Geschichte einer Familie wird zum wegweisenden Fall

Die Mutter ist tot, doch zum Vater will das Mädchen nicht. Durfte die Kesb ihm die Elternrechte entziehen? Nun hat das Bundesgericht entschieden.

Die Tochter will den Vater nicht verletzen, aber noch weniger will sie den vertrauten Ort verlassen. Foto: Plainpicture

Die Tochter will den Vater nicht verletzen, aber noch weniger will sie den vertrauten Ort verlassen. Foto: Plainpicture

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Wie würden Sie entscheiden, als Behörde? Da ist eine Jugendliche, 16-jährig, die hat ihre Mutter verloren und möchte weiterhin dort wohnen, wo sie die letzten Jahre gelebt hat. Da ist der Vater, der von der Mutter getrennt war, und die Tochter zu sich nehmen will. Die Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde (Kesb) hat verfügt, dass das Mädchen bleiben kann, wo es ist. Der Vater zog ­dagegen bis vor Bundesgericht. Dieses hat nun ein Urteil gefällt.

Man kann die Geschichte der Familie Amrein* auf zwei Arten erzählen. Man kann schildern, wie es den beiden Schwestern geht, deren Eltern sich getrennt haben, deren Mutter wenig später starb. Die zu ihrem Vater ein schwieriges Verhältnis haben. Geprägt von einer leidvollen Familiengeschichte, von Streit und Schmerz.

Oder man kann die Geschichte aus der Perspektive des Vaters erzählen, der eine Familie gegründet hatte und bei der Scheidung, 21 Jahre später, seine Kinder so gut wie verlor. Zumindest die ältere Tochter, die damals den Kontakt zu ihm abgebrochen hat. Und der nun, nachdem seine Ex-Frau gestorben ist, endlich Vater sein will. Der zeigen will, dass er ein guter Vater wäre, wenn man ihn liesse.

Verworrene Situation

Die Geschichte der Familie Amrein beschäftigt die Solothurner Behörden und Gerichte seit längerem. Es haben sich ordnerweise Prozessakten angesammelt. Und nun wird der Fall wegweisend sein in einer Debatte, die ebenfalls seit Jahren schwelt: Wann soll die Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde eingreifen, und wie gross soll ihr Spielraum sein? Nur wenn es nicht anders geht, sagen Ver­treter der Kesb, greife man auf externes Personal zurück. Ansonsten würden Familienmitglieder als Beistände eingesetzt.

«Wir hatten es gut, bis die Kesb sich eingeschaltet hat.»Silvio Amrein, Vater

Doch die Geschichte dieser Familie zeigt, dass die Kesb mitunter auch dann familienexternes Personal einsetzt, wenn Eltern willens und fähig wären, für die Kinder zu sorgen. Die Geschichte zeigt aber auch, und vor allem das, wie schwierig es ist, in so einer verworrenen Situation überhaupt noch richtig zu entscheiden. Sie zeigt, wie richtig und falsch ineinanderfliessen. Wie sich am Ende, unabhängig vom Entscheid, das Leid der ­vergangenen Jahre einfach fortsetzen wird. Auf die eine oder ­andere Weise.

Martina Amrein hatte einen Sohn mit in die Ehe gebracht, ­Silvio Amrein wurde der Pflegevater. Sie bekamen zwei gemeinsame Töchter. Zwischen Vater und Pflegesohn war es manchmal schwierig. Gerade in der Teenagerphase, als der Heranwachsende mit unerlaubten Substanzen experimentierte. Da eskalierte die Situation zu Hause bisweilen, es kam auch zu Handgreiflichkeiten. Er habe zum Rechten schauen müssen, sagt Silvio Amrein. Irgendjemand müsse zum Rechten schauen. Zu Hause Hanf anbauen, das geht doch nicht.

Als Silvio und Martina Amrein sich trennten, wurde um die Töchter gestritten, um Obhut und Besuchszeiten. Es wurde so fest gestritten, dass der Richter einen Erziehungsbeistand einsetzte. Die ältere Tochter wandte sich in dieser Zeit vom Vater ab. Die jüngere besuchte ihn an Wochenenden und in den Ferien.

Ein guter Vater sein

Doch dann starb die Mutter an Krebs, zwei Jahre nach der Scheidung. Er habe erst kurz vor ihrem Tod von der Krankheit erfahren, sagt Silvio Amrein. Er ist erschüttert, dass sie ihn nicht früher informiert hat. Denn für ihn war klar: Jetzt, wo die Mutter nicht mehr lebt, muss er zu den Kindern schauen. Er will. Er will zeigen, dass er ein guter Vater ist. Er möchte, dass die jüngere Tochter, die immer zu ihm gestanden ist, zu ihm zieht. Er hat eine grosse Wohnung und macht Platz für sie. Er hat auch ein Haus, das er renovieren will, dort hat es noch mehr Platz. Es war früher das Wohnhaus der ganzen Familie.

