Zum Hauptinhalt springen

Die Gewerkschafter haben die Kröten geschluckt

Für den Schweizerischen Gewerkschaftsbund ist die Altersvorsorge ein Kernanliegen. Entsprechend leidenschaftlich haben die Delegierten an der gestrigen Versammlung über die Rentenreform diskutiert.

Gewerkschafterinnen kritisierten an der gestrigen Delegiertenversammlung in Bern die Rentenreform.
Gewerkschafterinnen kritisierten an der gestrigen Delegiertenversammlung in Bern die Rentenreform.
Keystone

Es wird fast fünf vor zwölf, bis alle Kröten geschluckt sind. Kurz vor Mittag fassen die Delegierten des Schweizerischen Gewerkschaftsbundes (SGB) ihre Parole zur Rentenreform. In der vorangehenden Diskussion tat sich ein Graben zwischen Romandie und Deutschschweiz auf. Rednerinnen und Redner in französischer Sprache warben für ein Nein und plädierten so kraftvoll für Widerstand und Werte, dass man um die Standfestigkeit des Rednerpults fürchten musste. Deutschsprachige hingegen appellierten an Vernunft und Verhältnismässigkeit und setzten sich für ein Ja zur Reform ein.

Stimmt das Volk am 24. September der Rentenreform zu, erhöht sich das Rentenalter für Frauen auf 65. Immer wieder sprachen die Delegierten von dieser Kröte, die sie zu schlucken bereit waren – oder eben nicht. Die Frauenkommission des SGB ist uneinig über deren Geniessbarkeit und beschloss Stimmfreigabe.

Für die Gegner war gestern klar: Diese Reform bedeute nicht etwa Gleichberechtigung, sondern das Aufgeben der Anliegen der Frauen. Man habe bisher keine Arbeitnehmerin sagen hören: Super, jetzt darf ich ein Jahr länger an der Kasse sitzen. Um ihren Widerstand zu untermalen, hielten Gegnerinnen Plakate über ihre Köpfe und rollten ein Transparent auf mit der Forderung, man müsse die Rente erhöhen, nicht das Rentenalter. Ein Redner erklärte, die Alterserhöhung sei eine Niederlage, und eine Niederlage stecke er wenn schon lieber kämpfend ein.

Doch es gab auch die andern: Rednerinnen, die betonten, dass die Reform für die Frauen eben auch Fortschritte enthält. Sie zählten die Erhöhung der AHV, die Senkung des Koordinationsabzugs und Verbesserungen bei der Teilpensionierung auf. Betrachte man das Gesamtpaket, so gehörten Frauen nicht zu den Verliererinnen.

Insgesamt enthalte die Reform wichtige Fortschritte, argumentierten die Befürworter. Sie verlagere das Gewicht weg von der Pensionskasse hin zu einer stärkeren AHV. «Das wollten wir. Dafür kämpften wir. Jetzt ist es da», hiess es gestern. Die Reform habe sich im Laufe ihrer Entwicklung von einer Abbau- zu einer Ausbauvorlage gewandelt. Mehr als das nun vorliegende Resultat sei politisch nicht erreichbar.

Von politischen Strategien wollten die Gegner jedoch nichts wissen. Man sei kein Parlament, sondern eine Gewerkschaft, man verteidige Werte, nicht Strategien. Andernfalls stelle sich die Frage, ob man überhaupt noch unabhängig sei. Die Vorlage enthalte weitere Kröten wie die Senkung des Umwandlungssatzes. Einen Antrag auf geheime Abstimmung lehnten die Delegierten ab. Mit 98 zu 21 Stimmen bei 1 Enthaltung fassten sie schliesslich deutlich die Ja-Parole. Präsident Paul Rechsteiner konnte aufatmen.

Der SP-Ständerat (SG) hatte im Parlament eine wichtige Rolle gespielt, als es galt, die Reform gegen den Widerstand von rechts durchzubringen. Gestern nun konnte er sie auch gegen den Vorwurf verteidigen, sie sei nicht sozial genug. Bereits heute steht das Thema wieder auf dem Programm einer Versammlung in Bern: Die SP-Frauen legen ihre Position fest.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch