«Die Leute fühlen sich nicht sicher»

Das Parlament will den Schutz des Wolfes lockern. Während man im Wallis das Raubtier am liebsten verbannen würde, hat man um das Calanda-Massiv kein Problem mit ihm.

Für den Wolf wird es ungemütlich: Der Nationalrat will seinen Schutz schwächen. Foto: Alamy Stock Photo

Für den Wolf wird es ungemütlich: Der Nationalrat will seinen Schutz schwächen. Foto: Alamy Stock Photo

Janine Hosp

Die einen fanden, man sollte ihn sofort abschiessen können. Schon bevor er einen Schaden angerichtet hat und ohne dass man Schafe vor ihm speziell schützen müsste. Die anderen – Linke, Grüne und Grünliberale – wollten den Schutz des Wolfes nicht schwächen und die Vorlage gleich wieder an den Bundesrat zurückweisen. Der Wolf ist in der Schweiz ein geschütztes Tier und kann heute nur mit Erlaubnis geschossen werden – und nur, wenn er einen grossen Schaden angerichtet hat.

Einen ganzen Tag lang debattierte gestern der Nationalrat über die Revision des Jagdgesetzes und wie immer, wenn es um den Wolf geht, verlief die Debatte in gereiztem Ton. So genügte es, dass der Grüne Bastien Girod sagte, wenn man nur den Schaden betrachte, gehe die Freude am Tier vergessen. Aber kaum hatte er sein Votum beendet, stand SVP-Präsident Albert Rösti am Mikrofon. Er hatte die Debatte vom Büro aus verfolgt und war in den Nationalratssaal geeilt. Es sei die Arroganz des Städters, in diesem Zusammenhang von Freude zu sprechen, ärgerte er sich: «Haben Sie einmal einem Schafbauern in die Augen geschaut, nachdem er seine Herde zerfetzt, die Tiere mit abgerissenen Beinen gefunden hat?»

Der Wolf kommt ins Dorf

Die Debatte basierte allerdings auf sehr unterschiedlichen Wahrnehmungen. SVP-Nationalrat Franz Ruppen ist Gemeindepräsident von Naters und mit der Region eng verbunden. Wenn irgendwo ein Schaf gerissen oder der Wolf gesichtet wird, dann bekommt er sofort einen aufgebrachten Anruf. Erst vor einem Monat hat ihn ein Bauer aus Leuk-Susten angerufen, nachdem er in der Nacht einen Wolf mitten im Dorf sitzen sah. Personen sind im Wallis keine zu Schaden gekommen: «Aber die Leute fühlen sich nicht sicher, wenn der Wolf immer mehr die Scheu vor dem Menschen verliert und in die Dörfer kommt.»

«Wir in Graubünden haben ganze Wolfsrudel, die um die Häuser streichen», sagte SVP-Nationalrätin Magdalena Martullo-Blocher im Verlauf der Debatte – ohne allerdings den Ort einzugrenzen. In Graubünden leben zwei Wolfsrudel, beide am Calanda-Massiv. Im letzten Sommer haben sie zum siebten Mal Nachwuchs bekommen. In den umliegenden Gemeinden ist der Wolf aber noch nie gesehen worden, wie Gerda Wissmeier (FDP) sagt. Sie ist Gemeindepräsidentin von Haldenstein. Lediglich seine Spuren habe ein Bauer einmal gesehen – neben jenen eines Hirsches. «Es wird viel über den Wolf erzählt, aber wir haben hier keine Angst vor ihm.»

Seit 2011 leben am Calanda Wölfe und zu Beginn war die Bevölkerung besorgt. Die Leute befürchteten, dass der Wolf vom Kehricht angezogen wird, und die Jäger, dass er ihnen die Beute streitig macht. Beide Befürchtungen waren unbegründet, wie Gerda Wissmeier sagt. Ab und zu reisse der Wolf bei Tamins Schafe – aber nur solche, die nicht von einem Herdenschutzhund bewacht werden. So sind die grössten Probleme, die auf den Wolf zurückzuführen sind, die Schutzhunde. Manche bellten in der Nacht beim geringsten Geräusch – und am Morgen hat die Gemeindepräsidentin wieder einen verärgerten Anwohner am Telefon.

Im Wallis sieht man das nicht ganz so entspannt. Möglicherweise verursache der Wolf hier mehr Schäden und es komme zu mehr Zwischenfällen, mutmasst Franz Ruppen. Viele Bauern im Wallis könnten ihre Schafe auch nicht von einem Schutzhund bewachen lassen. Wandernde Familien fühlen sich von ihnen bedroht und es ist auch schon jemand gebissen worden. Deshalb vertrat Ruppen gestern im Nationalrat die Meinung: Wölfe sollen abgeschossen werden können, auch wenn ein Bauer keinen Schutzhund hat und auch wenn der Wolf keinen grösseren Schaden verursacht hat.

Referendum angedroht

Und so entschied schliesslich auch eine Mitte-rechts-Mehrheit. Sie will, dass neben dem Wolf auch der Biber «reguliert» wird, der Ständerat hatte letztes Jahr zudem den Schutz des Luchses zur Disposition gestellt. Vergeblich warnte Stefan Müller-Altermatt (CVP), nicht zu überborden und dem gemässigteren Vorschlag des Bundesrats zu folgen – greift der Ständerat nicht mehr korrigierend ein, wird am Ende nicht das Parlament, sondern das Volk das letzte Wort haben; bereits drohen Tierschutzverbände und Parteien mit einem Referendum gegen dieses «Abschussgesetz».

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