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Das Problem ist nur: Die Tochter will nicht. Sie will bleiben, wo sie ist. In der Wohnung, in der sie während der letzten Jahre mit Mutter, Schwester und dem neuen Freund der Mutter gelebt hat. Die Schwester ist jetzt wichtiger denn je, nachdem die Mutter gestorben ist, und die Grosseltern wohnen nebenan. Der Freund der Mutter ist bereit, mit den Töchtern seiner verstorbenen Partnerin weiterhin zusammenzuwohnen, in einer Art WG, mittlerweile ist er offiziell Pflege­vater. Für Kost und Logis kommt er auf, Rechnungen für Zahnspange, Nachhilfe, Musikunterricht schickt er dem Vater.

Die Töchter wollen so leben, auch die jüngere, die noch minderjährig ist und über ihren Wohnort nicht selber entscheiden kann. Sie will den Vater nicht verletzen, sie will nicht, dass er wütend ist. Aber noch weniger will sie den vertrauten Ort verlassen. Gerade jetzt nicht.

Keine mildere Massnahme?

Was also tun? Die Kesb hat nach Anhörung aller Beteiligten entschieden, dass die jüngere ­Tochter bleibt, wo sie ist; dass der Partner der verstorbenen Mutter Pflegevater wird, dass eine Beiständin sich um Administration und Finanzen betreffend die minderjährige Tochter kümmert und dass dem Vater das Aufenthaltsbestimmungsrecht entzogen wird. Die Beiständin unterschreibt das Schulzeugnis und den Lehrvertrag. Der Vater kann es fast nicht glauben. Das wäre doch seine Aufgabe.


Überforderte Beistände 72 Kesb-Fälle begleitet ein Berufsbeistand im Durchschnitt. Immer mehr stossen an ihre Grenze.


Es ist eine der härtesten Massnahmen, die das Zivilgesetzbuch in Sachen Kindesschutz vorsieht. «Nur wenn eine Kindeswohl­gefährdung mit milderen Massnahmen nicht abgewendet werden kann», heisst es dort, dürfe die Kesb den Eltern das Aufenthaltsbestimmungsrecht entziehen. Doch wäre die Jugendliche wirklich gefährdet gewesen, wenn sie zum Vater hätte ziehen müssen, der in einigen Velominuten Distanz wohnt? Am Anfang des Rechtsstreits, wenige Wochen nach dem Tod der Mutter, war Silvio Amrein einverstanden mit einer Lösung, bei der seine Tochter in ihrem vertrauten Umfeld bleibt. Er begehrte aber Mitspracherecht im Alltag der Tochter und Zugang zur Wohnung. Ein Versuch scheiterte, es kam sofort zu Streit. Die Kesb verfügte.

Wenn ein Elternteil stirbt, dann gehen die Elternrechte – bei getrennt lebenden Eltern – üblicherweise an den überlebenden Elternteil. Warum hat die Kesb überhaupt eingegriffen? Die Behörde selber beantwortet keine Fragen zum Fall. Um die Persönlichkeitsrechte der betroffenen Personen zu schützen, wie das zuständige kantonale Amt schreibt. Unbeantwortet bleiben auch folgende Fragen: Warum hat die Kesb gegenüber Silvio Amrein den Entscheid nicht mündlich eröffnet? Warum hat sie ihm das Gespräch verweigert, als er darum bat?

Die Tochter ruft nicht zurück

Seit Monaten haben Silvio Amrein und seine Tochter keinen Kontakt mehr. Früher hat sie ihm liebevolle Textnachrichten geschickt. Heute ruft sie nicht mehr zurück. Sie hat Angst, dass er sie nur ausschimpft. Dass er wütend ist, Druck macht.

Silvio Amrein sagt: «Wir ­hatten es gut, bis die Kesb sich eingeschaltet hat. Es wäre doch Aufgabe der Behörde, zu schlichten.» Er macht sich Sorgen um seine Tochter. Er vermisst sie, und er will zum Rechten schauen. Die jüngere Tochter von ­Silvio Amrein ist eine sympathische, wohlerzogene Jugendliche mit besten Charaktereigenschaften. Das liest man aus den Akten, und das sagen Leute, die sie kennen. Das sieht auch der Vater. Doch wo sie jetzt lebt, da gebe es zu wenig Regeln und zu viel Laisser-faire, sagt er. Sie soll ordentlich und pünktlich sein.

Das Bundesgericht wies seine Beschwerde am Dienstag aber ab. Die Tochter kann damit bleiben, wo sie ist – bei der Schwester und beim Pflegevater.

*Namen der Redaktion bekannt

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 10.07.2018, 06:56 Uhr

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Ende Mai 2018 hat Nationalrat Pirmin Schwander (SVP, SZ) eine Initiative lanciert, die verlangt, dass Familienmit­glieder bei der gegenseitigen rechtlichen Vertretung und Beistandschaft Vorrang haben gegenüber ­familienexternem Personal.

Heute gilt dieser Grundsatz auch, aber nur, sofern die Personen dafür geeignet sind. Die Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde (Kesb) entscheidet. Schwanders Initiative würde die Kesb entmachten.

Wenn die Bundesrichter am Dienstag in einer öffentlichen Beratung den Fall von Silvio Amrein verhandeln, wird Pirmin Schwander auf der Zuschauer­tribüne sitzen. Denn das Urteil wird, wie auch immer es ausgeht, die Debatte um die Kesb beflügeln. (bl)

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