Die Lektion der Kinder

Nie hinterfragen Menschen den Sinn des Lebens schärfer als im Teenageralter, findet Milo Rau.

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Momentan probe ich ein Stück mit dem Titel «Familie». Auf die Idee dazu bin ich völlig zufällig gekommen. In einem Pausengespräch vor etwas mehr als einem Jahr erzählte mir eine Schauspielerin, ihr Mann sei auch Schauspieler, zusammen hätten sie zwei Töchter. Spontan fragte ich sie, ob sie auf der Bühne stehen wollten – alle vier, als Familie. Die Schauspielerin fragte ihre ­Familie, und nach einigem Überlegen sagten sie Ja.

Natürlich interessiert mich die Konstellation, weil meine Frau und ich ebenfalls zwei Töchter haben. Das Milieu ist vergleichbar: kleinbürgerlich, mitteleuropäisch, künstlerisch. Nur sind die Kinder der Schauspieler-Familie schon etwas älter, bereits junge Teenager. Die Proben sind für mich wie ein Blick ins eigene Leben und zugleich ein Ausblick auf das, was in ein paar Jahren kommen wird: die Teenager-Zeit und damit die ersten wirklich entschiedenen Absetzbewegungen von der Welt der Eltern.

Warum freiwillig sterben?

In vielem erkenne ich mich selbst. Da wäre zum Beispiel der Hang zu langen Monologen und die damit verbundene Idee, jede zufällig erlebte Banalität halte eine moralische Lektion für die Kinder bereit. Dabei denkt und lebt wohl niemand schärfer und radikaler als ein Teenager. Wie klar in diesem Alter die Widersprüche des Menschenschicksals, die Zwillingsgestalt von Moral und Amoral hervortreten, wie unendlich klug gerade dieser Zustand ist, der alles und nichts will, so vieles ausprobiert und alles anzweifelt, vor allem sich selbst! Dagegen sehen die Gewissheiten von uns Erwachsenen nur noch schal aus: eine rhetorische Masche, mit der man sich den Zustand, in den man sich hineingelebt hat, irgendwie erklärt.

Da die Familie einen mysteriösen Mordfall auf der Bühne nachspielt – 2007 erhängte sich eine vierköpfige Familie in Calais, ohne dass je herausgefunden wurde, warum –, gelten viele unserer Probentage der Frage nach dem Suizid. Warum sollte man freiwillig aus dem Leben treten? Oder anders gefragt: Warum eigentlich lebt man immer weiter? Die Antworten der Eltern sind absehbar, eben das, was ich selbst auch gesagt hätte. Die beiden Kinder dagegen befragen den Sinn des Lebens, als wären sie die ersten und letzten Menschen – zwei von bald acht Milliarden.

Gestern googelte das Ältere der Mädchen – eine grandiose Schneiderin mit düsteren Neigungen – für uns die Weltbevölkerungsuhr. «Die Uhr schaue ich mir an, wenn ich nicht schlafen kann», sagte sie. Es ist zugleich entspannend und deprimierend, den Tod und die Geburt als ein Zucken von ein paar Pixeln im Halbsekundentakt vorgeführt zu bekommen. Das Einzige, was uns rettet, dachte ich da, ist die Liebe. Die Liebe macht uns einzigartig. Eine banale Weisheit, klar, die man zuletzt von seinen Eltern vorgesetzt bekommen will. Aber meine Töchter lesen meine Kolumne ja sowieso nicht.



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