man will ja in diesem Alter so sein wie alle anderen und in der Masse untertauchen. Das gelang mir mit dem Namen Loeb natürlich nicht. In der Schule wussten immer alle, dass ich Nicole Loeb vom Warenhaus bin. Und viele meinten, ich könne dort gratis einkaufen. Was natürlich nicht stimmte. Später bin ich mit dem Namen Loeb immer gut gefahren, und es war nie ein Problem.

Welchen Bezug haben Ihre zwei Töchter zu Loeb? Sie kaufen mittlerweile selber ein. Aber nicht immer bei Loeb. Sie finden das Warenhaus altersgemäss etwas uncool. Das grösste Kompliment kam kürzlich von meiner älteren Tochter. Sie sagte: Ich möchte es später gerne so ­machen wie du. Sie fände es gut, wie ich die Arbeit und die Kindererziehung kombiniert habe. Das zeigte mir: Ich habe wohl nicht ­alles falsch gemacht.

Kann sich denn eine der zwei Töchter auch vorstellen, Loeb später zu übernehmen? Sie sind noch zu jung, um das zu sagen. Im Moment dreht sich alles noch um die Schule. Eine Tochter will momentan Ärztin werden, das kann aber auch wieder ändern. Aber ja, Sie haben recht. Wenn man bald 50 Jahre alt ist wie ich, muss man sich erste Gedanken über eine Nachfolge machen. Ich lasse meinen Töchtern bei der ­Berufswahl alle Freiheiten. So wie ich sie gehabt habe.

Berner Zeitung

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