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Der schwule SVP-Politiker, der den Erzkonservativen hilft

Homosexuelle sollen neu in der Antirassismus-Strafnorm geschützt werden. Michael Frauchiger, SVP-Mitglied und schwul, kämpft dagegen an.

Er spüre keine Nachteile als Homosexueller: Michael Frauchiger am Flughafen Zürich. Bild: Urs Jaudas
Er spüre keine Nachteile als Homosexueller: Michael Frauchiger am Flughafen Zürich. Bild: Urs Jaudas

Auftritte wie die von Michael Frauchiger ist man sich in der SVP nicht gewohnt. Es war im Frühling 2019 an der Delegiertenversammlung in Zürich, die Kantonalpartei hatte gerade ein desaströses Wahlresultat eingefahren. Eine neue Parteileitung musste her, unter anderem stellte sich alt Nationalrat Toni Bortoluzzi zur Verfügung.

Da stand Michael Frauchiger auf. Bortoluzzi hatte immer wieder mit Aussagen über Homosexuelle und Frauen provoziert. Er gehöre zu den unbeliebtesten Ehemaligen, sagte Frauchiger, der bekennende Homosexuelle, zu den Delegierten. Bortoluzzis Ansichten seien «von vorgestern», es brauche jemand anderes, «jemanden, der nicht Kopfschütteln und Augenrollen auslöst». Die Parteikollegen starrten auf die Tischplatte.

Sechs Monate später, im Medienzentrum des Bundeshauses in Bern. Nun sitzt Michael Frauchiger mit erzkonservativen Politikern aus EDU, SVP und FDP vom Schlage eines Toni Bortoluzzi in einer Reihe und kämpft mit ihnen gemeinsam für ein politisches Ziel: das Nein zum Schutz für Homosexuelle in der Antirassismus-Strafnorm, über die am 9. Februar abgestimmt wird. Heute stellt die Strafnorm Hass und Herabsetzung wegen Rasse, Ethnie und Religion unter Strafe, das Parlament hat nun «sexuelle Orientierung» dazugenommen. Frauchiger ist dagegen.

Blöde Sprüche

Er spürt keine Nachteile als Homosexueller. Nächtliche Angriffe von alkoholisierten Männergruppen, Diskriminierung bei der Arbeit, bei der Wohnungssuche. Das kennt er nicht. Klar, blöde Sprüche, das schon, von der Baustelle. Aber auch von seinen Kollegen. Allein: Es stört ihn nicht. In dieser Art Humor spiegelten sich die Schwächen einer Gesellschaft, sagt er. «Es wäre absolut falsch, dies zu unterdrücken oder sogar zu verbieten.» Wenn jemand es übertreibe, bekomme er das zu spüren. Wie Toni Bortoluzzi, als er 2015 sagte, Homosexuelle hätten einen Hirnlappen verkehrt herum. Der darauf folgende Sturm der Entrüstung sei die maximale Bestrafung gewesen, sagt Frauchiger. «Ich würde jemanden, der solchen Mist erzählt, nie anzeigen.»

Das Treffen mit Frauchiger findet am Flughafen Zürich statt, auf der Zuschauerterrasse. Er besitzt ein Zutrittsabo, bei der Sicherheitskontrolle kennen sie ihn. Sie wissen, dass er immer ein Sackmesser dabei hat. «Das Panorama ist doch grossartig», sagt er und zeigt Richtung Alpen. Auf der anderen Seite verabschiedet sich die Sonne mit einem leuchtend orangen Streifen.

Bis vor Kurzem war Frauchiger national unbekannt, obwohl er sich politisch engagiert, seit er 16 Jahre alt ist. Da trat er der Jungen SVP in Winterthur bei, mit 21 zog er zum ersten Lebenspartner nach Einsiedeln, wurde dort Mitglied mehrerer ausserparlamentarischer Fachkommissionen. Heute wohnt er in Weiach, im äussersten Zipfel des Kantons Zürich, und ist im Vorstand der SVP Bezirk Dielsdorf.

Gegen Sonderrechte

«Ich möchte keine Sonderrechte haben», sagte Frauchiger bei der Medienkonferenz im November. «Ich möchte endlich die Normalisierung, die mir zusteht als homosexuellem Mitglied unserer Gesellschaft.» Der Kampf um Normalität, er fing schon in der Primarschule an. Michael Frauchiger war gut in Mathe, aber so schlecht in Deutsch, dass es knapp reichte für die Regelklasse. Heute weiss er, dass er Legastheniker ist, es steht auch in seinem Twitterprofil. Er wünschte sich, das würde öfter thematisiert, damit Schüler sich nicht wie er neun Jahre lang entmutigen lassen müssten. Pilot werden könne er vergessen, beschieden ihm die Lehrer. Heute steuert er Kleinflugzeuge in der Freizeit, von Beruf ist er Gebäudetechnik-Ingenieur. Nach zwei Lehren hängte er ein Studium an der höheren Fachschule an.

Der Vater starb früh, die Mutter kam mit den drei Kindern nur knapp durch, Michael ist das jüngste. Das sozialstaatliche Netz war eine grosse Hilfe. Dennoch entschied Michael Frauchiger sich später für die Partei, die den Sozialstaat bekämpft. Er sehe das Missbrauchspotenzial, auch in seinem Umfeld, sagt er. Leute, die arbeiten könnten, aber dennoch Sozialhilfe beziehen.

Mit der SVP habe er die grösste Übereinstimmung, sagt er. Auch wenn sie in einem zentralen Anliegen komplett anders tickt. Frauchiger kämpft kompromisslos für die Gleichstellung Homosexueller. Er will die Ehe für alle, mit allem: Adoptionsrechte, Elternschaft ab Geburt, Zugang zur Fortpflanzungsmedizin. Die SVP ist dagegen. Doch Frauchiger spürt eine Veränderung. Fast die Hälfte der SVP-Nationalratskandidaten habe auf der Wahlplattform Smartvote die Ehe für alle befürwortet, bei der Jungen SVP seien es noch mehr gewesen. Sein Ziel ist: Die SVP soll Stimmfreigabe beschliessen.

Grosse Ambitionen

Er möchte auch in den Zürcher Kantonsrat. Vielleicht werde er schon in der laufenden Legislatur nachrücken. Gerne würde er auch auf die Nationalratsliste in vier Jahren. Die Frage ist, ob seine ungehemmte Kritik an der Parteispitze ihm dabei nicht im Weg steht. Als die SVP diesen Herbst das Apfel-Wurm-Plakat lancierte, schrieb er auf Twitter: «Danke der SVP Schweiz, dass sie uns die Bauern abspenstig macht.» Im Bezirk Dielsdorf sei kein einziges dieser Plakate gehangen, sagt er.

Ob er seine eigene Karriere damit behindere, werde sich weisen, sagt Stefan Schmid, Präsident der SVP Dielsdorf. «Michael Frauchiger ist äusserst engagiert und ein frisches Element in unserer Partei. Die Freiheit ist ihm wichtig, darum ist er wohl in der SVP.» Natürlich mache er sich nicht nur Freunde, sondern löse auch Kontroversen aus. Doch das müsse möglich sein. «Ich bin froh um ihn», sagt Schmid.

Es dämmert, der Himmel über der Zuschauerterrasse ist tiefblau. Es herrscht eine Atmosphäre von Aufbruch, Weite. Bald wird Frauchiger selbst im Flugzeug sitzen, diesmal als Passagier. Nach Australien in die Ferien, bevor der Abstimmungskampf in die Schlussphase kommt.

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