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Sie war die erste Kommunistin im Nationalrat

Nelly Wicky war eine der ersten zwölf Frauen im Bundesparlament. Jetzt ist sie im Alter von 96 Jahren verstorben. Ein Nachruf.

Markus Häfliger
Nelly Wicky, geborene Rosset, vertrat die PDA des Kantons Genf von 1971 bis 1975 im Nationalrat. Foto:  Olivier Vogelsang
Nelly Wicky, geborene Rosset, vertrat die PDA des Kantons Genf von 1971 bis 1975 im Nationalrat. Foto: Olivier Vogelsang

Am Pult 21 im Nationalratssaal ist für alle Zeiten ihr Namen eingraviert. Eine Ehre, die normalen Parlamentsmitgliedern nicht widerfährt. An diesem Pult hat Nelly Wicky Geschichte geschrieben. Sie war eine der ersten zwölf Frauen, die am 31. Oktober 1971 in das eidgenössische Parlament gewählt wurden.

Doch selbst in diesem exklusiven Club war Nelly Wicky eine Aussenseiterin. Die anderen elf Pionierinnen gehörten etablierten Bundesratsparteien an: vier der FDP, vier der SP und drei der CVP. Wicky hingegen war Vertreterin der Partei der Arbeit (PDA). Sie war damit im Nationalrat nicht nur eine der allerersten Frauen und die erste Genferin der Geschichte – sondern obendrauf die erste Kommunistin. Jetzt ist sie im Alter von 96 Jahren «friedlich eingeschlafen», wie ihre Familie in einer schlichten Todesanzeige in der «Tribune de Genève» mitteilt – ohne die historische Rolle der Verstorbenen zu erwähnen.

Ein Gruppenbild der ersten zwölf Frauen, die 1972 ins Parlament gewählt wurden: Elisabeth Blunschy, Hedi Lang, Hanny Thalmann, Helen Meyer, Lilian Uchtenhagen, Josi Meyer, Hanna Sahlfeld (stehend, von links), Tilo Frey, Gabrielle Nanchen, Liselotte Spreng, Martha Ribi und Nelly Wicky (sitzend, von rechts). Foto: Keystone
Ein Gruppenbild der ersten zwölf Frauen, die 1972 ins Parlament gewählt wurden: Elisabeth Blunschy, Hedi Lang, Hanny Thalmann, Helen Meyer, Lilian Uchtenhagen, Josi Meyer, Hanna Sahlfeld (stehend, von links), Tilo Frey, Gabrielle Nanchen, Liselotte Spreng, Martha Ribi und Nelly Wicky (sitzend, von rechts). Foto: Keystone

Nach Wickys Tod leben von den ersten zwölf eidgenössischen Parlamentarierinnen nur noch zwei: Gabrielle Nanchen (VS) und Hanna Sahlfeld-Singer (SG). Die beiden SP-Politikerinnen sind heute 76 Jahre alt und damit deutlich jünger als Wicky. Keine ihrer neun bereits verstorbenen Kolleginnen von 1971 wurde auch nur annähernd so alt wie sie.

Wickys Name und die der anderen elf Pionierinnen wurden erst vor knapp einem Jahr im Parlamentsgebäude eingraviert. Die kleinen Metalltäfelchen erinnern daran, wie lange es dauerte, bis die Frauen in der Schweiz politischen Rechte erhielten. Die Schweizer Männer gestanden ihren Frauen erst am 7. Februar 1971 das Stimm- und Wahlrecht auf Bundesebene zu.

Knapp neun Monate nach diesem Volksentscheid wurden Wicky und ihre Mitstreiterinnen in der ersten Frauenwahl gewählt, elf in den Nationalrat, eine in den Ständerat. Die Zeitungen schrieben damals noch von«Frau Nationalrat» oder «Frau Ständerat».

«Moskau einfach»

Nationalrätin Wicky, die Vertreterin der Partei der Arbeit, stammte selber aus dem Arbeitermilieu. 1923 wurde sie als Tochter eines SBB-Angestellten in Genf geboren und heiratete später Robert Wicky, einen Kabelmonteur bei der damaligen PTT. Dieser trat aus der SP aus, um die PDA mitzugründen. In der damaligen Zeit setzte ihn das dem Verdacht aus, ein Landesverräter zu sein. Als Konsequenz wurde Wicky von seiner Arbeitgeberin, der bundeseigenen PTT, jahrelang ins Provisorium versetzt, sein Beamtenstatus wurde ihm entzogen.

Nelly Wicky, die die politischen Überzeugungen ihres Mannes teilte, hatte etwas weniger Probleme mit ihrem Arbeitgeber, dem Kanton Genf. Jahrzehntelang unterrichtete sie als Primarlehrerin in Genfer Arbeitervierteln und Vorortsgemeinden. Sie war in zahlreichen linken Organisationen engagiert und sass während fast 30 Jahren im Genfer Stadtparlament. Als sie dann jedoch in den Nationalrat gewählt wurde, bekam auch sie von irgendwelchen Deutschschweizer Bürgern die briefliche Aufforderung, sie solle doch ein Ticket «Moskau einfach» lösen.

Eine Extremistin sei sie jedoch nicht, befand der heutige Ringier-Kolumnist Frank A. Meyer, als er Nelly Wicky kurz nach ihrer Wahl in ihrer Genfer 3-Zimmer-Wohnung «mit Pfister-Möbeln der mittleren Preisklasse» besuchte. «Bis aufs Parteibüchlein fällt Frau Wicky nicht aus der Reihe helvetischer Normalverbraucher. Nicht einmal die Bibliothek gibt subversiven Intellektualismus her. Zwar sind die klassischen Linken vertreten, doch nur so weit, als sie über die Büchergilde bezogen werden können», schrieb Meyer damals in seinem Porträt für die Basler «National-Zeitung».

Nach vier Jahren abgewählt

Trotzdem kämpfte Nelly ein Leben lang für eine andere Gesellschaft. Sie setzte sich politisch etwa ein für das Recht auf Abtreibung, gegen die Kriminalisierung der Militärdienstverweigerer oder für eine Mutterschaftsversicherung – damals noch mit sehr wenig Erfolg, wie Frank A. Meyer vor fast 50 Jahren in seinem Porträt konstatierte: «Nelly Wicky pflegt ihre Standpunkte darzulegen, ohne unter der Erfolglosigkeit dieser Politik zu leiden.»

Im Bundeshaus konnte sie ihre Standpunkte nur für kurze Zeit darlegen: Nach nur einer Legislatur wurde sie 1975 nicht wiedergewählt. In Stadt und Kanton Genf blieb sie aber noch bis ins Alter politisch aktiv, bis 1991 im Stadtparlament, noch viel länger in ausserparlamentarischen Kommissionen und Vereinigungen.

Die Website Fembio.org überliefert von Nelly Wicky folgenden Ratschlag an junge Frauen: «Einspringen, sich in Kampfgruppen organisieren, weiterkämpfen und das Erreichte bewahren!»

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